Chat mit ehemaligen Heimkindern "Es gab Schläge mit den Fäusten"

Blinde Gewalt, sexueller Missbrauch und brutale Erzieher. Erinnerungen, die Michael-Peter Schiltsky und Regina Eppert nicht vergessen können. Im Chat bei SPIEGEL ONLINE stellten sich die ehemaligen Heimkinder den Fragen der Leser nach Vergangenheitsbewältigung, Misshandlungen und dem Wunsch nach Rache.


Hamburg - Welche Misshandlungen mussten Sie erleiden? Was geben Sie Ihren eigenen Kindern mit auf den Weg? Haben Sie heute noch Alpträume? Das Interesse der SPIEGEL-ONLINE-Leser an der Vergangenheit der ehemaligen Heimkinder Michael-Peter Schiltsky und Regina Eppert war groß. Rund 3500 Leser loggten sich in das virtuelle Gespräch ein. Sie wollten erfahren, wie nach dem Krieg der Alltag in vielen kirchlichen und staatlichen Heimen war. Darunter auch einige Leser, die ihre Kindheit ebenfalls in Erziehungsheimen verbrachten. Immer wieder gab es für beide Zuspruch: "Mein Respekt an Sie beide für Ihre Offenheit", schrieb etwa Roswitha Hilden.

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Es waren sehr private Einblicke, die Michael-Peter Schiltsky und Regina Eppert den Lesern von SPIEGEL ONLINE gewährten - Einblicke in ein gnadenloses Erziehungssystem. Michael Schiltsky berichtete von den alltäglichen Misshandlungen in seiner Kindheit: "Es gab Schläge mit Fäusten, mit Stöcken, sexuellen Missbrauch und verbale Demütigungen." Nur selten habe eine Betreuerin den Kindern etwas Zuneigung gegeben oder versucht, Gespräche mit den Kindern zu führen. "Es wurde ihr schnell deutlich gemacht, dass sie sich vor allzu großer Nähe hüten soll", schrieb Schiltsky.

Auch Regina Eppert wird die Erlebnisse "ein Leben lang nicht vergessen können". Im Chat erzählte sie von ihrer Kindheit, die sie im Vincenzheim bei den "Barmherzigen Schwestern" verbrachte. Dort musste sie täglich die "übelsten Beschimpfungen der 'Ehefrauen Gottes'" erdulden. Mit ihrer Vergangenheit habe sie sich viele Jahre nicht auseinandersetzen können. "Ich habe sie verdrängt und lange auch nicht über meine Kindheit gesprochen." Als sie selbst Mutter wurde, sei "Liebe und Verständnis" bei ihrer Erziehung das Wichtigste gewesen. "Ich habe davon leider nichts erfahren und damals immer auf eine gute Nonne gehofft", schrieb Eppert.

Auf die Frage nach rechtlichen Schritten gegen die ehemaligen Erzieher antwortete Schiltsky nüchtern: "Gegen sie vorzugehen wäre unsinnig, die Ereignisse sind mittlerweile verjährt." Regina Eppert sieht dies ähnlich: "Rachegefühle sind mir fremd, doch ich erwarte noch immer eine offizielle Entschuldigung."

In dem rund 60-minütigen Chat erzählte Schiltsky auch von einem Wiedersehen mit einem seiner ehemaligen Peiniger: "Es war eine sehr unangenehme Situation, weil er meinte, er könne mich ohne weiteres duzen. Dann sagte er, dass das alles doch nicht so schlimm gewesen wäre, schließlich sei aus mir doch etwas geworden."

jdl

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