Chemieunfall in Westungarn: Die rote Giftschlammwelle

Rot, soweit das Auge reichte! Als in Westungarn ein Auffangbecken für Rotschlamm brach, ergoss sich eine gigantische Schlammlawine über Dörfer und Felder. Simone Utler hat für SPIEGEL ONLINE das Thema betreut.

Aluminium-Abfall: Die rote Flut Fotos
AFP

Eine Gasmaske, zu dessen Mundteil ein fast zwei Finger dicker Schlauch führt, das Sichtfenster in der Maske ist beschlagen, auf dem olivfarbenen Schutzanzug kleben dunkelrote Spritzer. Knietief steht der vermummte Mann in einem Meer aus Rot, im knöcheltiefen, dickflüssigen Schlamm. Er ist einer der Helfer, die versuchen, in Westungarn die Kontrolle über eine rote Giftschlammwelle zu gewinnen.

Am 4. Oktober ist die Wand eines Auffangbeckens für Rotschlamm in einer Tonerdefabrik im westungarischen Ajka geborsten. Die Welle überschwemmt Felder, Straßen und Häuser, insgesamt sechs Ortschaften sind betroffen. Mannshoch sind die Fluten in Kolontár, im ein paar Kilometer weiter entfernten Devecser reichen sie noch bis zur Hüfte. Einwohner retten sich auf Dächer oder Mauern, fliehen in die oberen Etagen ihrer Häuser.

Als die Flutwelle durchrollt ist, bleibt eine dicke Schlammschicht zurück. Der Schlick steht in Gärten und in Wohnzimmern, tote Tiere liegen darin und Treibgut. Auch die Häuser sind gezeichnet, sie sind nicht mehr weiß, beige oder ziegelfarben, sondern blutrot.

Als ich versuche, bei der zuständigen Firma MAL einen Verantwortlichen ans Telefon zu bekommen, wimmelt mich eine Mitarbeiterin ab. Man mache sich gerade ein Bild vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt ist Greenpeace schon weiter und warnt: Der Rotschlamm sei gefährlich, extrem gesundheitsschädigend.

Die Anwohner kämpfen gegen die Brühe und sind kaum geschützt: dünne Plastikhandschuhe und Gummistiefel, vereinzelt ein Mundschutz. Viele schöpfen den Schlamm mit bloßen Händen Schaufel für Schaufel, Eimer für Eimer, Schubkarre für Schubkarre aus ihren Häusern. Knietief stehen sie in der roten Suppe, waschen den Schlamm mit Wasser aus einer 0,75-Liter-Flasche von den Händen.

Die farbgewaltigen Bilder der Katastrophe werden auf allen Titelseiten abgedruckt, in allen Nachrichtensendungen gezeigt. Doch nach wenigen Tagen ebbt das Interesse ab. "Die Donau fließt eben in die falsche Richtung", sagt ein Kollege.

Die Katastrophe in Westungarn interessiert uns so wenig, weil die Donau die rote Brühe nach Kroatien, Serbien und Rumänien bringt? Weil die nächsten Nachrichten auf uns einprasseln?

Ich kann die Bilder nicht vergessen - und die Fakten. Zehn Menschen starben, etwa 150 erlitten Verletzungen. Mehr als 350 Häuser wurden zerstört, eine Fläche von 40 Quadratkilometern ist verseucht. Die meisten der rund 800 Bewohner von Kolontár kehrten in ihre verdreckten Häuser zurück, 191 weigerten sich. MAL hat den Betroffenen Entschädigungszahlungen in Höhe 1,5 Milliarden Forint (etwa 5,5 Millionen Euro) versprochen. Doch das wird bei weitem nicht ausreichen.

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