China Dorfbewohner wollen HIV-positiven Jungen vertreiben

Für seine Mitmenschen ist Kunkun vor allem eins: "eine wandelnde Zeitbombe". Per Petition wollen Dutzende Dorfbewohner in China den Achtjährigen loswerden. Weil er HIV-infiziert ist.

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Aids-Prävention in China: HIV-Infektion "zu beängstigend für uns"
AP/ Xinhua

Aids-Prävention in China: HIV-Infektion "zu beängstigend für uns"


Peking - In China ist die Angst vor allem, was aus dem kollektiven Rahmen fällt, groß. Im Fall des kleinen Kunkun ist es eine Krankheit, die ihn zum Außenseiter macht. Der Achtjährige ist HIV-positiv.

Jetzt haben 200 Bewohner seines Heimatdorfes Shufangya in der Provinz Sichuan eine Petition unterschrieben, in der sie fordern, den Jungen zu verbannen, um "die Gesundheit der Dorfbewohner zu schützen". Er sei eine wandelnde "Zeitbombe". Besonders befremdlich: Unter dem Gesuch steht auch der Name von Kunkuns Großvater, bei dem der Junge zuletzt gelebt hat.

"Wir können uns nicht länger um den Jungen kümmern", sagte der 69-Jährige der Zeitung "Huashang Daily". "Noch nicht einmal seine eigenen Eltern kümmern sich um ihn." Unerzogen sei der Kleine, niemand würde ihn wirklich mögen.

Kunkun hatte sich bei seiner Mutter angesteckt, die die Familie 2006 verließ. Nach der HIV-Diagnose beim Kind verschwand auch der Vater. Jetzt hat Großvater Luo Sheng Sorgen: Nur 600 Yuan, knapp 80 Euro, bekomme er vom Staat für die Betreuung des Enkels. Die Großmutter sei blind und taub, er selbst habe Herzprobleme. Und dann sei seinem jüngeren Sohn auch noch die Frau mit den Kindern weggelaufen - wegen Aids-Angst: "Wenn der Junge nicht verschwindet, wer wird dann meinen jüngeren Sohn heiraten?"

Ein solches Verhalten wirkt auf westliche Beobachter herzlos, materialistisch, archaisch - und genau das ist es auch. Man muss sich aber vor Augen halten, dass in China lange Zeit in Medien und sozialen Netzwerken aktiv Stimmung gegen Aidskranke gemacht und wilde Gerüchte gestreut wurden - etwa über marodierende, mit Spritzen bewaffnete HIV-Infizierte, die andere mit Absicht anstecken.

Noch immer gehen die Menschen davon aus, dass die Kranken selbst schuld sind an ihrem Schicksal - und wollen sie nicht in ihrer Mitte haben. Auch wenn sie noch im Mutterleib infiziert wurden oder durch eine Bluttransfusion.

"Niemand spielt mit mir, ich spiele allein"

Es ist deshalb ein gutes Zeichen, ein Hinweis auf einen Bewusstseinswandel, wenn der aktuelle Fall Kunkun landesweit Empörung auslöst. Beim chinesischen Twitter-Pendant Sina Weibo kritisierten Nutzer, der Junge werde rücksichtslos vernachlässigt und ungerecht behandelt. Zehntausende brachten ihren Unmut zum Ausdruck. So groß war der öffentliche Druck, dass die Regierung in Peking jetzt angekündigt hat, sich der "Erziehung" der Dorfbewohner anzunehmen.

Medienberichten zufolge wurde der kleine Junge schon seit Langem gemieden und durfte noch nicht einmal die Schule besuchen. "Niemand spielt mit mir, ich spiele allein", sagte Kunkun. Sicher, das Kind tue den Dorfbewohnern leid, sagte der Vorsitzende der Kommunistischen Partei von Shufangya, Wang Yishu. Die HIV-Infektion sei aber "zu beängstigend für uns".

Inzwischen hat ein Arzt laut "Global Times" den Achtjährigen untersucht und erklärt, die schlechten Blutwerte zeigten, dass eine sofortige medizinische Behandlung indiziert sei. Die Organisation AIDS Care China werde sich um Kunkun kümmern - wenn die Sorgeberechtigten dies erlaubten.

Laut Angaben der chinesischen Behörden haben sich in China seit der Entdeckung von HIV im Jahr 1985 etwa 497.000 Menschen mit dem Virus infiziert. Das Uno-Programm UNAIDS bezifferte die Zahl im Jahr 2011 auf etwa 780.000, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind derzeit geschätzt 800.000 Patienten in Behandlung. Die Übertragungsraten von Müttern auf ihre Kinder hätten sich reduziert, auch unter Drogenabhängigen seien die Infektionsraten gesunken, heißt es in einem Bericht.

Doch noch immer werden HIV-positive Chinesen in Schulen, Krankenhäusern und im Job diskriminiert. Man schließt sie aus, verweigert ihnen medizinische Behandlung oder entlässt sie aus Arbeitsverhältnissen.

Zwar konstatierte die WHO noch Anfang Dezember leichte Verbesserungen bei Prävention und Behandlung von HIV-Infektionen. Es ist aber symptomatisch, dass einer der häufigsten Kommentare in den sozialen Netzwerken zum Fall Kunkun war: "So ein kleiner Junge! Wie konnte er bloß Aids kriegen?" Die Botschaft ist klar: China muss noch eine Menge Aufklärungsarbeit leisten.

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