Chinas Illusion der "Grünen Spiele" Peking zapft der Provinz das Wasser ab

Peking geht vor: Diese Devise gilt in China jetzt mehr denn je. Um bei den Olympischen Spielen die Ausrichtung der Ruder- und Kanuwettbewerbe zu garantieren, gräbt die Hauptstadt dem Umland das Wasser ab - mit verheerenden Folgen.

Von , Peking


Die Tribünen für 28.000 Zuschauer stehen bereit, die Parkplätze sind fertig, alle Hinweisschilder aufgestellt. Das Wasser schimmert unter grauem Sommerhimmel. Die Olympischen Spiele können beginnen.

In Shunyi vor den Toren Pekings werden Kanuten und Ruderer ab dem 8. August um insgesamt 32 Goldmedaillen kämpfen - in einem feinen Wassersportzentrum, das die Organisatoren innerhalb kurzer Zeit aus dem Boden gestampft haben.

Den Wassersport nach Shunyi zu holen, gehört zu den erstaunlichen Beschlüssen der Pekinger Olympiaverantwortlichen: An dieser Stelle gibt es eigentlich kein Wasser, schon lange nicht mehr. Denn der nahe Chaobei-Fluss ist seit vielen Jahren ausgetrocknet, in seinem Bett gedeihen Büsche und Sträucher. Nur die Deiche an seinem Ufer erinnern an die alten Zeiten.

Für die Äcker und Felder und den Xiangcun-Golfplatz muss Wasser durch einen schmalen Kanal über eine Strecke von 13 Kilometern von einem anderen Fluss hierher geholt werden. Trotzdem ist die Rennstrecke mit Wasser gefüllt, dreieinhalb Meter tief.

"Es ist frisch und sauber, wir pumpen es aus der Tiefe hinauf", sagt ein Angestellter einer Firma des örtlichen Wasserwerks auf der anderen Seite der Straße.

Was den Mann so zufrieden stimmt, lässt Pekinger Umweltschützer und Wissenschaftler nicht ruhig schlafen. Ihnen erscheint das Projekt als Höhepunkt der Unvernunft.

Wer Flüsse sucht, findet häufig nur staubige Rinnen

Die Lage auf dem Olympiagelände von Shunyi ist symptomatisch für ganz Peking. Das Wasser ist knapp, die chinesische Hauptstadt trocknet aus. Auf offiziellen Karten sind noch mehr als 200 Flüsse, Bäche und Kanäle blau eingezeichnet. Wer sie sucht, findet häufig nur staubige Rinnen. In der Umgebung der Metropole sieht es ähnlich aus. Weite Flusstäler haben sich längst in Felder verwandelt, die historische Marco-Polo-Brücke überspannt anstatt des Yongding-Flusses eine trockene Ebene.

Dies liegt nicht nur an der jahrelangen Dürre im Norden Chinas, sondern auch an den Menschen und ihren Fabriken.

Mit seinen 17 Millionen Einwohnern und den vielen Baustellen verbraucht Peking immer mehr Wasser. Da viele Leitungen marode sind, versickern täglich Millionen von Litern in der Erde.

Bislang beziehen die Hauptstädter ihr Wasser vor allem aus dem Miyun-Reservoir im Osten, dessen Pegel allerdings stetig sinkt. Ein anderer Stausee im Westen der Stadt wurde schon vor Jahren gesperrt, weil er zu stark verschmutzt war.

Weil der Nachschub nicht ausreicht, bohren die Pekinger sich mittlerweile tiefe Brunnen, mit der Zeit geht es tiefer und tiefer hinab. Längst sind sie zum Karstwasser vorgedrungen, das seit Millionen Jahren in mehr als tausend Metern Tiefe schwappt. Selbst stärkste Regenfälle könnten dieses Wasser nicht ersetzen, wenn es erst einmal erschöpft ist.

Sieben Milliarden Kubikmeter an Grundwasser hat die Stadt in den vergangenen 30 Jahren nach oben gepumpt. "Wenn das so weitergeht", warnt Professor Liu Changming von der Akademie der Wissenschaften, "dann sind die Kavernen in rund 20 Jahren leer."

Und nun Olympia: "Die Spiele verstärken die Wasserkrise noch", sagt die Umweltschützerin und Regimekritikerin Dai Qing, die sich mit ihrem Protest gegen den Drei-Schluchten-Damm am Yangtse den Ruf einer mutigen Mahnerin erworben hat. Zusätzlich 200 Millionen Kubikmeter wird das Sportfestival verschlingen, schätzt die kanadische Umweltorganisation Probe international.

Denn nicht nur die Ruder- und Kanustrecke in Shunyi sowie Stadien und Schwimmhallen müssen versorgt werden. Die Stadtväter haben auch riesige Springbrunnen, einen künstlichen See auf dem Olympiagelände sowie große neue Parks angelegt, um ihr Versprechen für "Grüne Olympische Spiele" zu halten. Ausgetrocknete Flüsse und Kanäle wurden für das große Ereignis mit Wasser aufgefüllt.

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