Chinesische Hundeleben Röckchen, Söckchen, lackierte Nägel

Mehr als eine Million Hunde leben in Peking, Tendenz steigend. Mit dem wachsenden Wohlstand gedeiht auch die Tierliebe der Chinesen - und nimmt inzwischen absurde Züge an.

Von Sandra Schulz, Peking


Peking - Der Freitag ist immer ein guter Tag für Eddy, da wird er im Auto zum Swimmingpool gefahren. Dann darf er endlich raus aus der Luxuswohnung, tagsüber, sonst bleibt ihm nur die Nacht. Denn Eddy ist groß - und illegal.

Eddys Besitzerin, Frau Jiang, hat keine Kinder und will auch keine. Sie hat ja ihn, den Golden Retriever, und der sei leichter zu erziehen als ein Kind, sagt sie.

Eddy weiß, wie er sich im Hundefreibad zu benehmen hat. Die Neuen schlittern über die Fliesen, die Kleinen paddeln panisch, die Großen pflügen durch den Pool. Die Furchtsamen werden ins Becken gehoben, die Mutigen springen. Eddy aber schwimmt bedächtig, den Ball im Maul. Er gehört zu den Erfahrenen, und die ziehen ihre Bahnen langsam und mit erhobener Schnauze.

Das Gelände "Coolbaby" liegt in einem Park in Pekings Innenstadt, gut zu erreichen über achtspurige Hauptstraßen. Trauerweiden, Sonnenschirme, Picknickplätze, auf dem Rasen eine Bummelbahn und in der Mitte, riesig und geschwungen: das türkisfarbene Schwimmbecken. Es ist der einzige Ort, wo große Hunde draußen toben können, ohne dass ihre Besitzer Angst vor der Polizei haben müssen.

Denn hier sind sie nur zu Besuch, hier fragt niemand nach ihrer Meldeadresse. Jedes Tier, das höher ist als 35 Zentimeter, ist im Zentrum offiziell verboten. Außerdem gilt: pro Haushalt nur ein Hund. 800.000 Hunde sind in Peking angemeldet, genau so viele, schätzt man, leben heimlich in der Hauptstadt. Die Dunkelziffer pinkelt im Dunkeln, so wie Eddy.

"Fettarm, proteinreich, delikat"

Frau Jiang kann nicht verstehen, dass manche Chinesen noch immer diese sensiblen, großäugigen Wesen essen, sie hasst die Märkte, wo kräftige "Fleischhunde" nach Kilogramm verkauft werden und auch die Restaurants, die Feuertopf mit Hund anbieten für 68 Yuan, "fettarm, proteinreich, delikat". Frau Jiang vermutet den Ursprung dieser Unsitte bei den Koreanern, einer ethnischen Minderheit in China. Haben die vielleicht die anderen Chinesen dazu verleitet?

Längst will der Chinese dem Hund nicht mehr wehtun. Er nimmt sogar lieber ein Bauchgeschirr statt eines Halsbands, wenn er ihn an der Leine führt. Damit es nicht so drückt an der Kehle. Er liest Hunde-Zeitschriften, um sich über Themen zu informieren wie: Klimaanlage für Hunde - ja oder nein? Kaltgetränke für Hunde - ja oder nein? Sonnenbrillen für Hunde - ja oder nein? Er liebt den Golden Retriever und den Husky und besonders den braunhaarigen Pudel. Den schert er gleich zum Teddybären. Überhaupt, weiß Herr Chen, der Chinese liebt es wuschelig.

Herr Chen ist Taiwaner, er ist der Direktor von Kudi Kennel, einer Ladenkette für Tierbedarf, und er glaubt, die frische Liebe zum Hund habe auch etwas mit der chinesischen Ein-Kind-Politik zu tun. Für viele, sagt er, sei einfach der Hund das zweite Kind. Das Geschäft mit Leckerchen laufe bei ihm noch besser als das mit Hundefutter.

Als Herr Chen einst von Taiwan nach Birmingham flog, um sich den besten aller Yorkshire-Terrier zu sichern, den Champion einer Hundeschau, als der Vertrag schon aufgesetzt, der Kaufpreis ausgehandelt war, fragten die Engländer, wohin das Tier denn reise. Taiwan, sagte er. "Wo liegt das?", fragten sie, und er antwortete: "In der Nähe von China." Da verweigerten sie ihm den Hund aus Angst, er könnte ihn kochen.

Hunderöckchen, Hundesöckchen

Dabei verkauft er den Chinesen doch jetzt Hunderöckchen, Hundekleidchen, Hundeschühchen. Die Hunde-Söckchen tragen den Aufdruck "I love China". Für den kleinen Hund gibt es zudem einen Kimono, für den großen ein Panda-Kostüm, und für alle einen Kleiderschrank mit Bügeln. Gerade erst haben sie das "Pet Spa" aufgemacht. Hier badet der Hund lauwarm im Holzzuber, 30 Minuten, Öle im Wasser, Rosenblätter, Mineralien aus dem Toten Meer, dazu leichte Massage.

Nur beim ersten Mal, erzählt Herr Chen, sei das Tier nervös, da müssten sie es leider unter Wasser drücken. Ein bis zwei Mal im Monat kommt der Hund zur Nagelpflege. Erst schneiden sie ihm die echten Krallen kurz, dann werden die künstlichen Nägel übergezogen, wahlweise in rosa, gelb oder blau. Der Yorkshire-Terrier, der den Eingang zum Schönheitssalon bewacht, heißt "Hässliches Mädchen". Er liegt in einem Glaskasten und hat rote Fußnägel.

Die Chinesen haben eigens Herrn Chen nach Peking geholt, denn Herr Chen war ein berühmter Mann im Hundeshow-Geschäft auf Taiwan, Bilanz: über 200 Trophäen. Und überhaupt haben die Taiwaner den Chinesen in der Haustierindustrie mindestens zehn Jahre voraus.

Der Hund von nebenan

Der gewöhnliche Hund, kein Luxustier wie Eddy, nein, ein Hund wie Dong Dong, lebt sein Leben in einer Dreizimmerwohnung in einem Wohnblock, irgendwo im sechsten oder zwölften Stock, und ist ein Blasenwunder. Er muss die Pekinger "Hundeordnungsregeln" befolgen und sich, wenn überhaupt, auf einem umzäunten Grasfleck, ein Quadratmeter groß, erleichtern.

Morgens um sieben geht er einmal um das Hochhaus, zehn Minuten, es sei denn, seine Besitzer haben morgens keine Zeit. Dann wirft er vor Wut den Fressnapf um. Abends darf er an der Leine auf einem schmalen Rasenstreifen im "Glückliche-Hunde-Garten" spielen oder seine Besitzerin läuft, halb joggend, halb trippelnd, mit ihm auf der Straße, denn auf dem Bürgersteig parken die Autos.

Anfangs, wenn seine Besitzer den Haustierkanal schauten und fremdrassige Hunde im Ausland sahen, hat er noch mitgeguckt. Jetzt ist ihm auch das zu öde geworden. Ein Hund wie Dong Dong, sagt seine Besitzerin, seufzt viel.

Im Tod endlich geht es ins Grüne. Über eine Stunde von der Innenstadt entfernt, ganz im Norden von Peking, liegt der Chen Shaochun's Baifu Tierfriedhof. Bäume, Ruhe, Grillenzirpen. An die 2000 Haustiere sind hier begraben in einem Birkenwäldchen, zwei Drittel davon sind Hunde.

"Wir werden dich immer vermissen"

Aber hier ruhen auch Katze, Affe, Hase, Schildkröte, Ente, Schlange, Fisch. "Fisch, schwimmend im Himmel" steht auf einem grauen Grabstein, in Gold eingraviert, auf einem anderen: "Hübsches Baby Liang Liang. Wir lieben dich und werden dich immer vermissen."

Liang Liang war ein Zwergspitz. Er wurde fünf Jahre alt, 30 Jahre beträgt die Liegezeit auf dem Friedhof. Er wurde eigens umgebettet, von Sektion C zu Sektion D, in die Luxusklasse. 4000 Yuan, mindestens, kostet ein Luxusgrab, 2,70 Meter breit, 3,20 Meter lang. Da ist zwar der braune Jägerzaun rund um Liang Liangs Territorium schon mit eingerechnet, aber noch nicht der Glaskasten, der den weißen Marmorstein schützt. Und auch die künstlichen, lila Lotusblüten, die Chrysanthemen-Girlanden, die Rosen kommen extra.

Alle zwei Wochen besucht Liang Liangs Besitzerin den toten Spitz, bringt weiße Lilien mit. Beika, die "Perle", haben sie erst letzten Samstag begraben, frisch gekämmt, in weiße Laken gewickelt, zusammen mit ihrem Spielzeug. Jetzt steht ihr gelber Wassernapf am Grab und ein angebissener Apfel, Äpfel mochte sie doch so gern.

Zur Beerdigung des Schäferhundes erschienen sieben Menschen, die Eltern, die Tochter, der Freund der Tochter, das Kindermädchen, dazu noch ein paar Freunde der Familie. Beikas Besitzer haben noch fünf andere Hunde, deswegen haben sie gleich ein Familiengrab gekauft. Ganz langsam solle er Beika ins Grab hinablassen, hatte man den Friedhofswärter angewiesen. Die erste Schippe Erde übernimmt stets der Besitzer.

Wurstbrötchen, Hähnchenkeulen, Joghurtbecher

Manche lassen sogar zeitgleich Mönche im Tempel beten für den Hund, während die Beisetzung stattfindet. Und natürlich kommen die Besitzer von Pudel Jia Jia ("Gut Gut") und Cockerspaniel Qiu Qiu ("Ball Ball") künftig am Todestag und auch am Hundegeburtstag, selbst wenn sie dafür einen Tag Urlaub einreichen müssen.

Sie legen Wurstbrötchen, Hähnchenkeulen, Joghurtbecher ans Grab, zünden Räucherstäbchen an. "Die haben keine Kinder", sagt der Friedhofswärter und weist auf die Luxusgräber, "und die auch nicht, und bei denen lebt die Tochter im Ausland." Mindestens drei Begräbnisse haben sie in der Woche, manchmal sogar drei am Tag.

Herr Liang, ein chinesischer Geschäftsmann, im Elektronikhandel tätig, war der erste, der die Luxussektion D begründete mit dem Grab für seine "Alisa", als Welpe in Moskau gekauft. Die Hunde gehörten jetzt zur Famile, sagt er, die Menschen würden sie "mein Sohn", "meine Tochter", "mein Enkel" rufen. Und da die Bindung der Familienmitglieder so wichtig sei, man denke nur an Konfuzius Worte, ehre man jetzt eben auch den Hund.

Ein Grab liegt ganz am Rand des Birkenwäldchens, abseits, so als gehörte es eigentlich gar nicht richtig zum Areal. Es ist groß, es gehört zur Luxusklasse, doch die schwarze Marmorplatte ist nackt, keine Inschrift, kein Name, kein Foto. Der Besitzer möchte die Identität des Tieres nicht verraten, sagt die Friedhofsverwaltung. Der einzige Hinweis flattert im Wind, in Blau, Gelb und Rot. Rund um das Grab wehen tibetische Gebetsfahnen.



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