Cholera-Epidemie: Haiti, eine vergebene Chance
Tausende sind in Haiti an Cholera erkrankt, es gab bislang mehr als dreihundert Todesopfer. Erneut beklagen Hilfsorganisationen, dass immer noch viel zu wenig Menschen Zugang zu frischem Wasser haben. Die Chance zum Neuanfang nach dem Erdbeben wird nicht genutzt.
Um den täglichen Wasserbedarf ihrer Familie an einem spärlichen Rinnsal zu decken, an dem auch noch gewaschen wird, laufen die Kinder von Katherine Meance über eine halbe Stunde. "Es ist die einzige Stelle im Umkreis von Kilometern", sagt die 36-jährige Bäuerin und Mutter von drei Kindern. Sie lebt in Les Palmes, knapp 1300 Meter hoch in den Bergen oberhalb der Hafenstadt Petit-Goâve, und noch weit entfernt von der Epidemiezone in der Artibonite-Region.
Wer gehofft hatte, nach dem Beben bestünde für das abgewirtschaftete und bitterarme Land eine Chance zum Neuanfang, muss verzweifeln, denn die Cholera-Epidemie zeigt, dass daran nicht zu denken ist. Die Misere setzt sich fort.
303 Menschen starben in dem von der Erdbebenkatastrophe gezeichneten Land seit Ausbruch der Cholera, 4722 Infektionsfälle sind nach Informationen des Koordinierungsbüros für humanitäre Hilfe der Vereinigten Nationen (OCHA) bestätigt.
Die Epidemie sei das Resultat der "strukturellen humanitären Krisensituation", sagt die Chefin der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti, Astrid Nissen. Die wenigsten Menschen könnten sich ausreichend ernähren oder verfügten über einen Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Die Hygiene und die Wasserversorgung sei im ärmsten Land Lateinamerikas "schon immer prekär" gewesen. "Verunreinigtes Wasser ist noch immer eines der großen Probleme Haitis", sagt Nissen. Die Flüsse, oft mit Chemikalien aus der Landwirtschaft und Fäkalien kontaminiert, dienen gleichzeitig als Badezimmer, Waschplatz und Trinkwasserquelle.
"Viele sind chronisch unterernährt"
Die Menge eines Glases Wasser, eingeschweißt in ein Plastiktütchen, kostete in der vergangenen Woche zwei Gourdes (4 Eurocent). Aber für jemand, der täglich höchstens 40 Gourdes (umgerechnet 80 Eurocent) zum Lebensunterhalt zur Verfügung hat und sich gerade mal eine warme Mahlzeit am Tag leisten kann, schon ein Luxus - und ein Infektionsherd, denn die mundgerechten Wasserbeutel gehen durch viele Hände auf dem Weg von der Abfüllstation bis zum Konsumenten. Mal sind sie auf Blockeis gekühlt, dann wieder in der brütenden Karibiksonne lauwarm geworden.
Die explodierenden Wasserpreise treiben die Menschen zusätzlich dazu, doch ungefiltertes und nicht gereinigtes Wasser zum Kochen und Trinken zu benutzen. Inzwischen hat sich der Preis für einen 16-Liter-Kanister gefiltertes Wasser auf 200 Gourdes (4 Euro) fast vervierfacht. Unerschwinglich für die Armen Haitis, also 80 Prozent der Bevölkerung, die am Rande oder unter der international definierten Armutsgrenze von einem US-Dollar leben.
Besonders kritisch ist die Lage für die Kinder in Haiti. "Viele sind chronisch unterernährt", betont die Sprecherin der Kindernothilfe (KNH) in Haiti, Katja Anger. Die KNH betreut Tausende von Kindern und Waisen in den Notlagern in sogenannten kinderfreundlichen Zentren, in denen sie nicht nur von Pädagogen und Psychologen betreut, sondern auch verpflegt werden.
"Erstaunlich, dass nicht schon früher eine Seuche ausgebrochen ist"
Die Duisburger Kindernothilfe, die seit Jahren in Haiti arbeitet, hat die Mitarbeiter der lokalen Partnerorganisationen in Präventionsmaßnahmen geschult, damit sich in den Kinderzentren die Choleraepidemie nicht ausbreiten kann. Ebenso wurden Wasserfilter und sogenannte Hygiene-Kits verteilt.
Gesundheitsexperten wunderten sich schon lange, dass nach dem schweren Erdbeben in Haiti keine Seuchen ausgebrochen waren.
Seit dem 12. Januar, als in Port-au-Prince und in südwestlichen gelegenen Gebieten die Erde bebte, leben mehr als 1,3 Millionen Menschen in notdürftigen Zeltstädten. Und in vielen herrschen katastrophale hygienische Zustände.
Oft sind die Menschen nur durch eine dünne Plane vom Nachbarn getrennt und vor Regen geschützt, Abwässer und Kloake fließen um und durch die Zelte. "Dass nicht schon früher eine Seuche ausgebrochen ist", sagt die Büroleiterin der Diakonie Katastrophenhilfe in Haiti, Astrid Nissen, "ist schon erstaunlich."
Zur Seuchenverhinderung beigetragen hat die schnelle internationale Hilfe - und oft auch die Eigeninitiative der Betroffenen.
Leichen wurden aus Angst vor Seuchen auf der Stelle verbrannt oder in Massengräbern nördlich von Port-au-Prince in Savanne Bèf verscharrt. Und bereits zwei Tage nach dem Erdbeben, bei dem rund 300.000 Menschen den Tod fanden, konnten die ersten Flugzeuge mit Wasserreinigungsanlagen aus aller Welt auf dem notdürftig reparierten Flugfeld des Toussaint Louverture International Airport landen.
"Die hygienischen und gesundheitlichen Zustände sind oft prekär"
Vielleicht sind aber deshalb so viele Gesundheitsexperten über die Epidemie erschrocken, weil sie sich von den "relativ guten Zuständen" in den Unterkünften für die Erdbebenopfer haben täuschen lassen.
Allein das Technische Hilfswerk (THW) bereitete täglich mehr als eine halbe Million Liter Trinkwasser auf. Noch immer werden die rund 1.300 Obdachlosenlager regelmäßig von Tanklastern versorgt. "Noch nie hatten die Menschen hier so gutes Trinkwasser", kommentiert ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation die Versorgungssituation. Außerdem landeten Containerschiffe aus den umliegenden Ländern Unmengen an mobilen Toilettenhäuschen an. Auch wenn die Dixi-Klos nicht immer dem Ansturm gewachsen waren. Auf dem Place St. Pierre im Zentrum von Petión Ville, oberhalb von Port-au-Prince gelegen, müssen sich noch immer rund 6.000 Menschen sechs Toilettenhäuschen teilen.
"Die hygienischen und gesundheitlichen Zustände sind oft prekär, aber viele Haitianer haben schon vorher in mehr als menschenunwürdigen Umständen leben müssen", sagt Nissen. Kenner des Landes versichern, dass es einigen der Lagerbewohner heute "relativ" besser geht, als in einigen Slums wie Cité Soleil oder Whraf Jérémie, die sich über die Jahrzehnte am sumpfigen Meeresrand der haitianischen Hauptstadt gebildet haben.
In den meisten Lagern gibt es mindestens einmal in der Woche Sprechstunden, in denen Erkrankte von Ärzten behandelt werden. Komitees in den Zeltstädten kümmern sich zudem um den Abtransport der Abfälle und die Reinigung der schmalen Labyrinthgänge zwischen den Zelten.
Doch während in Leogâne jugendliche Freiwillige aus Spanien neben jungen Helfern mit auffällig großen Kreuzen um den Hals Solidarität mit den Katastrophenopfern bekundeten, in dem sie Sperrholzunterkünfte mit Wellblechdächern für zerstörte Waisenhäuser errichteten, Decken, Matratzen und Küchengeräte verteilten, rückten die Lebensbedingungen der Bevölkerung in nicht vom Erdbeben betroffenen Landesteilen in den Hintergrund.
"Wir hatten die Klinik kaum aufgebaut, da brachten sie die ersten Erkrankten"
Diese Entwicklung wird jetzt dramatisch durch neue Meldungen von Cholerafällen unterstrichen. Nicht in den Lagern in Leogâne, Petit-Goâve, Jacmel oder Port-au-Prince erkrankten die Menschen, sondern rund 70 Kilometer vom Erdbebenzentrum entfernt wurden die ersten Infektionsfälle registriert.
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betreibt seit dem Erdbeben ein mobiles Krankenhaus in Carrefour, einem Vorort der Hauptstadt, und hat einen Teil seiner Klinik in die Krisenregion verlegt, um in Arcahaie Cholerapatienten vor Ort zu behandeln. "Wir hatten die Klinik kaum aufgebaut, da brachten sie uns schon die ersten Erkrankten", berichtet Andreas Fabricius, Hospitalmanager des DRK.
Es müsse verhindert werden, dass Kranke aus den Infektionsregionen in die Erdbebenzone kämen, um dort bessere ärztliche Versorgung zu suchen, die Infektionsgeschwindigkeit habe sich jedoch leicht verringert.
Vor zu viel Optimismus warnt aber die Koordinatorin der deutschen Hilfsorganisation Humedica, Caroline Klein. Die Situation sei "definitiv nicht unter Kontrolle". Es gebe nach wie vor Ortschaften, "die komplett ohne medizinische Versorgung sind." Und eine große Angst bleibt: Vor schweren Regenfälle, die Latrinen und Flüsse zum Überlaufen bringen und die wenigen sauberen Wasserstellen auch noch kontaminieren - oder vor einem Wirbelsturm, der über Haiti hinwegziehen könnte.
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- Freitag, 29.10.2010 – 17:20 Uhr
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Fläche: 27.750 km²
Bevölkerung: 9,993 Mio.
Hauptstadt: Port-au-Prince
Staatsoberhaupt: Michel Martelly
Regierungschef: Laurent Lamothe
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