Choreograf der Olympia-Eröffnung Chinesischer Starregisseur spottet über westliche Kultur

Er choreografierte die olympische Eröffnungsfeier, drehte Meisterwerke wie "Hero" und gilt als Chinas Spielberg: Jetzt preist Regielegende Zhang Yimou Befehl und Gehorsam. In einem Interview begründet er damit eine kulturelle Überlegenheit seines Landes - und enthüllt Erstaunliches über die KP.

Von , Peking


Zhang Yimou ist eine Legende. Er hat grandiose Filme gedreht wie "Hero" und "Der Fluch der Goldenen Blume", aber auch berührende Filme wie "Leben!", der in China immer noch nicht in den Kinos gezeigt werden darf - weil er von dem Schicksal der Chinesen während der Kulturrevolution berichtet.

Regisseur Zhang Yimou: "Darsteller gehorchen Befehlen"
AP

Regisseur Zhang Yimou: "Darsteller gehorchen Befehlen"

Der Regisseur ist Experte für Massenszenen, die zugleich faszinieren und abschrecken. Deswegen waren viele in China und im Ausland gespannt, als Zhang von der Kommunistischen Partei den Auftrag bekam, die Eröffnungsveranstaltung für die Olympischen Spiele zu inszenieren.

Würde er ein ähnliches Spektakel entwerfen, wie wir es von den Nordkoreanern gewohnt sind - ein Symbol gleichgeschalteter Massen? Die Sorge erwies sich als unberechtigt. Doch nun hat der Regisseur in einem ausführlichen Interview mit der Zeitung "Südliches Wochenende" seine Gedankenwelt geöffnet - und sich als Bewunderer der nordkoreanischen Politkunst erwiesen. "Diese Vorstellungen können so uniform sein. Solche Art von Gleichheit bringt Schönheit hervor", sagt er. Und fügt auf sich und seine Landsleute bezogen hinzu: "Wir Chinesen können das auch."

Als Beispiel nennt er seine Idee der silberfarbenen Blöcke während der Eröffnungsfeier, die sich wie chinesische Schriftzeichen aus dem Setzkasten einer traditionellen Schreibmaschine hoben und senkten. "Darsteller gehorchen Befehlen, sie können es wie Computer tun. (...) Das ist der chinesische Geist."

Dann macht sich Zhang über die Ausländer lustig, die so etwas "nicht erreichen könnten", allein schon wegen der "Menschenrechte".

Er klagt über seine Erfahrungen bei Versuchen, außerhalb Chinas Opern zu inszenieren. Die westlichen Darsteller arbeiteten nur viereinhalb Tage in der Woche, zwei Kaffeepausen am Tag legten sie ein, und dann konnten sie noch nicht mal gerade in Reihen stehen. Und sie gehörten auch noch irgendwelchen "Organisationen an. (...) Sie haben alle Arten von Institutionen und Gewerkschaften". Die Chinesen erreichten wegen ihrer Kultur binnen einer Woche, wofür die Europäer einen Monat bräuchten. Nur die Nordkoreaner seien noch besser.

Bei solchen Worten läuft es dem westlichen Beobachter kalt den Rücken hinunter - denn da verknüpft ein weltberühmter Regisseur, einer der führenden Intellektuellen Chinas, Befehl, Gehorsam, Schönheit der Masse und Gleichschaltung mit einem abstrakten chinesischen Geist, mit einem Wesen, an dem hoffentlich nicht die Welt genesen soll.

KP überwachte die Eröffnungsfeier-Regie ein Jahr lang

Aber Zhang offenbart noch mehr in seinem Interview: einen tiefen Einblick in Denkweise und Befehlstrukturen in China. Die KP-Spitze habe jede Phase der Proben für die Eröffnungsveranstaltung kontrolliert, berichtet er. Die Zeremonie "erlebte den höchsten Grad politischer Beobachtung seit der Gründung der Volksrepublik". Dies habe einen "kühlen Kopf" erfordert. "Da hat man weder die Chance etwas zu erwidern oder zu erklären", noch könne man die Einwände der Führung ignorieren. "Selbst wenn du denkst, diese Änderungen sind unnötig, so muss ich sie doch machen."

So wechselten die Politfunktionäre zum Beispiel die kleine Sängerin der "Ode an das Mutterland" aus, deren Stimme ihnen gefiel, die aber nach ihrer Ansicht zu unebene Zähne hatte und deshalb nicht geeignet war, das schöne, reine China zu repräsentieren.

Zhang entlarvt damit nicht nur die Beteuerungen der KP-Spitze als Lüge, die Spiele seien "unpolitisch". Er regt erneut zu Nachfragen an: Was geht in einer Staatsführung vor, die mehr als ein Jahr lang die Proben für die Eröffnungszeremonie nicht aus den Augen lässt?

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.