Chronik Der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche

Sexueller Missbrauch in den eigenen Reihen hat der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche massiv geschadet. In den Neunzigerjahren wurden erste Fälle öffentlich. In Deutschland brach 2010 ein Sturm der Entrüstung los, als Jesuiten-Pater Klaus Mertes Missbrauch aufdeckte.

Missbrauch in der katholischen Kirche: "Wie eine satanische Messe"
Corbis

Missbrauch in der katholischen Kirche: "Wie eine satanische Messe"


1994: Der irische Ministerpräsident Albert Reynolds tritt von seinem Amt zurück. Der Anlass: Er hatte Generalstaatsanwalt Harry Whelehan aktiv gefördert, einen radikalen Abtreibungsgegner, der einen des Kindesmissbrauchs verdächtigen katholischen Priester vor Strafverfolgung geschützt hatte. In Irland wurden jahrzehntelang Tausende Minderjährige in kirchlichen und staatlichen Heimen systematisch missbraucht und misshandelt.

Mai 1999: Der irische Ministerpräsident Bertie Ahern entschuldigt sich bei den Opfern sexuellen Missbrauchs. Schon ein Jahr zuvor hatte er angekündigt, eine Meldepflicht für möglichen Kindesmissbrauch einführen zu wollen. Bis zum Ende seiner Regierungszeit 2008 bleibt dieses Vorhaben unrealisiert.

März 2001: Erste Berichte über sexuellen Missbrauch an Nonnen durch katholische Priester unter anderem in Afrika werden öffentlich. Auch Bischöfe sollen in Verdachtsfälle verwickelt gewesen sein. Erst viele Jahre später wird das Ausmaß der Übergriffe bekannt.

30. April 2001: In einem "Motu Proprio" verfügt Papst Johannes Paul II., dass die Aufklärung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Zukunft der Glaubenskongregation in Rom unterliegt. Angeblich soll dadurch einer Vertuschung vorgebeugt werden. Sexualstraftaten gehören ab jetzt zu den schweren Vergehen, die mit Disziplinarstrafen oder Laisierung einhergehen können. Die kirchenrechtliche Verjährung der Delikte wird auf zehn Jahre erhöht, gerechnet ab Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers.

Mai 2001: Der Präfekt der Glaubenskongregation und spätere Papst Benedikt XVI., Kardinal Joseph Ratzinger veröffentlicht das Schreiben "De delictis gravioribus", das dem Klerus empfiehlt, bei Missbrauchsfällen die nationalen Gesetze zur Anzeigepflicht zu befolgen. Sei der Tatverdächtige ein Bischof, liege die Entscheidung über eine Anzeige beim Papst und der Glaubenskongregation. Ratzinger muss sich später dem Vorwurf stellen, er habe darauf verzichtet, ein Verfahren gegen den US-Priester Lawrence Murphy zu Ende zu führen - obwohl dieser selbst zugegeben hatte, mindestens 200 Jungen in einer Schule für Hörbehinderte missbraucht zu haben.

2002: Auch in den Vereinigten Staaten werden immer mehr Missbrauchsvorwürfe laut, zunächst in Boston, dann in weiteren Diözesen. Die US-Bischofskonferenz veröffentlicht neue Richtlinien im Umgang mit Sexualstraftaten. Sie sehen verlängerte Verjährungsfristen und die Laisierung von Priestern bei erwiesenem Missbrauch vor. Mehrere Tausend Missbrauchsopfer klagen in den Vereinigten Staaten auf Schadensersatz und werden bis 2010 mit insgesamt mehr als zwei Milliarden Dollar entschädigt. Einige Bistümer melden Insolvenz an, weil sie die Forderungen nicht mehr bedienen können.

Januar 2002: US-Priester John Geoghan wird wegen Missbrauchs von Minderjährigen zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Insgesamt werfen ihm mehr als hundert Opfer Missbrauch vor. Der Erzbischof von Boston, Kardinal Bernard Law, tritt wegen mutmaßlicher Verschleierung der Delikte im Dezember zurück - und geht als Seelsorger und Priester nach Rom.

Januar 2002: Opfer physischer und sexueller Gewalt durch Mitarbeiter der katholischen Kirche in Irland können ab jetzt entschädigt werden. Bis 2010 werden mehr als 14.700 Anträge eingereicht.

September 2007: Die Deutsche Bischofskonferenz distanziert sich von sexuell übergriffigen Priestern. Karl Kardinal Lehmann erklärt, jeder Fall sei einer zu viel, und fordert, dass kein Täter je wieder in der Seelsorge tätig sein dürfe.

April 2008: Papst Benedikt XVI. trifft in den USA erstmals Missbrauchsopfer. Die von der US-Bischofskonferenz in Auftrag gegebene "John-Jay-Studie" aus dem Jahr 2005 zeigt auf, dass vier Prozent aller katholischen Priester in den USA zwischen 1950 und 2002 des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden. 95 Prozent aller US-Diözesen seien von sexuellem Missbrauch betroffen.

Mai 2009: Der "Ryan-Bericht" belegt systematischen Missbrauch in katholischen Schulen und Heimen in Irland von 1940 bis 2000.

November 2009: Der von einer irischen Untersuchungskommission erstellte "Murphy-Bericht" konstatiert, dass Missbrauch in der katholischen Kirche von 1975 bis 2004 massiv vertuscht wurde. Der Bericht führt für diesen Zeitraum mindestens 320 Opfer an, für 2004 bis 2009 weitere 120.

2010: "Annus horribilis" für die katholische Kirche in Deutschland

28. Januar 2010: Der Rektor des Canisius-Kollegs der Jesuiten in Berlin, Pater Klaus Mertes, informiert etwa 600 ehemalige Schüler in einem Brief über mögliche Missbrauchsfälle in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Mertes entschuldigt sich dafür, dass Lehrer des Kollegiums weggeschaut hätten.

ab Januar 2010: Dutzende weitere Verdachtsfälle werden bekannt - unter anderem am Jesuiten-Kolleg Sankt Ansgar in Hamburg, am Jesuiten-Kolleg St. Blasien und am Bonner Aloisius-Kolleg. Außerdem in den Bistümern Hildesheim, Aachen, Paderborn, Mainz, Augsburg, Rottenburg, Essen, München, Speyer, Münster, Limburg und Fulda.

18. Februar 2010: Die Rechtsanwältin und Missbrauchsbeauftragte der Jesuiten, Ursula Raue, präsentiert in Berlin einen Zwischenbericht. Demnach gibt es mindestens 115 Missbrauchsopfer an Schulen des Ordens und der katholischen Kirche.

Februar 2010: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. Auch unter Mitgliedern des Knabenchors Regensburger Domspatzen soll es Opfer gegeben haben. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, entschuldigt sich bei den Missbrauchsopfern.

Februar 2010: Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wirft der katholischen Kirche mangelnde Kooperation mit den Strafverfolgungsbehörden vor.

25. Februar 2010: Der Trierer Bischof Stephan Ackermann wird Sonderbeauftragter für Missbrauchsfälle. Eine Hotline für Missbrauchsopfer wird eingerichtet, die mehr als 4000 Gespräche registriert.

12. März 2010: Das Erzbistum München und Freising bestätigt: Während der Amtszeit Joseph Ratzingers als Erzbischof von München und Freising wurde ein wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteter Priester in der Gemeindearbeit der Diözese eingesetzt.

19. März 2010: Papst Benedikt XVI. entschuldigt sich in einem Hirtenbrief zu sexuellem Missbrauch bei den irischen Opfern, äußert sich aber nicht zu Betroffenen in Deutschland.

24. März 2010: Das Bundeskabinett beschließt einen runden Tisch.

März 2010: Der ehemalige Direktor der Odenwaldschule, Gerold Becker, gesteht in einem Brief den Missbrauch von Schülern. Ihm wurde vorgeworfen, mehr als 80 Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren geschändet zu haben. Becker stirbt im Juli 2010.

April 2010: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, räumt Fehler der katholischen Kirche im Umgang mit den Opfern ein.

21. April 2010: Nach Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Heimkinder tritt der Augsburger Bischof Walter Mixa zurück. Er soll als Stadtpfarrer von Schrobenhausen zwischen 1975 und 1996 Heimkinder geschlagen und Stiftungsgelder zweckentfremdet haben.

April 2010: Der externe Sonderermittler für die Klosterschule Ettal, Thomas Pfister, schildert in seinem Abschlussbericht jahrzehntelange Misshandlungen und sexuellen Missbrauch an mehr als 100 Klosterschülern durch mindestens 15 Mönche. Ein ehemaliger Abt soll Schutzbefohlene geschlagen und seelisch gequält haben. Das Kloster entschädigte später 70 Opfer mit insgesamt 700.000 Euro.

16. Juni 2010: Benedikt XVI. bittet die Opfer während einer Messe auf dem Petersplatz in Rom erstmals öffentlich um Vergebung.

Juli 2010: Die Glaubenskongregation überarbeitet den Text zu schwerwiegenden Straftaten ("De delictis gravioribus"). Die Verjährungsfrist wird auf 20 Jahre heraufgesetzt.

16. Juli 2010: Die evangelische Hamburger Bischöfin Maria Jepsen tritt zurück. Sie war im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor in die Kritik geraten.

August 2010: Die deutschen Bischöfe verschärfen ihre "Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch". Die Leitlinien sind Empfehlungen, deren Umsetzung nicht regelmäßig kontrolliert wird.

September 2010: Benedikt XVI. trifft sich in Großbritannien mit Opfern. Er verurteilt die "unbeschreiblichen Missbrauchsverbrechen" an Kindern.

28. November 2010: Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück legt ein Schuldbekenntnis für die Kirche ab. Die Zahl der Kirchenaustritte steigt nach dem Missbrauchsskandal immens.

26. Januar 2011: Der Jesuitenorden teilt mit, er habe rund 200 Opfern eine "Anerkennungszahlung" von jeweils 5000 Euro angeboten.

20. Juni 2011: Die Deutsche Bischofskonferenz beauftragt ein Team des Kriminologischen Forschungsinstituts Hannover unter der Leitung von Christian Pfeiffer, Personalakten der Bistümer auf mögliche sexuelle Übergriffe zu analysieren. Im Januar 2013 kündigt die Bischofskonferenz das Projekt. Begründung: Das Vertrauensverhältnis der Bischöfe zu Pfeiffer sei erschüttert. Pfeiffer erklärt, es habe Versuche gegeben, die Missbrauchsstudie zu zensieren.

September 2011: Benedikt XVI. trifft in Deutschland Missbrauchsopfer.

Dezember 2013: Der neue Papst Franziskus beruft eine achtköpfige Kinderschutzkommission ein, die Strategien im Kampf gegen Missbrauch erarbeiten soll. Bis Ende 2013 haben in Deutschland etwa 1300 Betroffene einen Antrag auf Entschädigung gestellt, erklärt der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Kirche, Stephan Ackermann.

15. Januar 2014: Das Kirchengericht des Erzbistums Berlin verurteilt einen 72-jährigen ehemaligen Jesuitenpater wegen sexuellen Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg zu lebenslangem Ausschluss vom Priesterdienst und einer Geldstrafe.

Februar 2014: Ein Expertengremium der Vereinten Nationen wirft dem Vatikan Verschleierung von Missbrauch vor und fordert eine unabhängige Untersuchung der Fälle sowie verbindliche Regeln im Kirchenrecht, die Kinder vor Missbrauch in katholischen Institutionen weltweit schützen sollen.

24. März 2014: Die Deutsche Bischofskonferenz stellt ein neues interdisziplinäres Forschungsprojekt vor: "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz". Geleitet wird es von Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Beteiligt sind außerdem das Kriminologische Institut der Universität Heidelberg, das dortige Institut für Gerontologie sowie der Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt.

27. Mai 2014: Papst Franziskus bekräftigt, bei pädophilen Übergriffen könne es für die Kirche nur eine Null-Toleranz geben. "Sexueller Missbrauch ist eine schreckliche Straftat, weil ein Geistlicher, der so etwas tut, Verrat begeht am Leib des Herrn. Das ist wie eine satanische Messe", sagt Franziskus.

Juli 2014: Papst Franziskus trifft erstmals in seiner Amtszeit Missbrauchsopfer, darunter manche aus Deutschland. In seiner Predigt bittet er um Vergebung - auch für "Versäumnisse der Kirchenführer, die nicht in angemessener Weise auf die Anzeigen von Angehörigen und Opfern reagiert haben".

18. Juli 2014: Das Erzbistum Freiburg hat eine Aufarbeitung über die Missbrauchsfälle in der Erzdiözese vorgelegt. Laut einer externen Studie gab es seit 1942 mehr als 180 Opfer. In den meisten Fällen kamen die Täter ungestraft davon.

ala/dpa

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