Churchills Geheimnisse Ein elektrischer Stuhl für Hitler

Hitler wollte er standrechtlich hinrichten lassen, Stalin beeindruckte ihn, Charles de Gaulle war ihm zu überheblich, und Gandhi hätte er gern verhungern lassen: Nach 60 Jahren geben bislang geheime britische Regierungsdokumente Neues über Winston Churchill preis.


London - Wäre Adolf Hitler während des Zweiten Weltkriegs in die Hände der Briten gefallen, hätte er nach dem Willen des damaligen Premierministers Churchill standrechtlich hingerichtet werden sollen. Churchill war nach Berichten britischer Historiker fest entschlossen, Hitler auf einem elektrischen Stuhl aus den USA hinrichten zu lassen. Zudem sollten nach Überzeugung des britischen Premierministers hohe Nazis ohne Gerichtsverfahren erschossen werden.

Ein langes Gerichtsverfahren wäre nur eine Farce, war sich Churchill mit seinem Innenminister Herbert Morrison einig. Dies geht aus den Regierungsdokumenten hervor, die heute erstmals für die Öffentlichkeit freigegeben wurden.

Ex-Premier Churchill (1954): Stalins große Weitsicht
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Ex-Premier Churchill (1954): Stalins große Weitsicht

"Dieser Mann ist der Ursprung allen Übels", sagte Churchill einmal über Hitler laut Aufzeichnungen seines Kabinettssekretärs Norman Brook vom Dezember 1942. Demnach schlug der Premierminister der Kriegsjahre bei einer Kabinettssitzung ferner vor, dass Großbritannien ruhig mit ranghohen deutschen Nationalsozialisten verhandeln könne, wenn diese das wollten - wie seinerzeit etwa der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler. Ziel solcher Verhandlungen könne es allerdings nur sein, diese Nazis später "fertig zu machen".

Aus den Dokumenten geht auch hervor, dass der Staatssekretär für Kriegsangelegenheiten, Peter Grigg, bei besagter Kabinettssitzung erklärt haben soll, dass die Verbrechen in Konzentrationslagern wie in Buchenwald streng genommen keine Kriegsverbrechen seien. Daraufhin soll Churchill Grigg zurecht gewiesen haben, er solle keinen Streit vom Zaun brechen. Allein im Namen einiger Insassen von Buchenwald verdiene Himmler es bereits, standrechtlich erschossen zu werden.

Auch über Churchills Einschätzung seiner Mit-Alliierten finden sich in den Dokumenten neue Einzelheiten: Der Premier hat in Kriegszeiten den Sowjetherrscher Josef Stalin als "scharfsichtig" eingeschätzt, während ihm der französische General und spätere Staatschef Charles de Gaulle zu selbstbewusst vorkam.

Nach einem Treffen mit Stalin in Moskau, sprach Churchill im britischen Kabinett im August 1942 von einem "großen Mann", der mit "großer Weitsicht" seine Entscheidungen treffe. Nach dem Krieg freilich änderte Churchill seine Meinung bekanntlich. "Wir haben das falsche Schwein geschlachtet", lautet eines der bekanntesten Churchill-Zitate in Bezug auf Hitler und Stalin.

Dagegen schätzte er General de Gaulle, der nach der Eroberung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht in Großbritannien Zuflucht gesucht hatte, als eigenwillig ein. Churchill empfahl, de Gaulle notfalls mit Gewalt daran zu hindern, an Bord eines französischen Kriegsschiffes auszulaufen. Der britische Premier wollte verhindern, dass de Gaulle die Beziehungen zu den USA belastete.

Noch 1945 vertrat Churchill die Ansicht, es gebe "keine Aussichten auf vertrauensvolle Beziehungen zu Frankreich", solange "wir de Gaulle nicht los sind". Der französische Präsident legte später sein Veto gegen die Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft ein.

"Gandhi soll tun, was er will"

Die Dokumente werfen auch neues Licht auf die Einstellung Churchills zum indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi. Dieser war nach seiner Inhaftierung im August 1942 in den Hungerstreik getreten. Die britische Regierung beschloss schließlich, ihm aus humanitären Gründen die Freiheit zu schenken. Churchill soll jedoch argumentiert haben, er persönlich würde Gandhi sterben lassen, sollte er weiterhin die Nahrung verweigern.

Gandhi solle in Haft bleiben und "tun, was er will", sagte Churchill nach den Archivaufzeichnungen bei einer Sitzung des britischen Kabinetts im Januar 1943. Churchill sagte, mit Gandhi solle nicht anders verfahren werden als mit jedem anderen Häftling. Dagegen vertrat der damalige britische Botschafter in den USA, Edward Halifax, der zuvor Außenminister und Vize-König von Indien gewesen war, die Ansicht, nichts wäre schlimmer als der Tod des Unabhängigkeitskämpfers durch einen Hungerstreik.

Mehrere Minister erklärten, wenn Gandhi durch den Hungertod zum Märtyrer würde, werde das einen Massenaufstand der Inder zur Folge haben. Schließlich einigte sich das Kabinett in London darauf, Gandhi freizulassen, falls der Tod durch den Hungerstreik unausweichlich scheine, dies in der Öffentlichkeit jedoch als Erfolg der britischen Politik darzustellen. Gandhi wurde 1944 endgültig entlassen.



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