Club-Brand mit vielen Toten in Russland "Plötzlich ging alles in Flammen auf"

Staatstrauer in Russland: Die Brandkatastrophe von Perm mit mehr als hundert Toten schockiert die Republik. Ein harmloser Nachtclub wurde für Partygäste zur Hölle aus Feuer und Rauch. Fragen werden laut - hat der Betreiber nur wegen guter Beziehungen Genehmigungen bekommen?

dpa

Von , Moskau


Es soll eine ausgelassene Jubiläumsfeier werden. Das "Lahmende Pferd", ein Nachtclub in der russischen Stadt Perm, feiert sein achtjähriges Bestehen. Tröten, Schnuller und Luftballons sollen die Gäste mitbringen. Wer sich als Baby verkleidet, bekommt bis Mitternacht freien Eintritt. Das Lokal ist der größte Vergnügungsschuppen in der Stadt im Ural, zentral gelegen, die Leute strömen dorthin.

Doch es wird keine fröhliche Partynacht - es wird eine Katastrophe, wie Russland sie lange nicht mehr erlebt hat.

Eine Videoaufzeichnung dokumentiert, was gegen 23 Uhr in dem Club passiert. Die Menge feiert, da schaltet sich plötzlich der Moderator der Veranstaltung ein. Er weist auf das Feuer hin, ruft zum Verlassen des Festsaals auf: "Meine Damen und Herren, wir brennen, wir verlassen den Saal." Die mit Reisig behängte Decke steht da bereits in Flammen. Die Gäste steuern zunächst noch langsam auf einen Ausgang zu, einige an ihren Getränken nippend. Dann geht "plötzlich alles in Flammen auf", wird später ein Augenzeuge in einem Internetforum zitiert. Qualm füllt den Raum, Panik bricht aus - und Menschen versuchen, durch die schmalen Türen zu entkommen. Sie sind zu schmal für die vielen Leute.

Um 23.08 Uhr Ortszeit geht bei der Feuerwehr, nur wenige hundert Meter entfernt, ein Notruf ein. Die Einsatzkräfte rasen durch die Nachbarschaft, schon nach drei Minuten sind sie an dem Nachtclub. Doch für mindestens 109 Menschen kommen sie zu spät.

Sie sind in dem Club auf grausige Art ums Leben gekommen - manche verbrannten bei lebendigem Leibe, manche erstickten im Qualm, manche wurden totgetrampelt von Flüchtenden. Als wenig später die ersten Fernsehberichte ins Land übertragen werden, sieht Russland schreckliche Bilder: Auf dem weißen Schnee liegen Leichen aufgereiht, die Gesichter rußgeschwärzt, Rettungskräfte tragen Tote und Verletzte umher.

In den Krankenhäusern suchen Angehörige Listen mit Namen der Opfer ab - denn es gibt auch mehr als 130 Verletzte. Die Krankenhäuser in Perm sind überlastet, Kliniken im Umkreis und sogar in Jekatarinenburg richten sich auf die Aufnahme von Opfern ein. Das Katastrophenschutzministerium schickt aus Moskau eine Iljuschin-76, eine zum Rettungsflieger umgebaute Frachtmaschine. 20 bis 30 Menschen mit schweren Verbrennungen sollen auf diesem Weg in Spezialkliniken nach Moskau geflogen werden, doch dürften nicht alle von ihnen durchkommen. Laut Zivilschutzminister Sergej Schoigu müssen mehr als 50 Verletzte künstlich beatmet werden, und "wir sind nicht überzeugt, dass alle Patienten überleben werden. Einige von ihnen haben 80 Prozent verbrannte Körperoberfläche".

Die Brandkatastrophe ereignet sich fast auf die Minute genau eine Woche, nachdem Terroristen einen Zug zwischen Moskau und St. Petersburg haben entgleisen lassen. 27 Menschen starben damals, viele dachten nach der Explosion in Perm an ein weiteres Attentat - doch "es war in keinem Fall ein Terroranschlag", sagt Wladimir Markin, Sprecher des Ermittlungskomitees.

Die Behörden gehen davon aus, dass Feuerwerkskörper die Katastrophe ausgelöst haben und Funken dann das Interieur in Brand setzten. Das Feuer sei kurz vor Beginn der Show in der Nähe der Bühne ausgebrochen, berichten Überlebende. Panik sei ausgebrochen, das Feuer habe rasend schnell um sich gegriffen - auch, weil die Decke niedrig war und der ganze Club vollgestopft mit Holzdekor und Reisig.

Inzwischen haben Sicherheitskräfte das "Lahmende Pferd" weiträumig abgesperrt. Brandexperten suchen innen nach Hinweisen auf die Unglücksursache. Die Nachrichtenagentur RIA Nowosti berichtet unter Berufung auf Augenzeugen, die Räume in dem 500-Quadratmeter-Clubs seien fast vollständig verkohlt.

Unmittelbar nach der Katastrophe haben die Ermittler den Besitzer Anatoli Sak festgenommen: wegen Verletzung von Brandschutzvorschriften mit Todesfolge. Es steht noch nicht mal fest, wie viele Ausgänge des "Lahmenden Pferdes" eigentlich geöffnet waren. Mal heißt es, nur einer, dann zwei - für bis zu 450 Gäste, die der Club fasst.

Tatsächlich kommt es in Russland immer wieder zu verheerenden Feuern mit Toten und Verletzten, weil Richtlinien für Gebäudesicherheit und Brandschutz zu lax gehandhabt werden. Das russische Katastrophenschutzministerium hat erst im Oktober vorgerechnet, dass in Russland im Durchschnitt jede Stunde zwei Menschen deshalb ums Leben kommen - 17.500 insgesamt pro Jahr. In Deutschland sind es einige hundert.

Auch die Politik muss sich Fragen anhören: Warum konnte Clubbetreiber Sak überhaupt die Genehmigung zum Betrieb des Clubs und den Einsatz von Feuerwerkskörpern bekommen? Russische Medien spekulieren schon über die Antwort: Sak habe blendende Kontakte zum Gouverneur des Permer Gebietes.

Regierungschef Wladimir Putin forderte eine harte Bestrafung der Schuldigen. "Diese ungeheure Katastrophe muss sorgfältig untersucht werden", sagte er. Präsident Dmitrij Medwedew forderte harte Strafen für die Clubbetreiber - sie hätten entweder "kein Hirn oder kein Bewusstsein". Er hat für Montag Staatstrauer angeordnet - das ganze Land ist über die Katastrophe erschüttert.

Ein Blogger namens Wlad, der direkt über dem Club wohnt, schreibt in seinem Internettagebuch, er sei in der Nacht bloß aufgestanden, um eine Zigarette zu rauchen, und habe aus dem Fenster gesehen. "Plötzlich sah ich im Hof aufgeregte Jugendliche umherlaufen. Sie waren seltsam angezogen." Dann habe er gesehen, dass sie nur noch Fetzen am Leib trugen.

Es roch nach Verbranntem.

mit Material von dpa/Reuters



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
taiga, 05.12.2009
1. ???
Was soll man hier bitte diskutieren? Den ausbaufähigen Brandschutz in RUS? Oder die allseits bekannte Korruption? Keiner ist vor solchen Katastrophen gefeit, siehe Tunnelbrand in Kaprun vor einigen Jahren. Oder die Brandkatastrophe in NL (Feuerwerkskörperwerk).
ducasse 05.12.2009
2. Danke, Taiga...
...für diese Frage. Was, bitte schön, gibt es hier zu diskutieren? Vielleicht sollte sysop einfach mal still sein oder eine Debatte, an der keiner teilnehmen will, wieder schließen. Doch die nächste Katastrophe, der nächste Terroranschlag, das nächste Erdbeben, der nächste Flugzeugabsturz kommt bestimnmt - und das ebenso hemmungs- wie besinnungslose Blabla in den Foren wird weitergehen. Möglicherweise findet hier ein notwendiger Stoffwechsel für die Volkshygiene, eine permanente Reinigung des kollektiven Seelenhaushalts statt. Nur - warum funktionierte das alles ganz gut, als es noch gar keine Internet-Foren gab? Ducasse
taiga, 05.12.2009
3.
Zitat von ducasse...für diese Frage. Was, bitte schön, gibt es hier zu diskutieren? Vielleicht sollte sysop einfach mal still sein oder eine Debatte, an der keiner teilnehmen will, wieder schließen. Doch die nächste Katastrophe, der nächste Terroranschlag, das nächste Erdbeben, der nächste Flugzeugabsturz kommt bestimnmt - und das ebenso hemmungs- wie besinnungslose Blabla in den Foren wird weitergehen. Möglicherweise findet hier ein notwendiger Stoffwechsel für die Volkshygiene, eine permanente Reinigung des kollektiven Seelenhaushalts statt. Nur - warum funktionierte das alles ganz gut, als es noch gar keine Internet-Foren gab? Ducasse
Gebe den Dank gerne zurück – Bruder oder Schwester im Geiste. Schönes Wochenende noch.
Poisen82, 05.12.2009
4.
Zitat von sysopStaatstrauer in Russland: Die Brandkastastrophe von Perm mit mehr als hundert Toten schockiert die Republik. Ein harmloser Nachtclub wurde für Partygäste zur Hölle aus Feuer und Rauch. Fragen werden laut - hat der Betreiber nur wegen guter Beziehungen Genehmigungen bekommen? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,665385,00.html
Tja, keine Ahnung ob das der Club wegen seiner guten Beziehungen oder Korruption bekommen hat. Wäre da nicht der Investigative Journalismus des Spiegel gefragt? Sonst, was kann man zu dem Brand sagen? "Shit happens"
jocurt1 05.12.2009
5. Wenns schon nicht für Pietät reicht
Zitat von sysopStaatstrauer in Russland: Die Brandkastastrophe von Perm mit mehr als hundert Toten schockiert die Republik. Ein harmloser Nachtclub wurde für Partygäste zur Hölle aus Feuer und Rauch. Fragen werden laut - hat der Betreiber nur wegen guter Beziehungen Genehmigungen bekommen? http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,665385,00.html
mal an den Spruch von Dieter Nuhr denken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.