Bonner Eliteschule: Streit um Missbrauchsverdacht geht weiter

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Ein Pater des Collegium Josephinums, einer katholischen Jungenschule in Bonn, stand im Verdacht des sexuellen Missbrauchs. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt. Die Betroffenen haben Beschwerde eingelegt - und fühlen sich gemobbt.

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Collegium Josephinum: "Wir danken allen, die uns ihr Vertrauen ausgesprochen haben"

Der Start in ein neues Schuljahr wäre fast perfekt gewesen. Das Collegium Josephinum im Norden von Bonn, CoJoBo genannt, verkündete stolz, dass die Staatsanwaltschaft Bonn die Ermittlungen gegen einen Pater eingestellt hat. Zwei Elternpaare hatten Anzeige erstattet, weil der Pater ihre Kinder missbraucht haben soll.

"Wir sind froh, dass die erhobenen Vorwürfe entkräftet werden konnten", sagt Kai Vogelmann, Sprecher der katholischen Privatschule nur für Jungen, Träger ist der Redemptoristenorden. "Der Obere des Ordens hat sich vorbehalten, zu entscheiden, was mit dem Pater passiert."

Vorerst bleibt er suspendiert, die Familien haben Beschwerde gegen die Entscheidung der Staatsanwaltschaft eingelegt. Ihnen gehe es nicht um eine möglichst harte Bestrafung des Beschuldigten, sondern um "die autoritativ vermittelte Kommunikation, dass hochrangige Rechtsgüter von wehrlosen Kindern verletzt worden sind", heißt es in der Begründung der Beschwerde.

Seit Jahrzehnten war es am CoJoBo üblich, kranken Schülern Zäpfchen zu verabreichen - bei Kopfschmerzen, Bauchweh, Verrenkungen. Zwei Schüler fühlten sich bei der fragwürdigen Medikation durch den Pater missbraucht, ein weiterer sagt, er sei von ihm im Sanitätsraum abgetastet und im Schambereich berührt worden.

Zwar seien das Verabreichen von Zäpfchen und das Abtasten des Schambereichs medizinisch unnötig gewesen, sexuelle Motive des Paters seien jedoch nicht nachweisbar, begründet die Staatsanwaltschaft die Einstellung der Ermittlungen. Aus den Aussagen der Zeugen ließen sich keine zureichenden Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass sich "die subjektive Zielrichtung des Beschuldigten im Sinne einer sexuellen Motivation manifestiert hätte".

Das zu beurteilen, sei jedoch Aufgabe des Gerichts, halten die Familien dagegen.

Die Betroffenen fühlen sich zudem ausgegrenzt. Sie würden in ihrem sozialen Umfeld von zahlreichen Mitgliedern der Schule und Schülern geschnitten, sagt Philipp von der Meden, Rechtsphilosoph und Strafrechtler, der die Familien juristisch betreut.

Sie galten als "Verräter". Schulkameraden und deren Eltern stellten sich hinter den Pater. Die Leitung des CoJoBo feiert die uneingeschränkte Solidarität noch heute auf der Homepage der Schule: "Wir danken allen Schülern, Eltern, Lehrern und Ehemaligen des Collegium Josephinum Bonn, die uns in den letzten Monaten bei vielen Gelegenheiten ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Wie der Vorsitzende der Schulpflegschaft mitteilt, ist auch die Elternschaft erleichtert und hat die Einstellung des Verfahrens gegen den engagierten Schulseelsorger mit Freude zur Kenntnis genommen."

"Opfer zu Tätern gemacht"

Die Betroffenen empfinden den Umgang als regelrechtes Mobbing. "Es scheint die Ansicht vorzuherrschen, die Opfer seien hier die wahren Täter; sie hätten die Schule in Misskredit gebracht. Es ist Aufgabe der Staatsanwaltschaft, diesen Tendenzen mit aller gebotenen Schärfe entgegenzutreten", so von der Meden.

Die dem Pater zur Last gelegten Taten seien strafbar, auch wenn es sich bei den bisher im Raum stehenden Vorwürfen wohl um "minder schwere Fälle" handeln dürfte. Die Verfolgung der Taten sei dringend geboten, "um den Beteiligten das geschehene Unrecht vor Augen zu führen und in Zukunft Kinder vor Übergriffen des Beschuldigten zu schützen".

Der Schulausschuss der Stadt Bonn hatte mit Hilfe der Grünen-Fraktion ein Gutachten in Auftrag gegeben, in welchen Fällen aus kindernotfallmedizinischer Sicht eine Indikation für die Vergabe von Zäpfchen an Kinder oder Jugendliche gegeben ist.

Darin heißt es: "Eine notfallmäßige Zäpfchengabe an Kinder jenseits des Säuglings- und Kleinkindesalters aus kindernotfallmedizinischer Sicht" stelle eine "contradictio in adjecto", einen deutlichen Widerspruch, dar. So konstatiert es Dominique Singer, Gutachter vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Entweder es handelt sich um einen echten, zum Beispiel traumatologischen Notfall, dann sind die in Zäpfchenform verfügbaren Präparate nicht ausreichend effektiv; oder die Zäpfchen haben eine gewisse symptomatische Wirksamkeit, dann aber handelt es sich nicht um einen Notfall, der eine dringliche Gabe ohne vorangehende pädiatrische Untersuchung erfordert hätte."

Die rektale Verabreichung sei ab einem gewissen Kindesalter untypisch. Zudem sei die innerschulische Selbstmedikation aus kinderärztlicher Sicht kritisch zu beurteilen, weil sie "ein falsches (unnötig Medikamenten-affines) Signal" setze und in Einzelfällen die Diagnose ernsterer Erkrankungen gar verzögern könne.

"Ansprechbarkeit signalisieren, Leitung informieren"

Die Staatsanwaltschaft räumt ein, dass die Verabreichungsform von Zäpfchen bei Personen im Alter von über zehn Jahren "weder generell noch im speziellen Fall aus medizinischer Sicht vertretbar" sei, es könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass der beschuldigte Pater davon überzeugt gewesen sei, die rektale Verabreichung des Medikaments habe Vorteile - "mangels vollmedizinischer Ausbildung".

Auch die Körperverletzung weist die Staatsanwaltschaft zurück. Das Einführen des Suppositoriums sei den Schülern zwar "unangenehm und insbesondere im Nachhinein peinlich" gewesen, von Schmerzen oder anderen "Beeinträchtigungen des körperlichen Wohlbefindens" sei jedoch keine Rede gewesen.

Ein ehemaliger Vertrauenslehrer zeigt sich entsetzt. Das Einführen von Zäpfchen sei eine "schamlose Verletzung der Intimität von Schutzbefohlenen". Er war es, der gemeinsam mit anderen Lehrern die Grenzüberschreitungen des Paters der Schulleitung meldete. Er hielt sich strikt an die vorgegebene Herangehensweise, die die Schule in solchen Fällen vorgibt: "Ansprechbarkeit signalisieren, Austausch mit Kollegen, dokumentieren, Leitung informieren."

Nur deshalb fassten Schüler Mut und vertrauten ihre Erlebnisse mit dem Pater an. Sie haben das CoJoBo inzwischen verlassen, zu schmerzhaft sei die Ausgrenzung dort für sie gewesen, sagen sie. Der Vertrag des Vertrauenslehrers wurde nicht verlängert.

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