Colonia-Dignidad-Gründer Ein Onkel aus Deutschland

Als "Doktor" oder einfach als "Onkel" war er in Chile bekannt. Der in Argentinien gefasste Deutsche Paul Schäfer, Gründer der Colonia Dignidad, war einer der meistgesuchten Männer Südamerikas. Zu seinen Förderern zählten Diktator Pinochet und die deutsche CSU.

Von Lars Langenau und




Paul Schäfer: Sektenführer in Handschellen
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Paul Schäfer: Sektenführer in Handschellen

Berlin - In Chile gibt es heute nur ein Thema in den Zeitungen. Auf den Titelseiten wird die Festnahme von "Chiles meistgesuchtem Mann" ("El Mercurio") gefeiert: Paul Schäfer, ein deutscher Päderast, der in Chile seit 1961 seinen eigenen kleinen Führerstaat namens Colonia Dignidad aufbaute. Nachdem Schäfer jahrzehntelang von der chilenischen Justiz unbehelligt geblieben war, wurden 1996 und 1997 zwei Haftbefehle wegen sexuellen Missbrauchs gegen ihn ausgestellt, einer in Chile, einer in Deutschland.

Schäfer tauchte unter. Zahlreiche Razzien auf dem 140 Quadratkilometer großen Gelände der Colonia Dignidad im Süden Chiles blieben erfolglos. Einmal war die Polizei dem Sektenführer dicht auf den Fersen: 1997 checkte er in einem Hotel im argentinischen Bariloche unter seinem wahren Namen ein. Als die Polizei anrückte, entkam Schäfer durch ein Fenster.

Schäfer im Country Club gefasst

Diesmal war der Zugriff generalstabsmäßig geplant. Seit sechs Monaten kannte die Polizei den Aufenthaltsort. Gestern Nachmittag drangen mehr als 30 Beamte chilenischer und argentinischer Interpol-Einheiten in den Country Club "Las Acacias" im argentinischen Ort Tortuguitas ("Schildkrötchen") nordwestlich von Buenos Aires ein. Wenig später wurde der mit Handschellen gefesselte Schäfer in einem Rollstuhl herausgefahren. Dabei lächelte der 83-Jährige und wirkte ruhig, schrieb "La Tercera". Jetzt soll er nach Chile abgeschoben werden, wo er in Abwesenheit im November bereits des sexuellen Missbrauchs an 27 Kindern schuldig gesprochen worden war.

Tor der Colonia Dignidad: Öffentlichkeit nicht erwünscht
AFP

Tor der Colonia Dignidad: Öffentlichkeit nicht erwünscht

Seit Jahrzehnten geistert der Name Paul Schäfer wie ein Gespenst durch die chilenische und die deutsche Presse. Der 1921 in Siegburg bei Bonn geborene Schäfer war Jugendpfleger der evangelischen Kirche. Dort wurde er jedoch Ende der vierziger Jahre entlassen, als sich die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen durch den Leiter mehrerer evangelischer Zeltlager verdichteten. Als Laienprediger zog Schäfer anschließend durch das Rheinland und verkündete das Urchristentum. Eine Gemeinde in Gronau nahm ihn schließlich auf - schnell zog er einen Teil der Mitglieder in seinen Bann. Er gründete in Lohmar die "Private Sociale Mission", deren Mitglieder ohne Lohn harte landwirtschaftliche Arbeit verrichteten.

Als ihm erneut sexuelle Vergehen an Jungen vorgeworfen wurden, organisierte der Sektenführer 1961 die Auswanderung von mehreren hundert Mitgliedern seiner Gemeinschaft nach Chile. In den grünen Hügeln nahe des Orts Parral, 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, baute Schäfer eine äußerlich heile Welt auf, in der Dirndl, Bayernwappen und Schwarzwälder Kirschtorte die Ästhetik bestimmten. Die Konditorei der Colonia Dignidad ist bis heute in ganz Chile berühmt. Die armen Nachbarn waren entzückt von den hilfsbereiten Deutschen, die auch ein Krankenhaus und eine Schule bauten, die der Bevölkerung der Region offen standen.

Ein Führerstaat am Fuß der Anden

Doch das Leben in dem "idealistischen Siedlungsprojekt" (Selbstbeschreibung) wurde für die zeitweise 500 Bewohner zur Hölle. Schäfers Wort war Gesetz, für Verfehlungen gab es drakonische Strafen. Ohne seine Erlaubnis durften die Bewohner nicht heiraten. Gearbeitet wurde sieben Tage die Woche ohne Bezahlung. Neben harter Arbeit predigte Schäfer Schweigen und körperliche Züchtigung. Er verbot Fernsehen und Telefon. Selbst die Freizeitaktivitäten waren vorgeschrieben: Singen, Sport treiben, Beten und Schlafen. Frauen und Männer wurden getrennt ebenso wie Kinder von ihren Eltern. Schäfer ließ sich Jungen kommen, um sie zu vergewaltigen. Schäfer habe ihre Familien zerstört, warfen ihm Angehörige der Sekte später vor.

Der heutige SPIEGEL-Reporter Dirk Kurbjuweit beschrieb 1997 in der "Zeit" den "Menschenschlag", der damals in der Siedlung lebte und sich noch der Mode der dreißiger Jahre bediente: "Die Frauen tragen sämtlich Dutt, die Männer zumeist strenge Scheitel." Fast jeder der von ihm befragten Experten, schrieb er in seiner Reportage, zog einen Vergleich zwischen Schäfers Reich und dem der Nazis: "Ein allmächtiger Führer, Folter, totale Unterwerfung, lagerähnliche Zustände, der biedere Anstrich."

Eingang zum Bunker: Wo Pinochet foltern ließ
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Eingang zum Bunker: Wo Pinochet foltern ließ

General Augusto Pinochet erkannte schnell die Möglichkeiten, die die streng abgeschirmte Enklave der Deutschen bot. Gleich nach dem Militärputsch 1973 begannen die Folterknechte der gefürchteten Geheimpolizei Dina, auf dem Gelände ihre Agenten auszubilden und politische Häftlinge zu foltern. Bei späteren Razzien wurden unterirdische Bunker entdeckt, die wohl dafür benutzt wurden.

Pinochet, der von 1973 bis 1990 in Chile regierte, hielt seine schützende Hand über die Colonia. Auch in Deutschland gab es lange Sympathie für die Siedlung: Vor allem CSU-Politikern erschien sie lange als "deutsche Idylle, wo nicht '68' die alten Tugenden zerbröseln ließ", wie Kurbjuweit berichtete. Niemand beschrieb das besser als der ehemalige Münchner CSU-Stadtrat Wolfgang Vogelsang, der nach einem Besuch schwärmte: "Man ist konservativ, denkt an Bayern, zeigt die Fahne mit Löwen und Raute. Hoffnung für Deutschland". Im zentralen Bau der Siedlung hing noch Mitte der neunziger Jahre ein signiertes Porträt von CSU-Chef Franz Josef Strauß. Die deutsche Botschaft in Santiago hielt engen Kontakt mit Schäfer.

Erst in den achtziger Jahren kam Colonia unter Druck

Erst gegen Ende des Pinochet-Regimes wuchs der Druck auf die Enklave. Es häuften sich die Berichte von Bewohnern, die aus der Siedlung fliehen konnten und im Ausland ihre traumatischen Erlebnisse schilderten. 1991, im "Rettig-Bericht" der chilenischen Regierung, wurde die Colonia auch als Folterzentrum identifiziert.

Dennoch gelang es jahrelang keinem Außenstehenden, das Tor zu passieren. Kurz nach dem Ende der Diktatur war die chilenische Justiz wie gelähmt. Die jüngste Vergangenheit wurde totgeschwiegen. Reporter, die sich der Colonia näherten, wurden beschossen. Als eine achtköpfige Kommission im Auftrag des deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher 1987 zu einem Ortstermin anrückte, wurde ihr der Zutritt verwehrt. Sie musste sich mit einem Hubschrauberflug über das Gelände begnügen.

Villa Baviera: Hort des Spießertums
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Villa Baviera: Hort des Spießertums

Mit der Festnahme Schäfers ist das skandalöse Wegschauen chilenischer und deutscher Stellen nun wohl endgültig zu Ende. "Mit der Festnahme Paul Schäfers wird eine umfassende Aufklärung und Ahndung aller krimineller Handlungen in der ehemaligen Colonia Dignidad möglich", sagte Außenminister Joschka Fischer heute in Berlin. Bei der Verurteilung Schäfers im November wurden auch 20 weitere Mitglieder der Führungsclique der Colonia verurteilt.

Nun folgt allerdings das Gerangel über die Zuständigkeit. Chile will Schäfer vor Gericht stellen: Neben der Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs laufen auch mehrere Verfahren wegen Entführung gegen ihn. So wird ihm das Verschwinden des Kommunisten Angel Vallejos und des Mathematikers Boris Weisfeiler zur Last gelegt.

Bonner Staatsanwalt prüft Auslieferung

Auch die Bonner Staatsanwaltschaft prüft einen Auslieferungsantrag bei den argentinischen Behörden. Oberstaatsanwalt Fred Apostel sagte SPIEGEL ONLINE, er warte noch auf die offizielle Mitteilung von Schäfers Verhaftung und werde dann über einen Auslieferungsantrag entscheiden. Gegen Schäfer wird noch wegen sexuellen Missbrauchs aus seiner Zeit in Siegburg ermittelt. Außerdem habe er bis zu seiner Verhaftung noch immer Kontakte in die Stadt nahe Bonn gepflegt.

Und die Colonia Dignidad? Gestern stand das Tor der Siedlung weit offen, berichtete "El Mercurio". Die Bewohner begrüßten die Festnahme ihres einstigen Anführers. "Wir fühlen uns sehr erleichtert", sagte Sprecher Michael Müller der Zeitung. "Wir glauben, dass der Zeitpunkt für Gerechtigkeit gekommen ist". Die Siedlung habe sich seit Schäfers Flucht geöffnet und wolle Teil der chilenischen Gesellschaft werden, sagte Müller.

Schon vor Jahren hatte sich die Colonia darum einen neuen Namen gegeben. Seither heißt die Gemeinschaft Villa Baviera. Unter diesem Namen werden ihre landwirtschaftlichen Produkte unter anderem in der größten Supermarktkette Chiles, Jumbo, verkauft. Rund 280 Menschen leben noch dort, darunter viele alte Deutsche, die des Spanischen nicht mächtig sind.

Trotz der Beteuerungen des Sprechers darf bezweifelt werden, dass die Bewohner wirklich in der Gegenwart angekommen sind. Letzten August erzählte der 2002 geflohene Efrain Vedder der "Welt am Sonntag": "Schäfers Regeln sind noch immer Gesetz."



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