"Columbia" zerborsten: Raumfahrt-Tragödie am texanischen Himmel

Der Absturz der "Columbia" hat sieben Astronauten in den Tod gerissen und die Arbeit der Weltraumbehörde Nasa wohl um Jahre zurückgeworfen. Im Texas regneten in einem riesigen Areal teils giftige Trümmer herab, durchschlugen Dächer, stürzten auf Straßen.

Explosion bei sechsfacher Schallgeschwindigkeit: Die Reste der "Columbia" rasen dem Boden entgegen
DPA

Explosion bei sechsfacher Schallgeschwindigkeit: Die Reste der "Columbia" rasen dem Boden entgegen

Dallas - Mehrere Stunden waren seit der Katastrophe vergangen, als Sean O'Keefe vor die Mikrofone trat. Der Chef der Weltraumbehörde Nasa würdigte die siebenköpfige Besatzung, die an Bord des Shuttle "Columbia" ihr Leben verlor. Mit tränenerstickter Stimme sprach O'Keefe von "mutigen, hingebungsvollen Menschen", die ihr Leben im Dienste der Wissenschaft geopfert hätten.

US-Präsident George W. Bush hat inzwischen mit den Angehörigen telefoniert, er sprach ihnen sein Beileid aus. Danach wandte er sich in einer Fernsehansprache an die Nation. "Dieser Tag hat einen schrecklichen Verlust gebracht", sagte der Präsident im Weißen Haus. Die Erforschung des Weltraumes werde gleichwohl andauern. Die Besatzung sei nicht auf die Erde zurückgekehrt, aber sie sei "daheim in Gottes Hand".

Spätestens nach zehn Sekunden tot

Offiziell teilte die Nasa mit, es sei noch zu früh, über die Ursachen der Katastrophe zu spekulieren. Der stellvertretende Leiter des bemannten Raumfahrtprogramms, Bill Readdy, erklärte in Cape Canaveral, die Tragödie erinnere daran, wie riskant die Raumfahrt noch immer sei. Readdys Chef O'Keefe sagte, er sehe keine Hinweise darauf, dass äußere Einwirkungen zum Absturz geführt haben könnten. Das US-Außenministerium teilte mit, es gebe keinerlei Indizien für einen Terror-Akt.

Mannschaft vor dem Start: Aus Angst vor Terror die Sicherheitsbedingungen verschärft
REUTERS

Mannschaft vor dem Start: Aus Angst vor Terror die Sicherheitsbedingungen verschärft

Deutsche Beobachter wie der Raumfahrt-Experte Heinz-Hermann Koelle vermuten, dass ein Versagen des Hitzeschilds als Ursache in Frage kommt. Koelle sagte dem Nachrichtensender n-tv, seiner Meinung nach seien die Astronauten spätestens zehn Sekunden nach dem Unglück tot gewesen. Er war viele Jahre lang Professor für Raumfahrt an der Technischen Universität Berlin.

"Außen glüht es rot leuchtend"

Auch der deutsche Astronaut Ernst Messerschmidt sagte, seiner Ansicht nach habe die "Columbia" vermutlich einen Hitzeschutz oder ein System zur Fluglagekontrolle verloren. Eine Explosion des Shuttles halte er für wenig wahrscheinlich. Messerschmid war als Wissenschaftsastronaut 1985 mit der Raumfähre "Challenger" ins All geflogen war, die ein Jahr später abstürzte.

Messerschmid zufolge ist die Höhe zwischen 70 und 60 Kilometern, in der sich das Unglück ereignete, besonders kritisch. "Hier treten die größten Temperaturbelastungen auf, es wird 1600 bis 1700 Grad Celsius heiß, außen glüht es rot leuchtend." In dieser Phase müsse die Fluglage der Raumfähre genau kontrolliert werden: "Wenn sie nicht exakt stimmt, staut sich die Hitze an der falschen Stelle."

"Es kam durch das Dach"

Nach dem Absturz sind zahlreiche Maschinenteile und Metallstücke auf den Osten und Norden des Staates Texas niedergegangen. Das Areal soll nach CNN-Angaben über 300 Kilometer breit sein. Aus der Kleinstadt Nacogdoches 217 Kilometer nordöstlich von Houston hieß es, Trümmer lägen über das gesamte Stadtgebiet verstreut. "Viele Stücke sind etwa einen Meter groß", berichtete ein Zeuge. Der 29-jährige Zahnarzt Jeff Hancock fand ein Trümmerstück in seiner Praxis. "Es kam durchs Dach und ist eine etwa 30 Zentimeter große Metallklammer." Auch auf dem Flugplatz der Kleinstadt gingen Trümmer nieder.

Der Polizeisprecher teilte mit, dass seine Männer vor allem versuchten, die Bevölkerung davon abzuhalten, die Trümmer zu berühren. In einer Erklärung der Nasa wurde vor Krebs erregenden Chemikalien gewarnt, die für den Antrieb der Raumfähre genutzt würden. Bürger wurde aufgerufen, Trümmerfunde zu melden. Es sei nicht nur riskant, die Brocken zu berühren, sondern auch ungesetzlich, da sie Eigentum des Staates seien.

Entsetzen im Kontroll-Zentrum

Die Katastrophe hatte sich am Nachmittag angebahnt, als nach 16 Tagen im All der Funkkontakt zur Erde abbrach. Die "Columbia" flog zu diesem Zeitpunkt in einer Höhe von rund 60.000 Metern. Sie bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von rund 20.000 Kilometern pro Stunde, was etwa sechsfacher Schallgeschwindigkeit entspricht.

Fernsehsender übertrugen Bilder der Raumfähre, die brennend im Sturzflug zum Erdboden hinabrauschte. Die stürzenden Reste des Shuttles zogen mehrere lange, weiße Streifen hinter sich her. Normalerweise hinterlässt die Fähre nur einem Kondensstreifen. Im Kontrollzentrum der Nasa starrten Ingenieure entsetzt auf ihre Bildschirme.

"Columbia" beim Start: Gleich zu Beginn der Unglücksmission ging ein Teil der Isolierung verloren
REUTERS

"Columbia" beim Start: Gleich zu Beginn der Unglücksmission ging ein Teil der Isolierung verloren

Das Shuttle sollte um 15.16 in Cape Canaveral im Bundesstaat Florida landen. An Bord befand sich neben sechs Amerikanern, darunter zwei Frauen, auch der erste israelische Astronaut, Ilan Ramon. Ungewöhnlich viele der Astronauten hatten relativ wenig Weltraumerfahrung, mehrere flogen zum ersten Mal ins All. Die in Cape Canaveral bereits wartenden Angehörigen wurden an einen anderen Ort gebracht und betreut.

Die älteste Raumfähre der Nasa

In den 42 Jahren der bemannten Raumfahrt hat die Nasa noch nie eine Raumfähre bei der Rückkehr auf die Erde verloren. Im Jahr 1986 war aber die "Challenger" kurz nach dem Start explodiert, auch damals starben fünf Männer und zwei Frauen. Die "Columbia" befand sich auf ihrer 28. Mission, sie war 1981 zum ersten Mal geflogen. Damit war sie die älteste Raumfähre der Nasa. Theoretisch darf ein Shuttle zu 100 Missionen starten, bevor es aus dem Verkehr gezogen wird.

Die Nasa hatte die Sicherheitsvorkehrungen für die Mission erhöht, weil sie befürchtete, die Raumfähre könnte wegen des Israelis an Bord zum Ziel eines Anschlags werden. Kampfflugzeuge sicherten zu Startphase den Luftraum, auch auf dem Boden wurden die Kontrollen verstärkt. Die Presse erfuhr diesmal nicht, wann die Astronauten aus Houston in Cape Canaveral eintreffen sollten.

Beim Start einen Teil der Isolierung verloren

Die "Columbia"-Besatzung hatte im All mehr als 80 wissenschaftliche Experimente ausgeführt. Anders als bei den Raumfähren-Missionen zuvor dockte die Raumfähre nicht an die Internationale Raumstation (ISS) an.

Die Shuttle-Flotte hatte in den vergangenen Monaten viele technische Probleme erlebt. Starts waren mehrfach verschoben worden; die "Columbia" sollte ursprünglich schon im Juli starten. Am Tag des Starts verlor sie dann einen Teil der Isolierung eines Außentanks. Dieses Teil schlug vermutlich gegen die linke Tragfläche der Fähre. Noch am Freitag erklärte die Nasa, dass der Schaden als gering eingestuft werde, die Raumfähre sei dadurch beim Eintritt in die Atmosphäre nicht gefährdet.

Die Shuttle-Flotte hatte in den vergangenen Monaten viele technische Probleme erlebt. Starts waren mehrfach verschoben worden; die "Columbia" sollte ursprünglich schon im Juli starten. Am Tag des Starts verlor sie dann einen Teil der Isolierung eines Außentanks. Dieses Teil schlug vermutlich gegen die linke Tragfläche der Fähre. Noch am Freitag erklärte die Nasa, dass der Schaden als gering eingestuft werde, die Raumfähre sei dadurch beim Eintritt in die Atmosphäre nicht gefährdet.

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