Mutter eines Columbine-Täters "Die Schuld ist so gewaltig"

Wie erträgt es eine Mutter, dass ihr Kind Menschen umbringt und sich dann selbst tötet? Der Sohn von Sue Klebold war einer der Attentäter von Columbine, sie selbst erzählt nun in einem Buch vom Leben danach.

Gedenken am zehnten Jahrestag: Ein Schüler steht an der Gedenkstätte in Littleton
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Gedenken am zehnten Jahrestag: Ein Schüler steht an der Gedenkstätte in Littleton


Dylan Klebold, 17, richtete am 20. April 1999 gemeinsam mit Eric Harris, 18, ein Massaker an: Sie töteten in der Columbine High School nahe Littleton, Colorado, zwölf Schüler und einen Lehrer, verletzten 21 andere und erschossen sich schließlich selbst. Später wurde bekannt, dass die Täter geplant hatten, die gesamte Schule zu zerstören und möglichst viele Schüler umzubringen. Damals besuchten rund 2000 Jugendliche die Highschool.

Klebolds Mutter Sue schwieg lange, bis sie sich 2009 in einem Artikel für das Magazin von Oprah Winfrey "O" äußerte. Nun erzählt sie ausführlich, was sie denkt, was sie erlebte, was sie fühlt.

Am Montag erscheint ihr Buch ("A Mother's Reckoning: Living in the Aftermath of the Columbine Tragedy"), alle Einnahmen sollen Organisationen gespendet werden, die sich um psychisch Kranke kümmern. Vorher gab sie mehrere Interviews.

"Alles, was ich hörte war 'Bye'"

Sie berichtet vom Morgen jenes Apriltages: Ihr Sohn, der normalerweise nur widerwillig aufgestanden sei, sei die Treppe heruntergepoltert, dann an ihrem Schlafzimmer vorbei zur Haustür gegangen und verschwunden. "Ich konnte ihn nicht sehen, alles, was ich hörte war 'Bye', dann knallte er die Tür zu und ging", sagte sie der BBC.

In ihrem Buch schreibt sie laut BBC, die Strenge in Dylans Stimme habe sie erschreckt. Sie und ihr damaliger Mann Tom hätten daraufhin entschieden, am Abend mit Dylan zu sprechen, um herauszufinden, ob etwas nicht stimmte. Heute wünschte sie, sie hätte ihn gepackt und gesagt: "Setz dich hin. Du gehst jetzt nirgends hin. Wir müssen uns unterhalten."

Es dauerte, bis Sue Klebold akzeptierten konnte, dass ihr Sohn zum Mörder geworden war. Sie habe es nicht akzeptieren können, bis sie, ein halbes Jahr nach der Tat, den Polizeibericht las. Erst dann habe sie Wut empfunden auf den Sohn. Zugleich erfuhren sie und Tom erst dann, dass Dylan in den zwei Jahren vor dem Massaker Suizidgedanken hatte.

"Was du fühlst, ist Selbsthass"

Sie liebe ihren Sohn noch immer, sagte Sue Klebold dem "Guardian", er sei kein Monster gewesen. Zugleich könne sie sich nicht verzeihen, dass sie nicht gemerkt habe, dass etwas nicht stimmte. "Ich sah, dass sich sein Verhalten änderte. Und dachte, dass es normal sei bei einem Jugendlichen." Unglücklicherweise habe sie damals nicht wahrgenommen, dass Dylans Verhalten womöglich "auf etwas anderes hinwies, vielleicht Depressionen."

Heute hilft Klebold anderen Familien, deren Kinder sich umgebracht haben.

"Es ist sehr hart für mich, über meine Liebe zu Dylan zu sprechen", sagte sie der BBC. Es sei vermutlich genauso hart für die Überlebenden und die Hinterbliebenen der Opfer, sie das sagen zu hören. "Aber er war mein Sohn, ihn zu kennen, bereicherte mein Leben, ich habe ihn geliebt, er brachte Freude in mein Leben." Auch heute könne sie nicht anders, als ihn zu lieben. "Seit seinem Tod habe ich einen Sinn darin gefunden, nach Antworten zu suchen, um zu verstehen, wieso diese schreckliche Sache geschehen ist."

Sue Klebold sagt über ihren Sohn: "Er war ein Mensch. Ich glaube, dass Dylan Opfer einer Fehlfunktion in seinem Gehirn war." Sie selbst könne sich aber nicht verzeihen, dass sie dies nicht bemerkt habe.

"Man kann sich an jede Unterhaltung erinnern, jedes Geschenk, jeden Moment. Und was du fühlst, ist Selbsthass", sagte sie dem "Guardian". "Ich habe das geschehen lassen, es war meine Aufgabe, auf ihn aufzupassen. Auch auf andere. Das ist irgendwie passiert, weil ich es nicht stoppen konnte." Die Schuld, die sie fühle, passe in keinen Raum. "Sie ist so gewaltig."

bim



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