"Concordia"-Kommandant Schettino Capitano dilettante

Das Verhalten des Kapitäns der "Costa Concordia" wird immer rätselhafter. Stand Francesco Schettino in der Unglücksnacht einfach unter Schock - oder unter Drogen? Seine Offiziere nennen ihn einen Draufgänger: "Er würde selbst einen Bus wie einen Ferrari fahren."

Helmut Etzkorn

Hamburg - Mit jeder neuen Aussage, die von Francesco Schettino bekannt wird, wirkt sein Verhalten rätselhafter, erscheint der Unglückskapitän der "Costa Concordia" ein Stück unglaubwürdiger. Ein neuer Tiefpunkt ist seine Erklärung, warum er sein sinkendes Schiff verließ.

Laut italienischen Zeitungsberichten sagte Schettino der Untersuchungsrichterin, er sei nach einem Ruck ins Rettungsboot gestolpert und habe danach nicht wieder an Bord gelangen können. Schettino betonte demnach, er habe seine Schwimmweste selbstlos einem Passagier überlassen.

Eine erstaunliche Aussage für den Mann, der laut Staatsanwaltschaft und mitgeschnittenen Telefonaten früh das eigene Schiff verließ und sich danach Befehlen widersetzte, an Bord zurückzukehren.

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"Concordia"-Kapitän: "Ich hatte nicht die Absicht zu fliehen"
Sechs Tage nach dem verheerenden Schiffsunglück fragen sich viele Italiener: Was zum Teufel ist in Schettino gefahren? Der 51-jährige, erfahrene Kapitän verursachte laut Staatsanwaltschaft mit einem riskanten Manöver die Havarie der "Costa Concordia", schlug zu spät Alarm und entfernte sich heimlich vom Schiff, als hunderte Passagiere noch auf dem Kreuzfahrtriesen gefangen waren.

Die Mitschnitte der dramatischen Telefonate, die die Küstenwache mit Schettino führte, zeigen einen Mann, der offensichtlich neben sich steht, der die Kontrolle über die Situation und sich selbst verloren hat. Ist Schettino ein Feigling? Stand er unter Drogen oder einfach nur unter Schock? Auf den Mitschnitten antwortet Schettino auf die bohrenden Fragen und Ansagen der Küstenwachen bestenfalls zögerlich. Er stammelt, wirkt abwesend.

"Hören Sie, Schettino..."
Dabei ist Schettino, geboren in Neapel und Sprössling einer Schifffahrer-Dynastie, erfahrener Kapitän, seit zehn Jahren im Dienst der Reederei Costa Crociere und war immerhin Kommandant des Prunkstücks der Flotte, der "Costa Concordia". Bilder aus vergangenen Tagen zeigen ihn als stolzen Kapitän etwa auf dem Hudson, der auf seiner Kommandobrücke an der Skyline Manhattans vorbeischippert.

"Ich nehme keine Drogen"

Erst nachdem am Dienstag die Öffentlichkeit auf den Telefonmitschnitten eine Ahnung von Schettinos Zustand bekam, führten die Ermittler einen Drogentest beim Kapitän durch. Sie suchen nach Spuren von Kokain und anderer Substanzen, die bis zu zwei Wochen nachweisbar sein sollen. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" hat sich Schettino dem Test "ruhig und bereitwillig" unterzogen. "Macht ruhig", soll er den Ermittlern gesagt haben, "ich nehme keine Drogen, und getrunken habe ich auch nicht."

Stand der Kapitän einfach unter Schock? Dafür sprechen nicht nur die Telefonate, sondern auch das, was die Lokalzeitung "Il Mattino" über Schettinos Morgen danach berichtete. Demnach wirkte Schettino am Samstag auf die Bewohner der Insel Giglio verwirrt. Den Hotelwirt habe er nur um einen Espresso mit viel Zucker gebeten und um ein Paar trockene Socken. Auch einen Taxifahrer soll er nur gefragt haben: "Wo kann ich mir trockene Strümpfe kaufen"? Wie ein geprügelter Hund habe Schettino gewirkt, so erinnert sich laut "Il Mattino" der Taxifahrer.

Bis zum verhängnisvollen Freitagabend wirkte Schettino freilich ganz anders. Glaubt man seinen Offizieren, die sich in den letzten Tagen in italienischen Zeitungen zu Wort gemeldet haben, ergibt sich das Bild eines Draufgängers, der Herausforderungen sucht. Einer seiner Offiziere, Martino Pellegrino, wird von der "Repubblica" mit den Worten zitiert: "Schettino würde selbst einen Bus wie einen Ferrari fahren." Er sei als Kapitän stets unflexibel gewesen.

In den letzten Tagen wurde ebenso bekannt, dass er bereits im Dezember eine riskante Entscheidung traf. Er soll bei schwerem Sturm aus dem Hafen in Marseille ausgelaufen sein, bei Windgeschwindigkeiten von 50 bis 60 Knoten. Niemand seiner Crew habe trotz erheblicher Zweifel zu widersprechen gewagt. Damals ist zumindest alles gut ausgegangen.

Ehefrau verteidigt Schettino

Die Ehefrau des Kapitäns stellte sich nach den massiven Angriffen demonstrativ vor ihren Mann: Viele der verbreiteten Details über das angebliche Verhalten ihres Mannes müssten noch verifiziert werden, betonte Fabiola R. in einer Erklärung an die Medien. "Die vielen, die ihn gut kennen, können seine absolute Hingabe an die Arbeit und seine Professionalität bezeugen."

Diese Ergebenheit zeige sich unter anderem in dem Schiffsmanöver, zu dem sich der Kapitän entschlossen habe, um möglichst viele Passagiere zu retten. Er soll die "Costa Concordia" nach der Kollision möglichst dicht an die Küste navigiert haben. "Deshalb fühlen wir uns in der Pflicht, jeden Versuch, seine Person zu kriminalisieren, von uns zu weisen", so die Ehefrau. Die Familie hoffe darauf, dass man seine Tragödie und das menschliche Drama, das dahinter stehe, verstehe.

"Überschäumender Draufgänger"

Schettinos früherer Vorgesetzter, Mario Polombo, nannte ihn nun einen überschäumenden Draufgänger. Ausgerechnet Polombo, der so etwas war wie Schettinos Vorbild: allseits geachtet und stets souverän. Während die "Costa Concordia" am späten Freitagabend schon gefährlich nah als Felsenufer heransteuerte, soll Schettino auf dem Handy mit seinem früheren Vorgesetzen telefoniert haben, ihm begeistert berichtet haben, er wolle ihm die geplante "Verneigung" mit dem Schiff widmen. Doch Polombo sagte ihm, er sei gar nicht auf der Insel. Dann fragte Schettino ihn laut "La Stampa" offenbar noch nach der Wassertiefe - kurz darauf krachte der Rumpf gegen den Granitfelsen.

Seit diesem Moment wirken fast alle von Schettinos Erklärungen unglaubwürdig: Zuerst hatte er behauptet, der Felsen, der er gerammt hatte, sei in keiner Karte verzeichnet gewesen. Dann behauptete er gegenüber Ermittlern und Journalisten, das Schiff als Letzter verlassen zu haben. Nun will er also unwillentlich ins Rettungsboot gestolpert sein. Das Echo in den Medien ist verheerend - auch Schettinos Schwester Giulia, die ihrem Bruder Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein attestierte, konnte dem Eindruck nicht entgegenwirken.

In der Nacht zu Mittwoch, als Schettino aus der Untersuchungshaft zum Hausarrest in sein Heimatdorf zurückkehrte, erzählte er laut italienischer Zeitungen der Familie noch mal seine Version: "Ich habe meine Pflicht getan, ich bin nicht geflüchtet, ich habe den anderen geholfen."

Immerhin: Dass er das Schiff nach der Kollision näher an die Küste manövriert hat, könnte tatsächlich zahlreichen Menschen das Leben gerettet haben. Und in seinem Dorf Meta di Sorrento südlich von Neapel verteidigt man Schettino. "Er ist ein guter Mensch und Kapitän", sagte ein Nachbar, ein anderer sieht ihn als Held. Ein Anwohner sagte, nur die Justiz dürfe ein Urteil fallen, die Medien dürften ihn nicht hinrichten.

Allerdings ist die Sicht der Justiz ganz ähnlich. Im Bericht der zuständigen Untersuchungsrichterin heißt es: Als Schettino den Luxuskreuzer verlassen hatte, habe er "keinen ernsthaften Versuch" unternommen, "zumindest wieder in die Nähe" der "Costa Concordia" zu kommen. Er habe, so das Fazit der Richterin, "seinem Schiff beim Versinken zugesehen."

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