"Concordia"-Rettungsarbeiten: Helfer sprengen Löcher in den Rumpf

Bei der Suche nach Überlebenden auf der havarierten "Costa Concordia" setzen die Suchmannschaften Sprengstoff ein. Sie haben Löcher in den Rumpf gesprengt, um durch die Trümmer zu kommen. Die Küstenbehörde hat Bilder aus dem Inneren des Wracks veröffentlicht.

AFP

Rom - Die Explosionen waren bis auf die Insel zu hören. Mehrere laute Knallgeräusche schreckten am Morgen die Menschen auf Giglio auf und kündeten von der neuesten Rettungsmaßnahme an der havarierten "Costa Concordia". Helfer setzten Sprengstoff ein, um sich einen Weg durch Trümmer und andere Hindernisse zu bahnen, sagte ein Sprecher der Küstenwache in Giglio. "Wir wollen das gute Wetter ausnutzen und versuchen, so weit wie möglich voranzukommen", erklärte Filippo Marini.

Mitarbeitern der Feuerwehr zufolge handelte es sich um kontrollierte Explosionen im Inneren des Wracks. "Die Helfer zerstören Fenster, um in weitere Teile des Schiffs vorzudringen", sagte ein Feuerwehrmann an der Hafenpromenade. Angehörige der Kriegsmarine ließen laut "La Repubblica" am Morgen kleine Sprengladungen explodieren.

Taucher der italienischen Marine sprengten vier Löcher in die Außenwand des havarierten Kreuzfahrtschiffs. Marinesprecher Alessandro Busonero sagte dem Fernsehsender Sky TV 24, die Öffnungen ermöglichten es den Tauchern, für die Suche nach den Vermissten leichter ins Innere des Wracks zu gelangen. Die Löcher wurden sowohl über als auch unter Wasser gesprengt. Busonero sprach von einem Rennen gegen die Zeit.

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Rettungsarbeiten an "Costa Concordia": Sprengen, tauchen, hoffen
Fernsehbilder zeigten, dass die Löcher einen Durchmesser von weniger als zwei Metern hatten. Die Küstenwache veröffentlichte unterdessen Fotos, die am Freitag unter Wasser und im Inneren des Wracks aufgenommen worden waren.

29 Menschen werden vermisst

Bis Montag waren sechs Tote gefunden worden. Die italienische Zeitung "La Stampa" berichtet auf ihrer Internetseite von einer weiteren Leiche, die im Wrack gefunden worden sei. Die italienischen Rettungskräfte dementierten den Bericht jedoch wenige Stunden später. Die Zahl der Toten liege weiterhin bei sechs, sagte ein Sprecher der Küstenwache. Auch die Feuerwehr wies den Bericht von "La Stampa" zurück.

Einer detaillierten Auflistung der Küstenwache zufolge werden nach dem Schiffsunglück vom Freitagabend folglich noch immer 29 Menschen vermisst. Darunter seien insgesamt 14 Deutsche, sechs Italiener, vier Franzosen, zwei US-Bürger sowie ein Ungar, ein Peruaner und ein Inder, sagte ein Sprecher. Zuvor waren die Behörden von 16 Vermissten ausgegangen.

Die Taucher hatten ihre Arbeit am Montagabend vorübergehend ausgesetzt, nachdem sie noch lange mit Scheinwerfern unter Wasser nach den Vermissten des Unglücks gesucht hatten. Die Feuerwehrleute, die ebenfalls am Wrack im Einsatz sind, wollten ihre Arbeit nach eigenen Angaben aber die Nacht hindurch fortsetzen.

Selbst für erfahrene Taucher sei die Suche in dem auf der Seite liegenden Schiffswrack gefährlich, sagte Küstenwachenchef Marco Brusco. Für die Vermissten gebe es aber noch einen "Hoffnungsschimmer", da das Schiff noch nicht komplett erkundet worden sei, ergänzte er. Die Chancen, sie lebend zu finden, werden nach Ansicht von Experten aber immer geringer.

Kapitän gilt in Gefängnis als Risiko-Insasse

Bei der Suche nach den Ursachen der Katastrophe gerät der Kapitän immer mehr in die Kritik. Während die Öffentlichkeit über seine Motive rätselt, sitzt Francesco Schettino mit zwei Zellengenossen im Gefängnis von Grosseto in Untersuchungshaft. Er ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung, Schiffbruchs und vorzeitigen Verlassens des Schiffs. Das Personal sei beauftragt worden, häufig nach dem Gefangenen zu sehen, schreibt die Nachrichtenagentur Ansa am Dienstag. Zwar habe Schettino bisher keine Selbstmordgedanken geäußert, werde aber angesichts der angespannten Lage als Risiko-Insasse betrachtet.

Der Anwalt beschreibt den Zustand seines Mandanten als "erschöpft, bestürzt, gramerfüllt und sehr verwirrt". Nach außen hin bewahre Schettino jedoch Ruhe, hieß es, er gebe sich der Verzweiflung nicht hin, fluche oder weine nicht. Der Kapitän sei bereits von einem Psychologen aufgesucht worden. Seine Familie hat der Gefangene bisher nicht gesehen. Bei einer Verurteilung muss Schettino laut Staatsanwalt Francesco Verusio aus Grosseto mit einer Haftstrafe von 15 Jahren rechnen.

Die italienische Nachrichtenagentur Ansa hatte am Montagabend Zitate aus einem aufgezeichneten Telefonat zwischen Schettino und einem Offizier, der im Hafen der Insel Giglio Dienst hatte, veröffentlicht. Darin wird der schon kurz nach dem Unglück von Zeugen geäußerte Verdacht erhärtet, wonach der Kapitän früh von Bord gegangen war.

"Geben Sie die Rettung auf?"

Bei den Mitschnitten handelt es sich laut Ansa um Aufzeichnungen von einer Blackbox. Demnach erreichte der Offizier den Kapitän um 1.46 Uhr auf dem Handy, als noch Hunderte Menschen an Bord des sich langsam zur Seite neigenden Schiffs waren. Darin forderte der Mitarbeiter des Hafens: "Jetzt begeben Sie sich zum Bug, Sie klettern die Rettungsleiter hoch und leiten die Evakuierung!"

Der Offizier wurde im Verlauf des Telefonats immer ungehaltener. "Sie müssen uns sagen, wie viele Leute noch da sind, Kinder, Frauen, Passagiere, die genauen Zahlen in jeder Kategorie!", forderte er Schettino auf. "Was machen Sie? Geben Sie die Rettung auf?", fragte der Offizier. "Nein, nein, ich bin da, ich koordiniere die Rettung", antwortete Schettino, der von den Zeugen allerdings schon vor Mitternacht am Ufer gesehen worden sein soll.

Das Gespräch entlarvt, dass der Kapitän ganz offensichtlich nicht im Bilde über die Situation war. Auf die Aussage des Offiziers, es gebe bereits Leichen, fragte Schettino: "Wie viele?" Der Offizier darauf: "Das müssen doch Sie mir sagen! Was machen Sie? Jetzt kehren Sie nach da oben zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!"

Sorge vor Umweltkatastrophe

Schon um 1.42 Uhr hatte sich der Kapitän laut Ansa in einem anderen Telefonat mit der Hafenmeisterei in Widersprüche verstrickt. "Wir können nicht mehr an Bord des Schiffs gehen, weil es zur Heckseite kippt", sagte Schettino. Daraufhin fragte der Offizier völlig überrascht: "Kommandant, haben Sie das Schiff verlassen?" Der Kapitän darauf: "Nein, nein, natürlich nicht!"

Die "Costa Concordia" war am Freitag mit mehr als 4000 Menschen an Bord vor der Insel Giglio vor der Westküste Italiens auf einen Felsen aufgelaufen und havariert. Nach bisherigen Erkenntnissen deutet alles auf einen Fehler des Kapitäns hin. Schettino sitzt in Untersuchungshaft.

Inzwischen wächst die Sorge vor einer Umweltkatastrophe. Am Mittag soll das niederländische Bergungsunternehmen Smit weitere Schritte zur Verhinderung einer Verschmutzung vorstellen. Noch immer sollen sich 2400 Tonnen Treibstoff an Bord der "Costa Concordia" befinden. "Im Moment gibt es keine Öllecks, aber wir müssen schnell reagieren, um eine Umweltkatastrophe zu verhindern", hatte Umweltminister Corrado Clini am Montag dem staatlichen Fernsehsender Rai gesagt.

siu/ala/dpa/AFP

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  • Google Earth/ DigitalGlobe
    Die Lage der havarierten "Costa Concordia"

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"Costa Concordia": Kleinstadt auf dem Mittelmeer