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Corrida-Verbot in Katalonien: Tod dem Stierkampf

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Schluss mit der Quälerei, das forderten Tierschützer in Katalonien seit langem. Nun hat das Regionalparlament in Barcelona den Stierkampf verboten. Intellektuelle beweinen den Niedergang eines Kulturguts - den Gegnern des Spektakels werden politische Motive unterstellt.

Hamburg - Die "Fiesta" in Katalonien ist vorbei. Ab 2012 wird es keinen Stierkampf mehr in der autonomen Region im Nordosten Spaniens geben, in den Arenen werden die Toreros keine roten Tücher mehr schwenken, die Stiere bleiben am Leben. Schluss mit dem blutigen Spektakel. Das hat das katalanische Parlament jetzt beschlossen. Viele Abgeordnete sprangen auf, als das Ergebnis der Abstimmung feststand.

Für die einen ist das ein großer Sieg, für die anderen ein furchtbarer Verlust. Gegner und Befürworter schrien vor dem Parlamentsgebäude in Barcelona ihre Meinung heraus, bevor die Abgeordneten mit klarer Mehrheit für das Verbot votierten. Bislang hatten lediglich die kanarischen Inseln Stierkämpfe für illegal erklärt, 1991.

Spanien und Stierkampf: Das sei nicht zu trennen, meinen viele "aficionados", Anhänger der jahrhundertealten Tradition auf der iberischen Halbinsel. Der Stier wird gern auf spanische Fahnen gedruckt, er ist ein Klischee wie Paella und Kastagnetten. Auch wenn die Zahl der Kämpfe in ganz Spanien in den vergangenen Jahren auf rund 1000 pro Saison gesunken ist - in den Zeitungen finden sich regelmäßig detaillierte Besprechungen und Bewertungen, ähnlich wie Film- oder Musikkritiken. Überschrieben sind die Artikel dann mit "Die Stunde der Wahrheit" oder "Chronik einer angekündigten Schande".

König Juan Carlos verteidigt den Stierkampf; die Regionalpräsidentin von Madrid, Esperanza Aguirre, will ihn gar zum Kulturerbe erklären. Der Stierkampf sei zwar eine "grausame Fiesta", aber auch eine "emotionale und spirituelle Bereicherung, so intensiv wie ein Konzert von Beethoven oder eine Komödie von Shakespeare", meint der peruanische Autor Mario Vargas Llosa.

Mögen Tierschützer den Stierkampf für Quälerei halten, preisen ihn besonders Intellektuelle gern als ästhetisch. Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway etwa schwärmte von dem "großen Matador", der "ein Stierkämpfer und zur gleichen Zeit ein Künstler ist". Stierkampf sei kein Sport, sondern ein Drama: Freude, Schönheit, Tod, Trauer - in zwanzig Minuten.

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Katalonien: Nie mehr "Tod am Nachmittag"

Ein Kampf auf Leben und Tod sei die Corrida, "so, wie wir ihn alle kämpfen", sagt auch Felipe Díaz Murillo, Leiter der Stierkampf-Schule in Madrid. Er begegnet dem beschlossenen Verbot in Katalonien mit völligem Unverständnis. Seit 30 Jahren bilden sie in seinem Institut Toreros aus, die Jugendlichen üben unter der Woche jeden Tag. 80 Schüler hat Díaz Murillo zurzeit, einer der bekanntesten Alumni ist "El Juli".

"El Juli" heißt eigentlich Julián López, er ist 27 Jahre alt und gilt als großer Stierkämpfer. Wie sein früherer Direktor ist auch "El Juli" erbost über die Katalanen. "Der Stierkampf ist eine intensive und wahrhaftige Kunst, etwas Einzigartiges: Ein Mann, der sein Leben im Kampf mit einem wilden Tier riskiert, es überwältigt", sagte er vor der Entscheidung.

Stierkampfgegner schütteln über solche Äußerungen den Kopf. "El Juli" selbst wurde vor zwei Wochen von einem Stier aufgespießt, am Unterleib verletzt. Noch spektakulärer war die Verletzung des Matadors Julio Aparicio im Mai. Ein 530 Kilogramm schwerer Stier warf Aparicio zu Boden und spießte ihn dann auf. Das rechte Horn durchbohrte seinen Unterkiefer, seine Zunge und ragte aus dem Mund des Toreros heraus. In der Arena seien bei dem Anblick zwei Zuschauer in Ohnmacht gefallen, berichtete der Rundfunk. Heute sieht man nur noch eine Narbe, die Aparicio als "schöne Erinnerung" bezeichnet. Sein nächster Kampf ist für den 1. August angesetzt.

Kampf um die Corrida - oder um mehr Autonomie?

Doch den Gegnern des blutigen Spektakels geht es weniger um die Toreros als um die Tiere. Für die Stiere bedeuteten die Kämpfe nichts weiter als Folter und Schmerz, sagt Anna Mulà. Sie ist Sprecherin der Initiative "Prou!" (Katalanisch für "es reicht!"), die 180.000 Unterschriften für ein Volksbegehren zur Abschaffung des Stierkampfes gesammelt hatte. Mulà rief die Abgeordneten am Mittwoch auf, eine "Botschaft des Erbarmens und des Fortschritts an die Menschheit zu richten".

Torero "El Juli", sein Lehrer Murillo und viele anderen hingegen vermuten hinter dem nun beschlossenen Verbot politische Motive. Damit wolle Katalonien einmal mehr seine Unabhängigkeit gegenüber Spanien beweisen. Vor wenigen Wochen hat das Verfassungsgericht in Madrid entschieden, dass das Autonomiestatut Kataloniens eingeschränkt wird.

Viele Katalanen waren nach der Entscheidung empört - mehr als eine Million Menschen in der Region forderten bei Protesten mehr Unabhängigkeit. Sie pochen auf ihre eigene Sprache und Kultur, die unter Diktator Franciso Franco brutal unterdrückt wurden. Heute hat die Region eine eigene Regierung, ein Parlament und eigene Polizeikräfte. Amts- und Unterrichtssprache ist Katalanisch. Doch wichtig ist vielen Katalanen auch, als eigene "Nation" anerkannt zu werden.

Dass das Stierkampfverbot etwas mit dem Streben nach Unabhängigkeit zu tun haben soll, wiesen die Gegner der "corrida" aber weit von sich: So sagte Josep Rull, Sprecher der gemäßigten Partei Konvergenz und Union CiU, ein Nein zum Stierkampf zeuge nicht von einer antispanischen Gesinnung. Als Beispiel zog er England heran: "Die Briten haben ja auch die Fuchsjagd verboten, und das Land existiert noch immer." Leugnen konnte aber auch er nicht, dass vor allem jene Parteien für das Verbot stimmten, die auch für eine Unabhängigkeit Kataloniens plädieren.

Das Interesse an den Stierkämpfen hat in der Region ohnehin nachgelassen. Regelmäßig finden Corridas nur noch in der einzigen dafür vorgesehenen Arena in Barcelona statt. Nun wird die Arena geschlossen, zumindest dort wird es vorbei sein mit dem "Tod am Nachmittag".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 283 Beiträge
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1. ++
saul7 28.07.2010
Zitat von sysopSchluss mit der Quälerei, das forderten Tierschützer in Katalonien seit langem. Nun hat das Regionalparlament in Barcelona den Stierkampf verboten. Intellektuelle beweinen den Niedergang eines Kulturguts - den Gegnern des Spektakels werden politische Motive unterstellt. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,708886,00.html
Das ist eine schöne Nachricht. Es bleibt zu hoffen, dass dieses als "Kulturgut" bezeichnete Spektakel nun endlich auch im ganzen Land verboten werden wird....
2. ...
Klo, 28.07.2010
Zitat von sysopSchluss mit der Quälerei, das forderten Tierschützer in Katalonien seit langem. Nun hat das Regionalparlament in Barcelona den Stierkampf verboten. Intellektuelle beweinen den Niedergang eines Kulturguts - den Gegnern des Spektakels werden politische Motive unterstellt. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,708886,00.html
Endlich! Diese bestialische Praxis war aber nun wirklich einfach zu archaisch. Das Klo.
3. Jetzt nicht aufhören
mikkuukuusanen 28.07.2010
Ich hoffe, das ist erst der Anfang dieses unsägliche Spektakel überall zu Unterbinden. Das mit "Tradition" und "Kultur" zu rechtfertigen ist schlicht pervers. Töten aus Spaß und Unterhaltung - Menschen die das befürworten sind nach meiner Meinung der moralisch unterste Bodensatz der Gesellschaft. Solange es solche Menschen gibt muss man sich über viele andere, noch schlimmere, Dinge nicht wundern.
4. Die Fotos sprechen für sich
stevenflowers 28.07.2010
.. sowohl für die Argumente der Gegner, sowohl auch der Beführworter. Nicht anders als im übrigen Leben selbst. ... Eine Diskussion pro oder contra Stierkampf zu führen ist wohl müssig, ich selbst teile die Meinung das es sich um ein Kulturgut handelt. .. Eine Bemerkung zu dem Foto mit dem Pferd. Es handelt sich nicht um den Picador, wie der Kommentar vermuten lässt, sondern um eine Ablichtung einer Szene aus der berittenen Variante des Stierkampfes, dem Rejoneo. Noch spektakulärer und eleganter als der Stierkampf zu Fuss.
5. nüx
Bobby Shaftoe, 28.07.2010
Bravo. Bei der Gelegenheit kann man dann auch die EU-Subventionen für die Zucht von Corrida-Stieren einstampfen.
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Spanien: Horrorunfall beim Stierkampf

Bevölkerung: 46,440 Mio.

Fläche: 505.968 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

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Stierhatz: Durch die Stadt zur Arena

Spaniens Geschichte
Spanischer Bürgerkrieg
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Im spanischen Bürgerkrieg kämpften von 1936 bis 1939 faschistische und konservativ-katholische Kräfte gegen die demokratisch gewählte Regierung der Republik. Der General Franciso Franco führte den Putsch vom Juli 1936 an. An seiner Seite kämpfte auch die deutsche Legion Condor sowie italienische Soldaten und Freiwillige.

Doch die Republikaner wehrten sich und verteidigten die Regierung: Auf der Seite der "Roten" kämpften Kommunisten, Sozialisten, Liberale und antifaschistische "Internationale Brigaden". Sie wurden unterstützt von der Sowjetunion. Der Bürgerkrieg wurde auf beiden Seiten mit einem Höchstmaß an Einsatzbereitschaft, aber auch an Brutalität geführt.
Franco-Diktatur
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Francos Truppen siegten 1939 und zogen in Madrid ein. Der General errichtete eine Diktatur, die fast 40 Jahre dauern sollte und sich auf Armee, Kirche und faschistische Falange-Verbände stützte. 150.000 politische Gegner wurden von 1936 bis 1943 ermordet. Hunderttausende Menschen flohen ins Exil.
Übergang zur Demokratie
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Nach Francos Tod 1975 einigten sich die spanischen Parteien auf einen "Pakt des Schweigens", um einen friedlichen Übergang zur Demokratie zu ermöglichen. Erst mit dem 2007 verabschiedeten "Gesetz der historischen Erinnerung" begann die Aufarbeitung der Geschichte: Symbole des Franco-Regimes sollen aus dem öffentlichen Leben entfernt und die Opfer der Repressionen entschädigt werden.

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