Aufgerichtete "Costa Concordia" "Wir verneigen uns vor der Arbeit der Ingenieure"

Erstmals nach 20 Monaten liegt die havarierte "Costa Concordia" wieder aufrecht im Wasser - und bietet einen Blick auf die Verwüstungen an ihrer schlammverkrusteten Steuerbordseite. Die Bergungstruppe und die Einwohner von Giglio feiern den Triumph der Technik.

Aus Giglio berichtet


"Bravissimi, auguri, auguri!", schallt es an diesem Morgen über die Insel Giglio. "Glückwünsche, ihr seid die Besten!" Seit 4 Uhr steht die havarierte "Costa Concordia" wieder aufrecht. Und es gibt so gut wie niemanden, der nicht begeistert ist von der ehrlichen Freude der Ingenieure, Techniker und Helfer, die so stolz sind auf ihre Arbeit.

Als erster kommt Admiral Stefano Tortora an Land, wo er bereits von einem Pulk Journalisten erwartet wird. Applaus brandet auf, der Admiral spricht bescheiden von "größter Zufriedenheit" über den Ausgang der Operation. "Das Team war außerordentlich, wir haben ein fabelhaftes Ergebnis erzielt." So perfekt berechnet und vorbereitet sei die Parbuckling-Aktion gewesen, "dass wir eigentlich gar nicht mehr viel tun mussten".

Um 65 Grad wurde die "Costa Concordia" gedreht, jetzt hat man endlich einen Blick auf die Steuerbordseite, auf der das Kreuzfahrtschiff 20 Monate gelegen hatte. Sie war die Schwachstelle des ganzen Projekts. Niemand wusste genau, wie groß die Schäden hier waren. Man rechnete damit, dass beim Aufstellen der Rumpf brechen könnte. Wie schlimm sind die Schäden an dieser Stelle? "Beeindruckend, verstörend, wenn Sie das Schiff sehen, werden Sie schockiert sein", sagt Tortora. Es werde "enorme Probleme" bereiten, die Container auf der schwer mitgenommenen Seite anzubringen.

Unumstrittener Held der Stunde

Wieder ertönen "Bravi"-Rufe, Sektkorken knallen, die Menge wendet sich dem Meer zu: Alle warten auf Nick Sloane, den Projektleiter der Bergungsfirmen Titan/Micoperi. Der 52-jährige Südafrikaner ist so etwas wie die Seele des Projekts, beliebt, umgänglich, immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Jetzt ist er der unumstrittene Held der Stunde.

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Manöver vor Giglio: "Heftige Schäden"
"Nicky, Nicky!", ruft eine Frau, die Leute johlen und klatschen. Die Anstrengungen der vergangenen Tage haben sich in Sloanes Gesicht gegraben, aber seine gute Laune ist ungebrochen. "Zeit für ein Bier", scherzt er und sucht dann seine Frau in der Menge. Natürlich sei er glücklich und zufrieden über den Ausgang der Aktion. "Das ist überwältigend", sagt er, fügt dann aber hinzu: "Wir haben noch eine Menge zu tun, da sind heftige Schäden am Boot."

Es werde mit Sicherheit Wochen dauern, bis man einen Plan erstellt habe für das Abschleppen der "Concordia". Letzteres wird mit Sicherheit nicht mehr in diesem Jahr erfolgen. Mindestens bis zum Frühjahr müssen die Gigliesi also weiter mit dem Wrack vor der Nase leben. Ist die "Concordia" in der Lage, den Weg nach Piombino oder in einen anderen Hafen durchzuhalten? "Sie war stark genug, um aufgerichtet zu werden", sagt Sloane. "Dann ist sie auch stark genug fürs Abschleppen."

Siegerpose mit südafrikanischer Flagge

Der Projektleiter hat ein besonders gutes Verhältnis zu den Menschen auf der Insel, mit denen er seit Monaten zusammenlebt. In der Stunde seines Triumphes aber ist er Patriot. Bevor er sich mit seinen Mitarbeitern in eine Bar begibt, schwenkt Sloane eine südafrikanische Flagge.

19 Stunden lang dauerte das sogenannte Parbuckling, bei dem das vor Giglio auf einem Felsen liegende 290 Meter lange und 35 Meter breite Kreuzfahrtschiff in die Vertikale gezogen wurde. Zehn bis zwölf Stunden waren dafür veranschlagt worden. Zunächst hatte ein Gewitter die Vorbereitungen um zwei Stunden verzögert. Dann mussten Arbeiter auf die riesigen, ans Schiff montierten Container klettern, weil sich dort einige lose Enden von Stahllitzen verheddert hatten. Das kostete das Team eine weitere Stunde.

"Wir haben das Schiff sehr langsam aufgerichtet", sagt Andreas Rosponi, Geschäftsführer des Hamburger Ingenieurbüros Overdick, das die Berechnungen vorgenommen hatte. "Wenn wir größere Ölpumpen in der Hydraulik genutzt hätten, wären wir schneller gewesen. Aber was soll's, better safe than sorry!" Neben Rosponi sitzt Jungingenieur Jonathan Huth, der im Vorfeld berechnet hatte, wie die Steuerbordseite vermutlich aussehen würde. Und er lag zu 80 Prozent richtig. "Die Seite ist auf 20 bis 30 Meter Länge drei Meter tief eingedrückt, kaputt bis zum obersten Deck", sagt er. "Wir werden jetzt erst mal die Wunden zählen."

Der Anblick der wieder aufgetauchten Schiffsseite ist gespenstisch: Tief eingedrückt ist der Rumpf hier. Nach all der Zeit flattern noch immer weinrote Vorhänge an den Kabinenfenstern.

Ein bisschen schmuddelig sieht die "Costa Concordia" aus, jetzt, da sie sich aufgerichtet hat. Ungewohnt breit wirkt sie im Morgenlicht dieses sehr warmen, schwülen Tages in Giglio. Gestern Abend noch sah man viele Inselbewohner versunken auf das Wrack schauen. Jeder nahm auf seine Weise Abschied von der inzwischen verhasst-vertrauten Kulisse.

"Wir verneigen uns vor der Arbeit der Ingenieure und Techniker", sagt Eugenio, der mit Freunden vor einer Bar am Hafen sitzt. Ob jetzt bald alles wieder so werde wie früher? "Erst wenn die 'Concordia' weg ist. Wenn wir endlich wieder den freien Blick aufs Meer haben."



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insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
Hamada 17.09.2013
1. Gratulation
Da kann man den Italienern nur gratulieren.
groller66 17.09.2013
2. Glückwunsch
k.t.
Luke1973 17.09.2013
3. Costa Concordia
Da kann man wohl nur gratulieren. Freue mich für die Ingenieure, die Insulaner und auch die Hinterbliebenen der Opfer, die noch immer im Schiff vermutet werden.
keyoz 17.09.2013
4. ...
Glückwunsch! Nach der langen Vorbereitungszeit ein verdient gelungenes Manöver.
PH-sauer 17.09.2013
5. Ich versteh es nicht...
Italien ist ein hoch moderner Indsustriestaat mit exzellenten Universitäten und einer ausgedehnten Infrastruktur. Wieso tun alle so, wie wenn die Italiener sowas nicht können sollten ?
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