Bericht zur "Costa Concordia" Die letzten Minuten auf dem Unglücksschiff

Was geschah wirklich auf der "Costa Concordia"? Der Bericht der Staatsanwaltschaft dokumentiert jetzt Details zum Hergang des Unglücks: Der Kapitän plauderte auf der Brücke mit einer Blondine - und Passagiere ertranken, weil sie keine Schwimmwesten fanden.

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AP

Giglio - Francesco Schettino, Kapitän der havarierten "Costa Concordia", soll sich endlich vor Gericht verantworten. Der entsprechende Antrag der Staatsanwaltschaft Grosseto auf Anklageerhebung liest sich wie das Protokoll eines Totalversagens.

Über 60 Seiten wird da beschrieben, was Schettino am Abend des 13. Januars 2012 mutmaßlich unterlassen, versäumt oder nicht geleistet hat. Eine Katastrophe, die aus Nichtstun, Nichtwissen und Nichtkönnen geboren zu sein scheint - und dem kläglichen Versuch eines eitlen Mannes zu imponieren.

Die "Costa Concordia" wollte auf Kreuzfahrt im westlichen Mittelmeer gehen. Sie war gegen 19 Uhr in Civitavecchia gestartet. "Völlig unmotiviert" sei Kapitän Schettino viel zu nah an die Küste der Insel Giglio gefahren und dabei von der Route abgekommen, bemängelt die Staatsanwaltschaft. Er habe zu keinem Zeitpunkt kontrolliert, ob Felsen oder andere Hindernisse auf der neuen Route lagen.

Ganz ohne Grund kam die "Costa Concordia" allerdings nicht vom Kurs ab: Die Auswertung von Datenschreiber, Befehlen und Telefonmitschnitten ergab, dass Schettino ein extrem riskantes Manöver gefahren ist, die sogenannte "Verneigung", bei der Schiffe nah an die Küste heranfahren und die Menschen auf dem Land mit dem Nebelhorn grüßen.

Weil er vor seinem Gruß an Giglio "in Ruhe sein Abendessen beenden wollte", soll Schettino die Fahrt zunächst verlangsamt und dann die Geschwindigkeit auf 16 Knoten erhöht haben - obwohl er gewusst habe, dass mit Untiefen und Hindernissen unter Wasser gerechnet werden musste, so die Staatsanwaltschaft. Es war dunkel, die "Costa Concordia" außerdem mit 290 Metern Länge und 35 Metern Breite ein behäbiges Schiff, das schwer zu manövrieren war.

Die Anwesenheit von Fremden auf der Kommandobrücke, "unter ihnen auch die Passagierin Domnica Cemortan", habe für erhöhte Ablenkung und zusätzliche Verwirrung des Kapitäns und seiner Untergebenen gesorgt, heißt es. Kurz nach dem Unglück war weltweit über die Rolle der "Sirene der Costa Concordia", "der mysteriösen Blondine des Kapitäns" spekuliert worden. Die aus Moldau stammende Domnica Cemortan hatte stets bestritten, die Geliebte Schettinos gewesen zu sein - auch als Gerüchte kursierten, man habe ihren Bikini in seiner Kabine gefunden. Sie selbst sah sich als Opfer einer medialen Schlammschlacht. Doch auch die Anwesenheit von weiteren drei Besatzungsmitgliedern auf der Brücke habe den korrekten Ablauf gestört, befand die Statasanwaltschaft.

Kinder und Frauen zuletzt

32 Menschen überlebten die Unfähigkeit des Kommandanten nicht. Ihre Todesumstände werden in dem Bericht aufgeführt. Und es bestätigt sich, was Überlebende der Katastrophe immer wieder betont haben: Die meisten Opfer fanden keinen Platz in den Rettungsbooten und kamen deshalb zu Tode.

Der Passagier Francio Servel warf sich aus Verzweiflung ohne Rettungsweste ins Meer. Im selben Moment legte sich die "Costa Concordia" - die bei der Kollision mit einem Felsen einen 70 Meter langen Riss auf der Backbordseite davongetragen hatte - auf die Seite. Servel wurde von einem Strudel in die Tiefe gezogen und starb - nur etwa 100 Meter von der Küste entfernt.

Besonders empörend: Auch die fünfjährige Dayana und ihr Vater Williams Arlotti fanden offenbar keinen Platz auf einem Rettungsboot. Alles war besetzt, niemand bereit, seinen Platz aufzugeben für "Kinder und Frauen zuerst". Die Besatzung empfahl Arlotti, auf die andere Seite der Schiffes zu laufen. Doch Vater und Tochter kamen dort nie an. Sie wurden verschlungen von dem großen Loch zwischen Atrium und Restaurant, das sich gebildet hatte, als die "Costa Concordia" sich auf die Seite legte. Ihre Leichen wurden am 22. Februar gefunden, 40 Tage nach dem Unglück.

Die 50-jährige Sizilianerin Maria Grazia Trecarichi war eine lebenslustige, strahlende Frau, als sie die Reise in den Tod antrat. Auch sie fand der Staatsanwaltschaft zufolge keinen Platz in einem Rettungsboot und wartetet auf Brücke 4 darauf, dass man ihr half. Sie trug eine Rettungsweste, rutschte aber aus, verlor das Gleichgewicht und wurde ins Meer gespült. Bis heute konnte ihre Leiche nicht geborgen werden. Im Januar gab es Meldungen, Bergungsspezialisten hätten ihren Körper mit einem Sonargerät geortet. Dies wurde später dementiert. "Nicht das Meer hat mir meine Frau geraubt, sondern die menschliche Dummheit", sagte ihr Mann Elio Vincenzi nach dem Unglück bitter.

Die Leiche des Besatzungsmitglieds Russell Terence Rebello wird in der Nähe von Trecharichi vermutet. Der Kellner war auf der Brücke 4 geblieben, um das Abseilen der letzten Rettungsinseln zu überwachen. Als das Kreuzfahrtschiff sich auf die Seite legte, glitt auch er aus und versank im Meer.

Auch zwölf Deutsche waren unter den Opfern. Inge S. versuchte dem Bericht zufolge wie viele andere, ein nicht vollbesetztes Rettungsboot zu finden, als sie in der Nähe des Bordrestaurants Milano in das entstandene Loch gesogen wurde. Sie ertrank, obwohl sie eine Rettungsweste trug. Ebenso erging es Horst G. und seine Frau Margrit S., Josef W. und seiner Frau Brunhild sowie Egon H.

Genannt werden auch 157 Passagiere, die bei der Katastrophe zum Teil schwere körperliche und seelische Verletzungen davontrugen - posttraumatische Belastungsstörungen, Angsterkrankungen oder Depressionen.

Am 25. Februar 2013 hatte die Staatsanwaltschaft Grosseto bekanntgegeben, dass sie die Eröffnung eines Hauptverfahrens gegen Kapitän Francesco Schettino beantragt hat. Ihm werden mehrfache fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie, vorzeitiges Verlassen des Schiffs, das Zurücklassen Hilfsbedürftiger sowie Verweigerung der Zusammenarbeit mit den Behörden vorgeworfen.

Ebenfalls vor Gericht verantworten sollen sich die Offiziere Ciro Ambrosio und Silvia Coronica, der Rudergänger Jacob Rusli Bin, der Hoteldirektor Manrico Giampedroni sowie der Leiter der Krisenkoordinationsstelle von Costa Crociere, Roberto Ferrarini.

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Seite 1
dongerdo 07.03.2013
1.
Zitat von sysopAPWas geschah wirklich auf der "Costa Concordia"? Der Bericht der Staatsanwaltschaft enthüllt jetzt erschütternde Details zum Hergang des Unglücks: Der Kapitän plauderte auf der Brücke mit einer Blondine - und Passagiere ertranken, weil sie keine Schwimmwesten fanden. http://www.spiegel.de/panorama/costa-concordia-blondine-auf-bruecke-soll-kapitaen-abgelenkt-haben-a-887493.html
Der Titel, die Einleitung - die Seite verkommt immer mehr zur zweiten BILD.... Ein bisschen seriöser Journalismus kann auch Klicks generieren?!
realpress 07.03.2013
2. Die letzten Minuten an Bord des
SPON macht "Bild" mit ihren Schlagzeilen mehr und mehr Konkurrenz, aufreisserisch und populistisch. SPON-würdig wäre gewesen "an Bord der Costa Concordia"
nickmason 07.03.2013
3.
Merkwürdig, dass im Artikel bei allen ausländischen Ertrunkenen die Familiennamen genannt werden, bei den Deutschen aber lediglich die Initiale. Sind die Identitäten von nicht-deutschen Familien weniger schützenswert als die von denen aus unserem Land?
Jasro 07.03.2013
4. Symbol, Symbol
Zitat von sysopAPWas geschah wirklich auf der "Costa Concordia"? Der Bericht der Staatsanwaltschaft enthüllt jetzt erschütternde Details zum Hergang des Unglücks: Der Kapitän plauderte auf der Brücke mit einer Blondine - und Passagiere ertranken, weil sie keine Schwimmwesten fanden. http://www.spiegel.de/panorama/costa-concordia-blondine-auf-bruecke-soll-kapitaen-abgelenkt-haben-a-887493.html
Aus welchem Land stammt die "Costa Concordia" nochmal? Und für welches Land könnte sie als Symbol stehen?
quark@mailinator.com 07.03.2013
5. ?
Die Staatsanwaltschaft ist nur eine Partei in einem Verfahren. Da sollte man entweder warten, bis der Richter das Urteil spricht, oder zumindest, bis die Verteidigung Stellung genommen hat. Abgesehen davon ist eine "Blondine" auch (nur) ein ganz normaler Mensch (es gibt auch 60-jährige Blondinen) und mit irgendwem unterhält man sich immer. Was soll also dieser Boulevarjournalismus ?
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