"Costa Concordia"-Havarie: Chronologie einer Katastrophe

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Die Havarie der "Costa Concordia" stellt die moderne Kreuzfahrtindustrie in Frage. Welchen Anteil an der Tragödie hat das Versagen des Kapitäns, wie handelte die Reederei, wann brach die Kommandostruktur an Bord zusammen? Die Katastrophe im Minuten-Protokoll.

Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia": Havarie vor der Mittelmeer-Insel Giglio Zur Großansicht
DPA/ DigitalGlobe

Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia": Havarie vor der Mittelmeer-Insel Giglio

Hamburg - 15 Leichen wurden bereits geborgen, rund 20 Menschen werden noch immer vermisst. Die Havarie der "Costa Concordia" wird Italiens Justiz noch lange beschäftigen. Die Suche nach den Schuldigen steht erst am Anfang, doch einer wird sich seiner Verantwortung kaum entziehen können: Kapitän Francesco Schettino.

Der 52-Jährige steht im Zentrum der Mittelmeertragödie. Er war es, der das 290 Meter lange Schiff auf den fatalen Kurs nahe der Küste steuerte. Die Reederei Costa Crociere distanzierte sich schnell und warf Schettino vor, eigenmächtig gehandelt zu haben. Doch auch das Kreuzfahrtunternehmen gerät zunehmend unter Druck: Schettino sagte in einer Anhörung, die sogenannte Verbeugung vor der Insel Giglio sei noch vor dem Ablegen in Civitavecchia geplant und verlangt worden.

Wie genau die Befehlskette in jener dramatischen Nacht eingehalten wurde, wer welche Regeln missachtete oder befolgte - das müssen nun die italienischen Ermittler klären. Doch schon jetzt steht fest: Am Abend des 13. Januar ereignete sich eine Serie folgenreicher Fehler und Nachlässigkeiten, die im schlimmsten Fall mehr als 30 Menschen das Leben kostete.

19 Uhr: Die "Costa Concordia" verlässt den Hafen Civitavecchia in Richtung Savona. Für manche Passagiere ist es der Auftakt einer einwöchigen Mittelmeer-Kreuzfahrt, für andere die letzte Etappe ihres Urlaubs. An Bord sind mehr als 4200 Menschen, darunter etwa 1000 Besatzungsmitglieder.

Es ist ein angenehmer Abend, die See ist ruhig. Um kurz nach 19.30 Uhr steuert Kapitän Francesco Schettino das Schiff dicht an die Küste der Insel Giglio heran. Er habe einen ehemaligen Costa-Kapitän grüßen wollen, der ein Haus auf Giglio besitzt, wird Schettino später zu Protokoll geben. "Verneigung" wird das Manöver in der italienischen Seefahrt genannt - und das Grüßen von Küstenbewohnern mit der Sirene ist keine Seltenheit. Erst im August 2011 hatte die "Costa Concorida" Giglio ähnlich dicht passiert. Doch damals ging alles gut.

Bei Kapitän Schettino auf der Brücke soll sich neben Costa-Mitarbeiterin Domnica Cemortan aus der Republik Moldau auch ein Oberkellner befinden, der auf Giglio geboren ist. "Antonello, schau mal, wir liegen direkt vor deiner Insel", soll jemand gesagt haben. "Achtung, wir sind ja total nah an der Küste", hat der Mitarbeiter laut "Corriere della sera" angeblich geantwortet.

21.45 Uhr: Die "Costa Concordia" fährt mit etwa 15 Knoten gegen einen Felsen unter Wasser, der Rumpf wird auf einer Länge von 70 Metern aufgeschlitzt. Viele Passagiere sitzen in Abendgarderobe im Restaurant, an der Bar oder im Atrium. Die fatale Kollision erleben die Passagiere - vermutlich abhängig vom Aufenthaltsort - höchst unterschiedlich. "Es fühlte sich an, als wenn man mit einem Fahrrad über einen Huckel fährt", erinnert sich Peter Honvehlmann. Andere sprechen von einem "Riesenknall" und umherfliegenden Gegenständen. Wenig später geht das Licht aus, der Strom ist ausgefallen.

Auf der "Costa Concordia" herrscht Verunsicherung, die Passagiere werden zunächst nicht aufgeklärt. Wenige Minuten nach der Kollision meldet der Erste Offizier dem Kapitän: Der Maschinenraum ist überflutet. Das Schiff verliert an Geschwindigkeit. Die Crew wendet sich mit einer Durchsage an die Passagiere: "Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit", tönt eine Frauenstimme aus den Lautsprechern. "Wegen technischer Probleme haben wir gerade einen Blackout. Es besteht kein Grund zur Panik, bitte bleiben Sie ruhig. Unsere Techniker arbeiten schon daran, das Problem zu lösen."

Was Kapitän Schettino in dieser Zeit tut, ist bisher nicht klar. Vermutlich telefoniert er mehrfach mit Vertretern der Reederei. Manche Passagiere bleiben in ihren Kabinen, andere ziehen sich Rettungswesten an. Laut der Zeitung "Il Fatto quotidiano" ruft eine verzweifelte Mutter ihre Tochter an und berichtet, sie sei in Seenot und trage eine Rettungsweste, das Schiff neige sich immer mehr auf die Seite. Die Tochter alarmiert die Polizei, die schließlich die Hafenkommandantur in Livorno benachrichtigt.

22.12 Uhr: Ein Beamter der Hafenkommandantur ruft auf der Brücke der "Costa Concordia" an und fragt, was los sei. Sein Gesprächspartner, entweder Schettino oder ein anderer Offizier, wiegelt ab: "Wir haben einen Stromausfall", sagt er. "Wir sind dabei, die Ursachen zu überprüfen." Man habe durch einen Verwandten eines Besatzungsmitglieds erfahren, dass den Passagieren "während des Abendessens Dinge auf den Kopf gefallen sind", sagt der Mitarbeiter der Hafenwache. Auf die Frage, ob die Passagiere angewiesen worden seien, ihre Schwimmwesten anzulegen, antwortet der Mann auf der "Costa Concordia" ebenfalls ausweichend: "Wir überprüfen, was es mit dem Stromausfall auf sich hat." Mehr sagt er nicht.

Ein Boot der Finanzpolizei nähert sich dem Unglücksort. Die "Costa Concordia" bekommt durch den Wassereinbruch immer mehr Schlagseite. Das Schiff wendet und fährt auf den Hafen der Insel zu. Ein geplantes Manöver, wie Schettino behauptet, um die Passagiere in Sicherheit zu bringen? Oder ist der Kreuzfahrtriese in Wahrheit längst nicht mehr zu steuern? Das ist bisher nicht geklärt.

Der Neigungswinkel des Schiffes liegt bereits bei 20 Grad. Alle in der Gegend verfügbaren Schiffe werden zum Unglücksort gerufen. Schettino weigert sich allerdings weiter, eine Evakuierung des Schiffes vorzubereiten. Auf der Brücke kommt es offenbar zu einer Meuterei der Offiziere. Roberto Bosio, ein Kapitän, der als Gast an Bord ist, gibt den ersten Räumungsbefehl.

22.44 Uhr: Das Patrouillenboot der Finanzpolizei schlägt Alarm: Die Steuerbordseite des Kreuzfahrtschiffes hängt auf Grund fest. Die "Costa Concordia" kentert in der Nähe des Hafenbeckens von Giglio.

22.58 Uhr: Das Evakuierungssignal ertönt. An Bord bricht Panik aus. Teilweise prügeln sich Passagiere um die Plätze in den Rettungsbooten. Menschen flüchten ins Meer, um an Land zu schwimmen. Augenzeugen berichten hinterher von chaotischen Zuständen während der Evakuierung. Einige Passagiere sollen in bereits überfüllte Rettungsboote gesprungen sein. Die Schräglage des Schiffes erschwert es zusätzlich, die Rettungsboote auf der Backbordseite ins Wasser zu lassen.

Auf Giglio eilen die Einwohner zum Hafen, sie bringen heiße Getränke und Decken für die Schiffbrüchigen. In den Rettungsbooten werden Tausende Passagiere in Sicherheit gebracht. Viele finden in der Kirche eine Notunterkunft. Schettino gibt an, noch seien rund 300 Menschen an Bord der "Costa Concordia". Vermutlich noch vor Mitternacht verlässt auch er das Schiff - und verstößt damit gegen den Ehrenkodex der Kapitäne. Er habe bei der Evakuierung geholfen und sei dann in ein Rettungsboot gestolpert, wird er später behaupten.

Der Hafenkommandant versucht laut der Zeitung "La Repubblica", den Kapitän an Bord zu erreichen. Niemand antwortet. Das Patrouillenboot fordert zusätzlich Hubschrauber an, um die letzten 70 bis 80 Passagiere zu retten, die noch an Bord sind.

1.46 Uhr: Gregorio de Falco von der Hafenkommandantur in Livorno erreicht Schettino auf dem Handy. In einem dramatischen Telefonat fordert er den Kapitän auf, an Bord zurückzukehren. Sein wütender Befehl, "Vada a bordo, cazzo!", (auf deutsch etwa: "Kehren Sie an Bord zurück, verdammt noch mal!") verpufft: Schettino kehrt nicht zurück.

3.05 Uhr: Es gibt erste Berichte über Todesopfer. "An Bord soll es fünf Verletzte und drei Tote geben", heißt es vom Patrouillenboot der Finanzpolizei. Knapp anderthalb Stunden später wird die Rettungsaktion vorläufig beendet. Schettino hat es da längst wohlbehalten an Land geschafft. Ein Taxifahrer erzählt, er habe den Kapitän am Morgen zu einem Hotel gebracht: "Er sah aus wie ein geprügelter Hund, frierend und verängstigt."

Bei Tagesanbruch suchen die Rettungsmannschaften weiter nach Vermissten. Bis zum Mittag sind 4179 Gerettete an Land registriert. Auch in den folgenden Tagen hangeln sich Rettungstaucher immer wieder vorsichtig durch das Wrack - auf der Suche nach den Vermissten. Die Staatsanwaltschaft wirft Schettino fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen der "Costa Concordia" während der Evakuierung vor.

Mitarbeit: Alexander Macbeth

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Forum - Schadet die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
insgesamt 435 Beiträge
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    Seite 1    
1. Traumreise
Berg 21.01.2012
Der Sog der Traumschiffreisen ist so gewaltig, dass sich jährlich über 1 Mio Deutsche auf eine solche begeben. Und weitere Millionen werden es wohl erträumen. (Flugreisen halten auch unvermindert an - trotz Fluzeugabstürzen.) Abgesehen von der Schuldfrage, dem Rettungsmanagement, wo es viel zu beanstanden und zu verurteilen gibt, ist die Bilanz dieser Havarie eher positiv: nur um die 1% Tote. Und so wie das Schiff liegt, könnten heute noch alle lebendig obenauf sitzen. Das "Geschäft mit Kreuzfahrten" ist erst einmal nur für die Reederei beschädigt: materielle Verluste in die Hundertemillionen, zusätzliche Auflagen für künftige Fahrten, Personalverluste. Die Kreuzfahrtfans werden sich davon nicht abhalten lassen. Ein bisschen prickelnde Gefahr darf doch dabei sein.....
2. Kein Rückgang
michaelslo 21.01.2012
Zitat von sysopDas Schiffsunglück vor der italienischen Küste brachte vielfältige Debatten über die Sicherheit an Bord von Kreuzfahrtschiffen in Gang. Zuvor schon waren die Meeresgiganten wegen ihres hohen Schadstoffausstoßes ins Gerede gekommen. Bekommt die Boom-Branche Probleme? Schadet nun die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
Das Geschäft wird keinen Schaden nehmen. So lange es Leute gibt, die genug Geld haben, um "anderen" Urlaub zu machen, werden die Kreuzfahrtschiffe wieder voll belegt sein, genauso wie kurz nach dem Tsunami wieder Touristen in Phuket waren, um die Katastrophe aus nächster Nähe zu sehen oder auch aktuell im umkämpften Grenzgebiet zwischen Äthiopien/ Eritrea werden kurz vor dem Burnout stehende gut Betuchte eine Wüstensafari machen, um sich zu "erholen".
3.
berbatof 21.01.2012
Zitat von michaelslo... aktuell im umkämpften Grenzgebiet zwischen Äthiopien/ Eritrea werden kurz vor dem Burnout stehende gut Betuchte eine Wüstensafari machen, um sich zu "erholen".
Etwas sehr krasse Konstruktion... ...aber solange man von Käpt´n Schmierhahn und seinen Bagaluten dorthin kutschiert wird :-)
4. -
derflieger 21.01.2012
Ein sehr hochbordiges Schiff mit pseudo-historischen Designanleihen, aber die Frontansicht lässt bei einem gewisse Zweifel an der Stabilität aufkommen. Ich zähle 18 Rettungsboote. Mit 5000 Leuten an Bord heisst das, das diese Boote sehr gross sein müssen, jedes dürfte an die 300 Personen fassen, in Ölsardinenbepackung. Solche Riesenrettungsboote habe ich auf anderen Schiffen noch nicht gesehen. Tolle Fotos übrigens. Der Riese hinter dem Dorf, wunderbar.
5. Schadet die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
angela_merkel 21.01.2012
Die Frage verstehe ich nicht. Dank des guten Krisenmanagements gab es doch kaum Tote (ca. 20, oder ?) unter den 5000 Passagieren. Bei jeden Flugzeugabsturz kommt ein Vielfaches an Leuten ums Leben.
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