"Costa Concordia"-Havarie Schiff war schon einmal auf Kollisionskurs mit Insel Giglio

Der Kapitän der "Costa Concordia" hat eingeräumt, beim Manöver vor Giglio einen Fehler begangen zu haben. Offenbar hat er es bereits mehrmals durchgeführt. Neue Analysen zeigen zudem, dass sich das Schiff der Insel im August bis auf 230 Meter näherte - das ist dichter als bei der Havarie.

"Costa Concordia" am Mittwochabend: Sie soll der Insel schon einmal nahe gekommen sein
AP

"Costa Concordia" am Mittwochabend: Sie soll der Insel schon einmal nahe gekommen sein


Hamburg - Das fatale Manöver vor Giglio, in dessen Folge das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" auf einen Felsen lief und havarierte, war offenbar keine einmalige Dummheit des Kapitäns: Francesco Schettino soll in einem Verhör am Mittwoch eingeräumt haben, dass er sein Schiff schon mehrmals nahe an die Insel gesteuert habe.

Er habe "zu spät" befohlen, von der Insel abzudrehen, als das Schiff der Küste zu nahe kam. Das geht nach einem Bericht der BBC aus dem Protokoll eines Verhörs Schettinos hervor. Die BBC bezieht sich auf Berichte italienischer Zeitungen.

Gegenüber dem Ermittlungsrichter räumte er demnach ein, dass er entschieden habe, das Schiff nah an die Küste zu Giglio zu fahren, um einen früheren Kapitän zu grüßen, der ein Haus auf der Insel habe.

"Ich fuhr auf Sicht weil ich den Meeresgrund gut kannte, ich habe dieses Manöver drei oder vier Mal durchgeführt", soll er laut den Berichten gesagt haben. "Aber dieses Mal habe ich die Wende zu spät befohlen, das Schiff geriet in zu flaches Wasser. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte."

Der Kapitän steht unter Hausarrest. Ihm wird mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen.

Analyse zeigt gefährliches Manöver im August 2011

Neue Daten zeigen, dass die 290 Meter lange "Costa Concordia" schon bei einer früheren Tour der Insel gefährlich nahe kam: Nach Analysen von Lloyd's List Intelligence, einem Informationsdienst für die Schifffahrtsbranche, betrug die Distanz nur 230 Meter, als das Schiff am 14. August 2011 vor der Insel unterwegs war. Das wäre näher an der Küste als der Ort, an dem die "Concordia" am Freitag einen Felsen rammte.

Das Schiff habe demnach in dieser Sommernacht seinen Kurs geändert, um der Insel näherzukommen. Anlass sei nach Angaben des Schiffseigners Costa ein Festival gewesen, dass an diesem Abend auf der Insel stattgefunden habe.

Am Montag hatte der Vorstandsvorsitzende der Kreuzfahrtgesellschaft, Pier Luigi Foschi, betont, dass das Manöver damals von der lokalen Schifffahrtsbehörde genehmigt worden war. Die "Costa Concordia" sei aber niemals näher als 500 Meter an die Insel herangefahren. Stimmen die Daten von Lloyd's List - und daran ist aufgrund des Renommées in der Branche kaum zu zweifeln - ist Foschi entweder nicht über die Kurse seiner Schiffe informiert, oder er sagte bewusst die Unwahrheit.

Aber laut Lloyd's wäre das Schiff selbst auf der laut Foschi im August 2011 autorisierten Route dem Ort der Kollision auf weniger als 200 Meter nahe gekommen. Foschi hatte gesagt, das von Kapitän Schettino am Freitag durchgeführte Manöver, das zur Havarie führte, sei weder gebilligt worden noch vorgesehen gewesen.

Nach weiteren Angaben von Lloyd's gibt es tatsächlich eine Karte, auf der der Felsen nicht eingezeichnet ist, auf den die "Concordia" prallte. Schettino hatte behauptet, der Felsen sei in keiner Karte verzeichnet gewesen. Der Herausgeber, das britische Hydrografische Institut (UKHO), erklärte gegenüber Lloyd's, man werde sich nicht an den Spekulationen beteiligen, welche Karte an Bord des Schiffes benutzt worden sei, als das Unglück geschah. Die Karte habe allerdings einen Maßstab von 1:300.000. "Es sollte beachtet werden, dass dieser kleine Maßstab für die Navigation in Küstennähe ungeeignet ist."

Vermisste Deutsche meldet sich bei Behörden

Eine beim Kreuzfahrtunglück vor der toskanischen Küste als vermisst gemeldete Deutsche hat sich nach Angaben italienischer Behörden in Deutschland gemeldet. Gertrud G. habe deutsche Behörden kontaktiert, teilte der Präfekt von Grosseto, Giuseppe Linardi, am Mittwochabend mit. Damit gelten nach Angaben der italienischen Regierung noch 21 Menschen nach dem Schiffsunglück vor der toskanischen Küste als vermisst.

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes erklärte dazu, dem Krisenstab lägen "Vermisstenmeldungen von zwölf deutschen Staatsangehörigen" vor. Der Frage, ob es weitere Deutsche gebe, deren Verbleib noch nicht geklärt sei, werde weiter nachgegangen. Meldungen, wonach sich unter den bisher gefundenen Toten ein Deutscher befinde, könnten "derzeit nicht bestätigt" werden.

Am Mittwochmorgen musste die Suche nach den Vermissten im Schiffswrack abgebrochen werden. Suchtrupps mussten es verlassen, weil das Schiff zu rutschten drohte. Feuerwehrsprecher Luca Cari sagte, es müsse geprüft werden, ob das Schiff weiter Halt habe und die Sucharbeiten fortgesetzt werden könnten.

Vorerst sei es zu gefährlich, sich dem Wrack "auch nur zu nähern". Die Rettungskräfte befürchten, dass das Schiff von den Felsen rutschen könnte, auf denen es derzeit ruht. Dann könnte es vollständig sinken. Auch das Abpumpen des gefährlichen Treibstoffs in den Tanks des Schiffes konnte aufgrund der instabilen Lage noch nicht beginnen.

bim

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Seite 1
günter1934 18.01.2012
1. Capitano?
Zitat von sysopBereits im August hat sich die "Costa Concordia" bis auf 230 Meter der Insel Giglio genähert - das ist dichter als bei der Havarie. Die Eigner hatten das Manöver eingeräumt, aber eine viel größere Distanz angegeben. Indessen wurde eine vermisste Deutsche ausfindig gemacht. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809948,00.html
War damals auch der schnelle Schettini Kapitän? Wenn nicht, würde ich jedem dringend abraten, auf Costa-Schiffen Kreuzfahrten zu unternehmen! Übrigens habe ich das Gefühl, dass Kapitäne eher nach der Figur ausgesucht werden, die sie beim "Käptns-Dinner" abgeben, als nach ihren Fähigkeiten, verantwortungsvoll ein Schiff zu führen.
Geziefer 18.01.2012
2. Foschi "wulfft"?
Zitat von sysopBereits im August hat sich die "Costa Concordia" bis auf 230 Meter der Insel Giglio genähert - das ist dichter als bei der Havarie. Die Eigner hatten das Manöver eingeräumt, aber eine viel größere Distanz angegeben. Indessen wurde eine vermisste Deutsche ausfindig gemacht. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,809948,00.html
Es hat den Anschein, als ob Foschi auch in einem andere Fall "gewulfft" haben mag. So sagte er während der Pressekonferenz, dass das Schiff sicher auf einer Sandbank läge. Wie die Unterwasseraufnahmen mir gezeigt haben, konnte ich auf den Bildern neben massiven Beschädigungen am Rumpf keinen Sand sondern nur Felsen sehen. Offenbar ist "wulffen" ansteckend.
commenter 18.01.2012
3. Billigung durch die Reederei
Es scheint, als wenn solche Praktiken auch früher schon üblich waren und die Reederei davon wusste. Der Kapitän hat den Kahn in letzter Minute inflacheres Wasser gefahren und damit wahrscheinlich Hunderten das Leben gerettet, denn die Evakuierung lief ja bis spät in die Nacht als das Schiff schon längst vollständig auf die Seite gekippt war. Ist der Kapitän also in Wirklichkeit ein Held? Ja, er hat das Schiff nicht als Letzter verlassen aber was hätten Sie getan?
wohlmein 18.01.2012
4. y
Zitat von commenterEs scheint, als wenn solche Praktiken auch früher schon üblich waren und die Reederei davon wusste. Der Kapitän hat den Kahn in letzter Minute inflacheres Wasser gefahren und damit wahrscheinlich Hunderten das Leben gerettet, denn die Evakuierung lief ja bis spät in die Nacht als das Schiff schon längst vollständig auf die Seite gekippt war. Ist der Kapitän also in Wirklichkeit ein Held? Ja, er hat das Schiff nicht als Letzter verlassen aber was hätten Sie getan?
Ganz einfach: mich so verhalten, wie es die Situation, Pflichtgefühl und Ehrenkodex fordert - weil sonst meine Selbstachtung verloren wäre. "England expects every man to do his duty." Aber vielleicht wird das auf Jubelkreuzern nicht so eng gesehen????
blokland 18.01.2012
5. Offiziere verlassen das Schiff
Zitat von commenterEs scheint, als wenn solche Praktiken auch früher schon üblich waren und die Reederei davon wusste. Der Kapitän hat den Kahn in letzter Minute inflacheres Wasser gefahren und damit wahrscheinlich Hunderten das Leben gerettet, denn die Evakuierung lief ja bis spät in die Nacht als das Schiff schon längst vollständig auf die Seite gekippt war. Ist der Kapitän also in Wirklichkeit ein Held? Ja, er hat das Schiff nicht als Letzter verlassen aber was hätten Sie getan?
Ich erinnere an den Untergang der Andrea Doria 1956 zwischen Italien und Griechenland. Damals sprang auch die Bemannung als Erste in die Boote.
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