"Costa Concordia": Chaos an Bord führte zu Schiffsuntergang

Der Kapitän, die Crew und die Reederei tragen nach Überzeugung von Experten die Schuld am Untergang der "Costa Concordia". Eine Kette von Mängeln, Missverständnissen und Unterlassungen habe zum Kentern des Kreuzfahrtschiffs geführt. Die Reederei weist die Vorwürfe zurück.

"Costa Concordia": Traumreise wurde zum Alptraumtrip Fotos
AP

Rom - Mangelnde Ausbildung, Sprachbarrieren, Kommunikationsdefizite: Die Liste der Verfehlungen im Zusammenhang mit dem Untergang der "Costa Concordia" ist lang. Eine ganze Reihe von Problemen habe die Reaktion auf das Unglück behindert und zu chaotischen Zuständen während der Evakuierung des Kreuzfahrtschiffs beigetragen, heißt es in dem Bericht einer gerichtlich eingesetzten Expertenkommission zu der Havarie.

Besatzungsmitglieder seien für Notfälle nicht ausgebildet gewesen und hätten Anweisungen nicht ordnungsgemäß ausgeführt. Vor allem habe es an Bord sprachliche Verwirrung gegeben. So habe der indonesische Steuermann zweimal die Anweisungen des Kapitäns Francesco Schettino über die auszuführenden Manöver nicht verstanden. Das berichteten die Zeitung "La Repubblica" und andere italienische Medien unter Berufung auf das etwa 270 Seiten starke Gutachten.

Die "Costa Concordia" war am 13. Januar mit etwa 4200 Passagieren und Besatzungsmitgliedern an Bord vor der italienischen Küste auf einen Felsen gelaufen und gekentert. Das Unglück vor der Insel Giglio kostete 32 Menschen das Leben. Gegen Schettino und acht weitere Personen wird ermittelt. Dem Kapitän werden unter anderem Havarie und Verlassen des Schiffs noch während der Evakuierung zur Last gelegt.

Der Expertenbericht wirft den Medien zufolge auch ein schlechtes Licht auf die Reederei Costa Crociere. Die Verletzung von Sicherheitsnormen und die mangelnde Vorbereitung der Crew falle in ihren Zuständigkeitsbereich. Auch schien der in der Unglücksnacht diensthabende Costa-Krisenmanager Roberto Ferrarini, der über Funk in Kontakt mit der "Costa Concordia" war, "nicht wirklich die Hand am Puls der Gegebenheiten des Schiffs zu haben", heiße es laut "La Repubblica" in dem Gutachten. Es widerlege, dass es nur um den schwer beschuldigten Kapitän gehe.

Kommunikation "auf konfuse Art und Weise"

Die Reederei hatte wiederholt den Kapitän allein für die Havarie verantwortlich gemacht, weil er für die Routenplanung zuständig gewesen sei und das Schiff eigenmächtig zu nahe an die Insel herangefahren habe.

Costa Crociere wies auch am Donnerstag in einer Mitteilung alle Vorwürfe als gegenstandslos zurück. Das Gutachten müsse offen diskutiert werden. Die Informationspflicht bei Unfällen obliege dem Kapitän. Aus den Akten gehe auch zweifelsfrei hervor, dass die Kommunikation durch den Kapitän an das Costa-Krisenmanagement "insgesamt nicht rechtzeitig, nicht vollständig und auf konfuse Art und Weise erfolgte, so dass der Ernst der Lage nicht eindeutig eingeschätzt werden konnte". Die Behauptung, die Mitarbeiter seien auf Notfälle nicht vorbereitet gewesen, entbehre jeder Grundlage.

Weitere Klarheit könnte die Analyse der Black Box bringen. Die Ergebnisse sollen am 15. Oktober beim zweiten Beweissicherungstermin offiziell präsentiert werden.

Hunderte Passagiere und Bewohner der Insel Giglio wollen in den USA gegen das Kreuzfahrtunternehmen Carnival vor Gericht ziehen. Als Muttergesellschaft der Reederei Costa Crociere trage der in Miami ansässige Konzern die Hauptverantwortung für das Unglück, sagte der Anwalt Edward Ricci, der fast tausend regionale Tourismusbetriebe vertritt. Das US-Unternehmen hingegen erklärte, die italienische Reederei sei eine unabhängig agierende Einheit, jegliche Klagen seien daher in Italien einzureichen. Die Kläger fordern Schadensersatz von mehreren zehn Millionen Dollar. Ob es tatsächlich zu einem Prozess kommt, ist aber noch unklar.

siu/dpa/AP

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Mediterrane Nautiker
Ontologix II 13.09.2012
Während meiner Seemannszeit in den 60er Jahren rieten mir erfahrene Seeleute: Geh nie auf ein italienisches, griechisches oder spanisches Schiff. Das habe ich bis heute so gehalten. Und das leichtsinnig provozierte Unglück der Costa Concordia lieferte eine weitere Begründung.
2.
Olaf 13.09.2012
Zitat von sysopDer Kapitän, die Crew und die Reederei tragen nach Überzeugung von Experten die Schuld am Untergang der "Costa Concordia". Eine Kette von Mängeln, Missverständnissen und Unterlassungen habe zum Kentern des Kreuzfahrtschiffes geführt. Die Reederei weist die Vorwürfe zurück. "Costa Concordia": Kapitän, Crew und Reederei tragen Schuld an Havarie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,855675,00.html)
So richtig was neues steht in dem Artikel aber auch nicht. Das es an Bord ein Chaos gab, war ja nun schon länger bekannt.
3. Untergang?
gandhiforever 13.09.2012
Zitat von sysopDer Kapitän, die Crew und die Reederei tragen nach Überzeugung von Experten die Schuld am Untergang der "Costa Concordia". Eine Kette von Mängeln, Missverständnissen und Unterlassungen habe zum Kentern des Kreuzfahrtschiffes geführt. Die Reederei weist die Vorwürfe zurück. "Costa Concordia": Kapitän, Crew und Reederei tragen Schuld an Havarie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,855675,00.html)
Also so schlecht kann mein Verstaendnis der deutschen Sprache noch nicht geworden sein. Das Schiff ist nicht untergegangen, ein Grossteil ragt ja noch aus dem Wasser raus. Und , rein theoretisch, koennte das Schiff auch noch gerettet werden. bei einem Untergang haette es wegen der katastrophalen Verhaeltnisse an Bord noch weit mehr Tote gegeben.
4. Der Kapitän hat eine angeberische Route gewählt
iffel1 13.09.2012
und die Reederei hat die Mannschaft nicht ausreichend auf Gefahrensituationen hingewiesen/vorbereitet, das schließt den leichtfertigen und feigen Kapitän mit ein, der ja dann "aus Versehen" auch noch in ein Rettungsboot gefallen ist. Andererseits muss auch jedem Passagier auf einem Schiff klar sein, dass was passieren kann und jeder muss sein eigenes Risiko abschätzen - also keine Kreuzfahrt gebucht = kein Risiko, unterzugehen.
5.
.M. 13.09.2012
Zitat von Ontologix IIWährend meiner Seemannszeit in den 60er Jahren rieten mir erfahrene Seeleute: Geh nie auf ein italienisches, griechisches oder spanisches Schiff. Das habe ich bis heute so gehalten. Und das leichtsinnig provozierte Unglück der Costa Concordia lieferte eine weitere Begründung.
Das sagen die erfahrenen italienischen, griechischen und spanischen Seeleute uebrigens auch von deutschen Schiffen. Im Fazit aller erfahrenen Seeleute also: Geh nie auf ein Schiff! Und so habe ich es bis heute auch gehalten.
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