"Costa Concordia" Kapitän macht Reederei für riskantes Manöver verantwortlich

Fuhr die "Costa Concordia" auf Weisung der Reederei zu nah an die Insel Giglio? Das behauptet der Kapitän des Unglücks-Kreuzers. Mit solchen Manövern habe man Werbung gemacht, so Francesco Schettino. Die Bergung am Wrack geht weiter - ein deutsches Todesopfer wurde identifiziert. 


Giglio - Der Kapitän des gekenterten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" hat die Reederei Costa Crociere für sein riskantes Manöver vor der Insel Giglio verantwortlich gemacht. Laut der Tageszeitung "La Repubblica" vom Sonntag hat Francesco Schettino bei einer Anhörung vor Gericht am Dienstag erzählt, die sogenannte Verbeugung vor Giglio vom 13. Januar "wurde noch vor dem Start in Civitavecchia von Costa geplant und verlangt".

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 4/2012
Protokoll eines tödlichen Versagens

Mit Routen, die nahe an der Küste entlang führen, "machen wir Werbung für uns", zitierte der "Corriere della Sera" den unter Hausarrest stehenden Kapitän der "Costa Concordia".

Manöver dieser Art habe es bereits "vor Capri, Sorrento, auf der ganzen Welt" gegeben, habe Schettino vor der Untersuchungsrichterin am vergangenen Dienstag weiter gesagt. Im Anschluss an seine Aussage war er aus der Haft in den Hausarrest entlassen worden.

Dagegen will die Staatsanwaltschaft Grosseto Widerspruch einlegen und hofft auf die Daten und aufgezeichneten Gespräche der in den vergangenen Tagen gefundenen Blackbox in dem vor Giglio leckgeschlagenen Schiff.

Schettino hatte dagegen schon in seiner Aussage vor Gericht erklärt, dass "das Backup der Sprachaufzeichnung seit 15 Tagen kaputt" gewesen sei. "Wir haben einen Techniker gebeten, das Problem zu beheben, aber das ist nicht passiert", so der Kapitän.

Fotostrecke

8  Bilder
"Costa Concordia": Rettungstaucher in höchster Gefahr

Ob dies nur die Tonaufzeichnung, oder auch die Bilder der Überwachungskameras betrifft ist bisher noch unklar. Taucher hatten am Samstag eine Festplatte mit Daten aus dem Wrack geborgen.

In seiner Aussage rechtfertigte der Kapitän zudem, den Notruf an die Küstenwache mehr als eine Stunde verzögert zu haben: "Aber wir mussten auf Nummer sicher gehen, denn ich wollte weder Passagiere ins Meer schicken noch Panik verbreiten, und es hätte unnötig Tote gegeben."

Bergungsarbeiten laufen wieder an

Die Bergungsmannschaften haben ihre Suche nach Vermissten auf der "Costa Concordia" inzwischen wieder aufgenommen. Wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete, stiegen Spezialkräfte nach einigen Stunden Pause am Sonntagvormittag erneut in das Wrack des Kreuzfahrtschiffs vor der Insel Giglio.

Von den acht bisher identifizierten Leichen stammt eine aus Deutschland, sagte ein Carabinieri-Hauptmann bei einer Pressekonferenz am Sonntag auf Giglio. Zwölf Leichen wurden seither geborgen. Von den acht mittlerweile Identifizierten seien sieben Männer und eine Frau. Vier Tote stammten aus Frankreich und je ein Opfer komme aus Deutschland, Italien, Spanien und Ungarn.

Aus Sicherheitsgründen beschränkte sich die Suche am Sonntag zunächst auf die Teile des Schiffs, die aus dem Wasser ragen. Die Taucher müssten der "Concordia" weiter fern bleiben. In der Nacht waren die Arbeiten gestoppt worden, weil sich das auf Grund gelaufene Schiff leicht bewegt hatte.

Bergungsexperten warnen davor, dass das halb versunkene Schiff schon bald in tieferes Wasser abrutschen könnte. In einem solchen Fall würden die Rettungstaucher an Bord in Lebensgefahr geraten. Mindestens 20 Menschen gelten noch als vermisst. Unter ihnen sind nach jüngsten Angaben zwölf Deutsche. Laut den Behörden vor Ort sind die Vermissten "wahrscheinlich" noch an Bord des rund 290 Meter langen Schiffs. Daher werde die Suche fortgesetzt.

jok/dpa

insgesamt 438 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Berg 21.01.2012
1. Traumreise
Der Sog der Traumschiffreisen ist so gewaltig, dass sich jährlich über 1 Mio Deutsche auf eine solche begeben. Und weitere Millionen werden es wohl erträumen. (Flugreisen halten auch unvermindert an - trotz Fluzeugabstürzen.) Abgesehen von der Schuldfrage, dem Rettungsmanagement, wo es viel zu beanstanden und zu verurteilen gibt, ist die Bilanz dieser Havarie eher positiv: nur um die 1% Tote. Und so wie das Schiff liegt, könnten heute noch alle lebendig obenauf sitzen. Das "Geschäft mit Kreuzfahrten" ist erst einmal nur für die Reederei beschädigt: materielle Verluste in die Hundertemillionen, zusätzliche Auflagen für künftige Fahrten, Personalverluste. Die Kreuzfahrtfans werden sich davon nicht abhalten lassen. Ein bisschen prickelnde Gefahr darf doch dabei sein.....
michaelslo 21.01.2012
2. Kein Rückgang
Zitat von sysopDas Schiffsunglück vor der italienischen Küste brachte vielfältige Debatten über die Sicherheit an Bord von Kreuzfahrtschiffen in Gang. Zuvor schon waren die Meeresgiganten wegen ihres hohen Schadstoffausstoßes ins Gerede gekommen. Bekommt die Boom-Branche Probleme? Schadet nun die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
Das Geschäft wird keinen Schaden nehmen. So lange es Leute gibt, die genug Geld haben, um "anderen" Urlaub zu machen, werden die Kreuzfahrtschiffe wieder voll belegt sein, genauso wie kurz nach dem Tsunami wieder Touristen in Phuket waren, um die Katastrophe aus nächster Nähe zu sehen oder auch aktuell im umkämpften Grenzgebiet zwischen Äthiopien/ Eritrea werden kurz vor dem Burnout stehende gut Betuchte eine Wüstensafari machen, um sich zu "erholen".
berbatof 21.01.2012
3.
Zitat von michaelsloDas Geschäft wird keinen Schaden nehmen. So lange es Leute gibt, die genug Geld haben, um "anderen" Urlaub zu machen, werden die Kreuzfahrtschiffe wieder voll belegt sein, genauso wie kurz nach dem Tsunami wieder Touristen in Phuket waren, um die Katastrophe aus nächster Nähe zu sehen oder auch aktuell im umkämpften Grenzgebiet zwischen Äthiopien/ Eritrea werden kurz vor dem Burnout stehende gut Betuchte eine Wüstensafari machen, um sich zu "erholen".
Etwas sehr krasse Konstruktion... ...aber solange man von Käpt´n Schmierhahn und seinen Bagaluten dorthin kutschiert wird :-)
derflieger 21.01.2012
4. -
Ein sehr hochbordiges Schiff mit pseudo-historischen Designanleihen, aber die Frontansicht lässt bei einem gewisse Zweifel an der Stabilität aufkommen. Ich zähle 18 Rettungsboote. Mit 5000 Leuten an Bord heisst das, das diese Boote sehr gross sein müssen, jedes dürfte an die 300 Personen fassen, in Ölsardinenbepackung. Solche Riesenrettungsboote habe ich auf anderen Schiffen noch nicht gesehen. Tolle Fotos übrigens. Der Riese hinter dem Dorf, wunderbar.
angela_merkel 21.01.2012
5. Schadet die Havarie dem Geschäft mit den Kreuzfahrten?
Die Frage verstehe ich nicht. Dank des guten Krisenmanagements gab es doch kaum Tote (ca. 20, oder ?) unter den 5000 Passagieren. Bei jeden Flugzeugabsturz kommt ein Vielfaches an Leuten ums Leben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.