"Costa Concordia"-Kapitän: "Schettino lief in Panik hin und her"

Der Kapitän der "Costa Concordia" gerät immer mehr in Erklärungsnot. Eine Offizierin, die während der Kollision auf der Brücke war, sagte den Staatsanwälten: Die gefährliche Annäherung an die Insel war geplant, Schettinos angebliches Rettungsmanöver gab es nicht.  

"Costa Concordia": Öl wird abgepumpt Fotos
AP

Giglio - Wenn es stimmt, was drei Besatzungsmitglieder der vor der Insel Giglio havarierten "Costa Concordia" den italienischen Ermittlern berichteten, sieht es schlecht aus für Kapitän Francesco Schettino: Wie die Zeitung "Repubblica" am Montag schreibt, geht aus Anhörungsprotokollen vom 14. Januar hervor, dass die verhängnisvolle "Verbeugung" des Schiffs - also das zu nahe Heranfahren an die flachen Küstengewässer aus Effekthascherei - von langer Hand geplant war.

"Ich hatte in der Unglücksnacht Wache auf der Brücke", sagte die 29-jährige Silvia Coronika, dritte Offizierin an Deck, den Staatsanwälten. Kapitän Schettino habe schon vier Seemeilen vor der Insel Giglio den Autopiloten ausgeschaltet, um "direkt an die Küste heranzufahren". Dies sei schon bei Abfahrt aus dem Hafen Civitavecchia geplant, auf der Seekarte verzeichnet und als Route gespeichert worden, so Coronika.

"Der Kapitän wollte sich der Küste annähern, um die Verbeugung zu machen. Das heißt, er wollte aus der Nähe den Kapitän Palombo (einen Bekannten und langgedienten Costa-Kapitän, A.d.R.) grüßen, der auf der Insel Giglio wohnt. Er hat diesen Plan auch Simone Canessa mitgeteilt, einem Experten aus der Kartografie. Da bin ich mir ganz sicher." Auf der Brücke habe Schettino ihm zugerufen: "Komm her, wir müssen eine Route finden, um nah an Giglio vorbeizufahren und uns zu verbeugen."

Dass es sich bei diesem Manöver keineswegs um einen Einzelfall handelte, bestätigen nicht nur die Bewohner von Giglio. So sagte ein Offizier aus dem Maschinenraum, Alberto Fiorito, den Staatsanwälten: "Die Verbeugung wird nicht immer praktiziert, aber häufig. Ganz sicher fand sie auf der Route Civitavecchia - Savona die letzten drei Male statt."

Ablenkung auf der Brücke

Im Moment der Annäherung an die Insel hätten sich der Maître Antonello Tievoli, die Moldauerin Domnica C. und der später als Retter und Held gefeierte Hoteldirektor Manrico Giampetroni auf der Brücke befunden, berichtete Offizierin Coronika. Letzterer habe mehrfach gefragt: "Welche Insel ist das?" Die Stimmung auf der Brücke sei von fröhlichem Geplauder geprägt gewesen. Mit Sicherheit sei der Kapitän abgelenkt gewesen.

Dann, um 21.45 Uhr, rammte die "Concordia" den Felsen. Coronika befand sich laut eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt auf der Brücke. Sie habe mitbekommen, wie der Kapitän seinem Offizier befahl, der Hafenkommandantur zu sagen, man habe kein Problem an Bord, es handele sich um einen Stromausfall. "Er lief von einer Seite auf die andere vor lauter Panik", erinnerte sich die Offizierin.

Der Kapitän habe keinen Befehl gegeben, wie das Schiff zu manövrieren sei, betonte Coronika. Die Annäherung der "Concordia" an die Küste sei ohne sein Zutun erfolgt. Schettino selbst hatte stets behauptet, er habe sein Schiff näher an die Insel gelenkt, um möglichst viele Menschenleben zu retten. Er machte die Reederei Costa Crociere für sein riskantes und misslungenes Manöver verantwortlich. Laut "Repubblica" sagte er bei einer Anhörung vor Gericht, die sogenannte Verbeugung vor Giglio vom 13. Januar "sei noch vor dem Start in Civitavecchia von Costa geplant und verlangt worden. "Wir lassen uns sehen, wir machen Werbung und wir grüßen die Insel", soll das Motiv der Reederei gewesen sein. In der Anhörung sagte Schettino auf die Frage der Staatsanwälte, ob er der Insel schon einmal gefährlich nah gekommen sei: "Ich habe das in der Vergangenheit schon gemacht, auch mit der "Costa Europa" und anderen Schiffen."

Erst nach 75 Minuten wurde der Befehl zur Evakuierung gegeben, offenbar aufgrund eines Handyanrufs einer aufgeregten Passagierin, deren Verwandte die Behörden alarmierten. Schettino sandte laut ersten Erkenntnissen kein SOS: "Du kannst doch nicht alle in die Rettungsboote bringen und dann, wenn das Boot nicht untergeht, sagen es war nur ein Scherz. Ich will keine Panik hervorrufen, dann sterben die Leute noch wegen nichts."

Zum Zeitpunkt der Kollision befanden sich offiziellen Angaben zufolge 4232 Personen an Bord, bisher wurden 13 Leichen geborgen, mehr als 20 Menschen werden noch vermisst. Seit die "Concordia" auf den Felsen lief, hüten sich die Behörden davor, konkrete Vermisstenzahlen herauszugeben. Angeblich sollen sich blinde Passagiere an Bord befunden haben. Zivilschutz-Einsatzleiter Franco Gabrielli erklärte, die Ungarin, die am Sonntag tot aufgefunden wurde, sei nicht in den offiziellen Listen verzeichnet gewesen. Vier weitere Leichen seien bisher ebenfalls nicht identifiziert worden, anhand der Passagierlisten sei dies nicht möglich. Wegen dieser Ungenauigkeiten müsse man von mindestens 24 Vermissten ausgehen.

Taucher sprengen Weg zum Wrack frei

Am zehnten Tag nach der Havarie der "Costa Concordia" haben sich Taucher der italienischen Marine erneut auf dem Kreuzfahrtschiff den Weg zu unzugänglichen Bereichen freigesprengt. Sie wollten sich damit zwischen dem vierten und fünften Deck einen leichteren Zugang zu der Restaurantzone öffnen, um weiter nach Vermissten suchen zu können, teilte die Küstenwache am Montag auf der Insel Giglio mit.

Am Vormittag wollte der wissenschaftlich-technische Krisenausschuss erneut zusammentreten, um darüber zu beraten, wann mit dem Abpumpen des Schweröls auf der "Costa Concordia" begonnen werden kann. Eine Entscheidung sollte am Nachmittag bekanntgegeben werden. Ursprünglich hatten die Experten am vergangenen Wochenende damit anfangen wollen, doch wegen der weiteren Suche nach Vermissten auf dem Kreuzfahrtschiff verschoben sie die Arbeiten noch einmal.

Am Sonntag war im verunglückten Schiff von Tauchern eine 13. Leiche entdeckt worden. Unter den bereits identifizierten Opfern sind nach Angaben von Carabinieri-Kommandant Rocco Carpenteri ein Deutscher, vier Franzosen - darunter ein Ehepaar - und je ein Mann aus Italien, Spanien und Ungarn.

Plätze im Rettungsboot erkauft?

Während die Rettungsarbeiten noch laufen, gibt es erste Gerüchte: Laut einem Bericht der "Bild"-Zeitung sollen sich betuchte Passagiere mit Geld Plätze in Rettungsbooten erkauft haben. Demnach sollen vor allem Russen aus der ersten Klasse Bargeld an die Crew gezahlt haben. Der italienische Fernsehsender TG5 hatte schon am Sonntag berichtet, russische Passagiere "mit sehr viel Geld" seien die ersten in den Booten gewesen.

Ein Journalist des britischen "Independent" hat laut eigener Aussage noch am Sonntag eine Kreuzfahrt auf dem zerstörten Schiff gebucht. Simon Calder sagte dem Sender BBC, er habe auf der Internetseite des Betreibers Costa Cruises ein Ticket für eine Reise auf der gesunkenen "Costa Concordia" im April gebucht. Der Preis sei von seinem Konto abgebucht worden, auch habe er am Montag das Ticket zugeschickt bekommen.

ala/dpa

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1. Ha, ha, ha,
Michael KaiRo 23.01.2012
Zitat von sysopDer Kapitän der "Costa Concordia"*gerät immer mehr in Erklärungsnot. Eine Offizierin, die während der Kollision*auf der Brücke war,*sagte*den Staatsanwälten: Die gefährliche Annäherung an die*Insel war*geplant,*Schettinos angebliches Rettungsmanöver gab es nicht.** "Costa Concordia"-Kapitän: "Schettino lief in Panik*hin und her" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810741,00.html)
Ha, ha, ha, die Mär vom Kapitän, der nach der selbstverschuldeten Havarie noch "heldenhaft" ein tolles Manöver gefahren sei, und damit Menschenleben rettete, zerplatzt wie der Felsen, den dieser unfähige, dilletantische und selbstüberheblische Kapitän gerammt hatte. Auch im TV wurde schon drüber spekuliert, dass das Schiff aufgrund Strömungs- und Windverhältnisse den Felsen, wo es nun liegt, selbst angefahren hatte. Das Schiff soll gar nicht einen schönen Bogen, sondern eine Pirouette gedreht habe. In der Not sich noch ein paar Russentausender zustecken lassen, was für eine Chuzpe der Besatzung.
2. Prinzip Hoffnung?
Das Grauen 23.01.2012
"Du kannst doch nicht alle in die Rettungsboote bringen und dann, wenn das Boot nicht untergeht, sagen es war nur ein Scherz. Ich will keine Panik hervorrufen, dann sterben die Leute noch wegen nichts." Das mag ja für maximal 20 minuten lang eine vernünftige Haltung sein, bis die Schadensmeldungen beim Kapitän eingelaufen sind und er Klarheit darüber hat, ob das Schiff schwimmfähig bleiben wird. In Anbetracht der massiven Schäden, die ja jetzt für jeden offen erkennbar sind (dazu braucht man kein Experte zu sein), mußte doch relativ schnell klar sein, daß das "Boot" wirklich untergeht. Ein fähiger Kapitän weiß, wieviele vollgelaufene Abteilungen sein Schiff verkraften kann. Bei der Costa Concordia waren es einfach zu viele. Interessant übrigens, das die Medien bisher keinen Maschinisten oder Ingenieur gefunden haben, der willens war, über die Schäden, wie sie sich im Innern des Schiffes pür diie Mannschaft darstellten, zu sprechen. Hier hat die Reederei offensichtlich sehr effektiv den Augenzeugen einen Maulkorb verpasst. Na, jedenfalls, 90 Minuten zu warten war deutlich zu lang. Schettino lügt sich in die Tasche wenn er seine Inaktivität mit der Sorge um eine Panik zu erklären versucht. Ganz im Gegenteil, bei einer rechtzeitigen Evakuierung hätte es deutlich mehr Zeit gegeben, daf+r zu sorgen daß alle das Schiff verlassen. Und auch der Einstieg in die Rettungsboote wäre (bei geringerer Schlagseite) problemlos verlaufen. Die Toten und Verletzten gehen direkt auf Schettino's Konto. Auf das Prinzip Hoffnung zu setzen war unverantwortlich.
3. Verantwortug
paulomarlene 23.01.2012
Zitat von sysopDer Kapitän der "Costa Concordia"*gerät immer mehr in Erklärungsnot. Eine Offizierin, die während der Kollision*auf der Brücke war,*sagte*den Staatsanwälten: Die gefährliche Annäherung an die*Insel war*geplant,*Schettinos angebliches Rettungsmanöver gab es nicht.** "Costa Concordia"-Kapitän: "Schettino lief in Panik*hin und her" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810741,00.html)
Das das von der Reederei geplant war,glaube ich Jhr,aber die Verantwortung auf dem Schiff hat immer der Kapitaen und der sollte nicht Alkoholisiert sein.Dann sagt Er (Ich habe einen Schaden angerichtet) beim Schiff trifft das zu aber bei den Toten Menschen nicht.Vor Gericht nennt man das (Faehrlaessige Toetung anvertrauter Menschen und erschwerend kommt hinzu,das es Voraussehbar war).
4. xxx
Schleswig 23.01.2012
Zitat von sysopDer Kapitän der "Costa Concordia"*gerät immer mehr in Erklärungsnot. Eine Offizierin, die während der Kollision*auf der Brücke war,*sagte*den Staatsanwälten: Die gefährliche Annäherung an die*Insel war*geplant,*Schettinos angebliches Rettungsmanöver gab es nicht.** "Costa Concordia"-Kapitän: "Schettino lief in Panik*hin und her" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,810741,00.html)
Ich weiß nicht was für Karten die verwendet haben, aber ich gehe davon aus bei einem Passagierschiff eine hoc hmderne Navigation vorhanden ist. Und die ist mit einem Antikollision Alarm ausgerüstet. Auch gegen eine Grundberührung. Natürlich auch mit vorausschauende Messungen. Die Alarmpegel auf der Brücke müsste so hoch gewesen sein das man sein eigenes Wort nicht verstanden hätte. Diese Navigationshilfen haben mittlerweile auch kleine Yachten.
5. Warum hat die Offizierin nicht das Unglück verhindert?
wibo2 23.01.2012
Zitat von paulomarlene.... Fahrlaessige Toetung anvertrauter Menschen und erschwerend kommt hinzu,das es Voraussehbar war).
Waren die Felsen nicht sichtbar? Frauen auf Schiffen bringen Unglück. Hatte das Schiff kein vorrausschauendes Echolot? .... Ich glaube, dass es einen anderen Grund gab so nahe an die Insel heranzufahren. Einen Kapitän an Land grüßen oder als Werbemaßnahme sei das gedacht gewesen. Seltsame Begründung. Dieses groteske Manöver könnte auch einen kriminellen Hintergrund haben.
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