Giglio - Mehr als 20 Menschen werden noch vermisst, die Chancen Überlebende zu finden werden immer geringer, doch die Helfer geben nicht auf: Nach einem Tag Zwangspause sind wieder Marinetaucher in das Wrack der "Costa Concordia" vorgestoßen. Um den Zugang zu erleichtern, sprengten sie mehrere Löcher in den Rumpf - zunächst in Deck fünf, wo noch verschollene Menschen vermutet werden.
Spezialkräfte der Feuerwehr durchsuchten in der Nacht den Teil des 290 Meter langen Wracks, der über Wasser liegt. Die "Costa Concordia" lag dabei laut einem Sprecher der Rettungsmannschaften still. Fast den ganzen Freitag hindurch mussten die Arbeiten im Inneren des Schiffs gestoppt werden, weil leichte Bewegungen des Ozeanriesen registriert worden waren. Schwierige Wetterbedingungen erschweren die Suche zusätzlich.
Das Wrack liegt in Schräglage auf einer Felskante, es droht abzurutschen und auf bis zu 90 Meter Tiefe zu sinken. Die Rettungskräfte setzen Laser-Messgeräte, Satellitenaufnahmen und Unter-Wasser-Roboter ein, um die Lage des Schiffs zu analysieren. Der "Rov" genannte Roboter suche auch die Umgebung des Schiffs ab, um eventuell Leichen zu entdecken, berichtete die italienische Nachrichtenagentur Ansa.
Ein Sinken der "Costa Concordia" soll unbedingt vermieden werden - auch weil laut Reederei noch etwa 2300 Tonnen Treibstoff an Bord sind und schwere Umweltschäden drohen. Absolute Priorität habe aber weiterhin die Suche nach Vermissten, sagte der Sprecher der Rettungsmannschaften, Luca Cari, auf die Frage, wann mit dem Abpumpen des Treibstoffs zu rechnen sei.
Kapitän soll wie ein Kind geheult haben
Zur Diskussion um den Unglücks-Kapitän Francesco Schettino sagte Reedereichef Pier Luigi Foschi dem Mailänder "Corriere della Sera", Kommandanten hätten zu viel Macht bei ihren Entscheidungen. Es sei nicht normal und nicht zu rechtfertigen, dass die Evakuierung nach dem Auflaufen auf den Felsen erst nach einer Stunde begonnen habe.
Der Reiseveranstalter muss mit weiteren Schadensersatzforderungen von deutschen Touristen rechnen. Zu den fünf Passagieren, die bereits Ansprüche in Höhe von rund 100.000 Euro geltend machen, würden in der kommenden Woche wohl noch weitere hinzu kommen, sagte Opfer-Anwalt Hans Reinhardt. In den nächsten Tagen führe er Gespräche mit mehreren Touristen, die beabsichtigten, sich Geld zurückzuholen. Die bisherigen Forderungen kämen von zwei Ehepaaren und einer Frau aus Nordrhein-Westfalen. "Allein für die psychische Beeinträchtigung werden 2500 Euro Schmerzensgeld pro Person geltend gemacht", sagte Reinhardt.
Schettino steht unter Verdacht, dass Unglück mit einem riskanten Manöver ausgelöst zu haben, die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem fahrlässige Tötung vor. Er steht unter Hausarrest (eine Reportage aus dem Heimatort lesen Sie hier). Der Kapitän habe nach dem Unglück geweint, erzählt der "Costa Concordia"-Priester Raffaele Malena. Er habe nach seiner eigenen Rettung gegen 2.30 Uhr mit Schettino gesprochen, sagte der 73-Jährige der französischen Wochenzeitung "Famille Chrétienne". "Er hielt mich eine Viertelstunde lang umklammert und heulte wie ein Kind."
Als "absoluten Quatsch" bezeichnete Schettinos Anwalt Spekulationen, der Kapitän könnte zum Zeitpunkt der Havarie betrunken gewesen sein. Schettino hatte in seiner Vernehmung auch bestritten, Drogen zu konsumieren und einem Test zugestimmt. Die Ergebnisse der Analyse stehen noch aus.
hut/dpa/AFP/dapd
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