Überlebende des "Costa"-Unglücks: "Mit der Seelenqual werde ich nie klarkommen"

Von Julia Stanek

Flutwellen spülten Menschen fort, Passagiere kämpften um Rettungsboote: Die Bilder der Schreckensnacht haben sich bei den Schiffbrüchigen der "Costa"-Havarie eingebrannt. Um das Trauma zu bewältigen, reiste ein Überlebender zum Wrack nach Giglio. Ein gerettetes Ehepaar stach sogar wieder in See.

"Costa Concordia": Überlebende erinnern sich
Fotos
Marcel Zuhn

Während auf Giglio der "Costa Concordia"-Opfer gedacht wird, schippern Ingrid und Udo Brepohl auf einem Kreuzfahrtschiff über das Mittelmeer. Genau zwölf Monate ist es her, dass das Ehepaar aus Gelsenkirchen Schiffbruch erlitt - und überlebte. "Wir waren gerade mal drei Stunden an Bord, als das Unglück passierte", sagt Ingrid Brepohl. "Jetzt holen wir die Reise nach."

Am Freitag um 2 Uhr in der Früh haben sich die beiden Rentner in Essen in einen Bus gesetzt, um nach Genua zu fahren. Mit der "MSC Splendida" wollen sie vier Länder innerhalb einer Woche sehen, Marseille, Barcelona, Tunis und Palermo besichtigen. Das letzte Ziel wird Civitavecchia sein, der Hafen bei Rom, in dem sie schon einmal waren - am Nachmittag des 13. Januar 2012.

Die Brepohls stiegen damals voller Vorfreude auf die "Costa Concordia". Wenig später endete ihre Kreuzfahrt auf den Felsen vor der Insel Giglio. Sie waren auf einmal Schiffbrüchige, hatten Todesangst, irrten auf dem Deck herum, saßen irgendwann in einem Rettungsboot.

Dass sie trotz der grauenvollen Erlebnisse wieder eine Kreuzfahrt machen würden, entschieden sie nur wenige Wochen nach der Katastrophe. "Wenn ich einen Autounfall habe, setze ich mich danach ja auch wieder ans Steuer", sagte Ingrid Brepohl vergangenen Donnerstag, kurz vor der Abreise. "Der Verstand sagt: Sowas wie mit der 'Costa' passiert nur einmal." Etwas mulmig zumute war der 65-Jährigen trotzdem, als die fertigen Koffer vor ihr standen. "Aber wir packen das schon."

Die Wellen spülten Menschen weg

"Wieder auf Kreuzfahrt zu gehen, das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Marcel Zuhn. Der 43-Jährige aus Leißling bei Leipzig erlebte die Havarie der "Costa Concordia" ebenfalls hautnah und war unter den Letzten, die gerettet wurden. Zuhn, 43, und sein Freund Matthias Hanke, 39, mussten mit ansehen, wie Passagiere im Inneren des Schiffs von Flutwellen erfasst und durch die Gänge gespült wurden. Auch Menschen, die er danach nicht wiedersah, Menschen, die auf der Suche nach Rettung starben.

"Mein Kumpel und ich hatten jeweils eine ältere Dame an der Hand, um sie durch das Schiff zu führen und ein freies Rettungsboot zu finden", erzählt Zuhn. Denn an Deck 4 war längst die Panik ausgebrochen. "Da war nichts mit 'Frauen und Kinder zuerst'." Die Passagiere schlugen um sich, traten einander, schrien sich an. "Es gab einfach nicht genügend Boote für alle", sagt Zuhn.

Hoffnung kam auf, als jemand sagte, am Heck gäbe es noch welche. Die beiden Männer aus Sachsen machten sich auf den Weg und kümmerten sich auch um die beiden hilflosen Frauen. Als sie ankamen, war da wirklich ein freies Boot. Doch ein Besatzungsmitglied sagte: "Not for Passengers, only for the Crew."

Die vier verzweifelten Passagiere schlugen sich nun quer durch das bereits stark geneigte Schiff - hinüber zur der dem Land zugewandten Seite, zu der Seite, die ins Wasser ragte. Sie schlitterten über den nassen und glitschigen Boden, denn längst war Öl ausgelaufen. "Als wir fast unten waren, also dort, wo wir weitere Rettungsboote vermuteten, schoss eine Welle ins Schiff."

"Bis zum Schluss an ihrer Seite"

Nun flohen sie vor den Wassermassen, mussten sich aufwärts hangeln, weil aus den normalerweise ebenen Fußböden rutschige Rampen geworden waren. "Ich zog mich an den Handläufen hoch", erinnert sich Zuhn, "meine Füße konnten sich nirgends mehr abstützen."

Wie er so viel Kraft aufbringen konnte, dass er es bis zur Reling schaffte, kann sich Zuhn nur so erklären: "Das war das Adrenalin, ich hatte Todesangst." Zuvor waren die beiden Frauen, denen die Männer hatten helfen wollen, von den Fluten in einen Fahrstuhlschacht gespült worden. "Wir waren bis zum Schluss an ihrer Seite", sagt Zuhn. "Leider haben wir es nicht geschafft, sie zu retten, was uns bis heute belastet."

Wegen seiner Schlaflosigkeit ist Zuhn in ärztlicher Behandlung. Er komme einfach nicht zur Ruhe, die Bilder von der schrecklichen Nacht habe er immer vor Augen. "Die körperlichen Wunden heilen nach einigen Wochen", sagt er. "Aber mit der Seelenqual werde ich nie klarkommen."

Im Kampf um sein Leben verlor Zuhn seinen Freund Matthias aus den Augen. Ob er noch lebte? Er wusste es nicht. Nach einer gefühlten Dreiviertelstunde erreichte Zuhn den Außenbereich. An der Schiffswand war eine Strickleiter befestigt, unten erblickte er ein Boot der Küstenwache. Die hatte ein aufblasbares Quadrat ins Wasser gelassen, in das Zuhn nun sprang. Die Retter hievten ihn ins Boot, doch nicht mal da fühlte er sich sicher. "Ich hatte immer noch panische Angst, die 'Costa' könnte sinken und uns in einem Sog mitreißen."

Erst als der Schiffbrüchige an Land war, fühlte er sich in Sicherheit - wenn auch schwer geschockt und mit einer Verletzung am Halswirbel. Rund zwanzig Minuten später sah er seinen Freund Matthias wieder: traumatisiert, aber am Leben.

"Wir dachten: Gleich sinken wir"

Die Brepohls haben zwar wieder eine Kreuzfahrt gebucht - einfach war es auch für sie nicht, das Erlebte wegzustecken. "Ich hatte seelische Probleme", sagt Ingrid Brepohl. "Anfangs hab ich sofort geheult, wenn mich jemand auf das Unglück angesprochen hat." Dann habe sie zwei Monate lang ständig geschlafen: nicht nur nachts, sondern auch vormittags, mittags, nachmittags."

Das Dramatischste, sagt die Kreuzfahrerin, war, dass mehr als fünf Stunden zwischen Havarie und Rettung lagen - und dass die Passagiere schlicht nicht ahnten, wie nah sie eigentlich dem Land waren. "Wir befanden uns auf der See zugewandten Seite des Schiffs, weil das der Teil war, der nach dem Unfall im Wasser hochragte." Vor ihnen lagen die schwarze Nacht - und das Meer. "Wir dachten, wir sind auf offener See, wir dachten: Gleich sinken wir", sagt Brepohl.

Die Bilder aus dem Film "Titanic" gingen ihr durch den Kopf. Sie dachte an ihren Sohn, schloss mit dem Leben ab und fragte sich: Wie lange es wohl dauern wird zu sterben? "Zwei, drei Minuten", schätze Brepohl, "dann hast du's geschafft."

Irgendwann krochen sie schließlich in ein Rettungsboot - doch das stürzte ab. Ingrid Brepohl und ihr Mann mussten also wieder auf das Schiff klettern und erneut um ihr Leben bangen. Erst um 4 Uhr nachts waren sie in Sicherheit.

11.000 Euro Entschädigung pro Person

Die Eheleute wissen, dass sie noch "gut davongekommen" sind, wie sie sagen. Sie haben einen Schock erlitten und ihre Habseligkeiten verloren. Dafür ließen sie sich jeweils 11.000 Euro auszahlen, die Costa allen Passagieren als pauschale Entschädigung anbot. "Ein italienischer Anwalt wollte noch mehr für uns herausholen", sagt Udo Brepohl. "Doch der verlangte einen Vorschuss von 3000 Euro pro Person." Auf diesen Deal wollte sich der 68-Jährige nicht einlassen.

Auch Hans Reinhard will mehr Geld für seine Klienten erstreiten. Der Anwalt aus dem nordrhein-westfälischen Marl vertritt 29 "Costa"-Passagiere in einem Strafverfahren gegen Unglückskapitän Francesco Schettino und zehn Klienten in der zivilrechtlichen Angelegenheit: "Unser Ziel ist es, Costa dazu zu bringen, eine höhere Entschädigungssumme zu zahlen", sagt Reinhardt. "Wer nur einen geringen materiellen Schaden hatte, ist gut bedient mit der Pauschale, die die Reederei freiwillig zahlt."

Doch es gebe eben auch "problematischere Fälle", wie Reinhardt es nennt: Passagiere, denen Rettungsboote auf den Kopf gefallen sind und die nach dem Unglück im Rollstuhl saßen. Oder Passagiere, die bis heute Alpträume plagen. So wie Marcel Zuhn.

Er fordert mehr als die angebotene Pauschalentschädigung. "Doch Costa scheint an einer außergerichtlichen Entschädigung überhaupt nicht interessiert zu sein." Die Reederei weigere sich nun schon ein Jahr lang, eine angemessene Summe zu zahlen. "Ich verlange nicht mal viel", sagt Zuhn. "aber Costa hat den Betroffenen Hilfe zugesagt, und dieses Versprechen löst das Unternehmen nicht ein."

Zuhn meint, es gehe dem Unternehmen nur darum, sich in der Öffentlichkeit ins rechte Licht zu rücken: "Um die Betroffenen kümmern die sich nicht." Eine Bestätigung dieser Theorie flatterte ihm vergangene Woche in den Briefkasten. Costa riet den Überlebenden des Kreuzfahrtunglücks davon ab, am Jahrestag nach Giglio zu fahren. Es sei logistisch nicht möglich, alle Betroffenen zu beherbergen, hieß es in dem Brief. "Das ist ein Schlag ins Gesicht", sagt Zuhn. Es wäre für die Traumatisierten eine perfekte Gelegenheit gewesen, das Erlebte besser zu bewältigen.

Er und Matthias Hanke sind im Sommer auf die Insel gefahren - zusammen mit ihren Frauen. "Der Himmel war blau, wir haben gesehen, dass auf Giglio Ruhe eingekehrt ist", erzählt Zuhn. "Der Ort hat für uns seinen Schrecken verloren."

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insgesamt 16 Beiträge
beblein 13.01.2013
Der Schuldige sitzt noch immer nicht im Gefaengnis! Wer mit Schnellfeuerwaffen 27 umbringt erregt die Welt. Wer 37 durch Leichtsinn oder Groessenwahn umbringt wird bedauert oder gar weissgewaschen. Der Rest den Rechtsverdrehern [...]
Der Schuldige sitzt noch immer nicht im Gefaengnis! Wer mit Schnellfeuerwaffen 27 umbringt erregt die Welt. Wer 37 durch Leichtsinn oder Groessenwahn umbringt wird bedauert oder gar weissgewaschen. Der Rest den Rechtsverdrehern ueberlassen.
wroaski 13.01.2013
Die Schiffe sinken, die Flugzeuge fallen runter. Wer auf Reisen geht muss auch solches Szenario in Kauf nehmen und nicht jammern, wenn etwas passiert. Und noch eine: es gibt keine Garantie, dass nach dem Unglück alle heil nach [...]
Die Schiffe sinken, die Flugzeuge fallen runter. Wer auf Reisen geht muss auch solches Szenario in Kauf nehmen und nicht jammern, wenn etwas passiert. Und noch eine: es gibt keine Garantie, dass nach dem Unglück alle heil nach Hause kehren, und schon gar nicht, wenn am Bord 4000 und mehr Menschen hausen. Ich muss es wissen, bin selbst Seemann.
Dann muessen sie auch wissen, das ALLE Menschenleben haetten gerettet werden koennen, wenn die CREW und der VERANTWORTLICHE Kapitaen richtig reagiert haette. Aber die Leute auf ihre Kojen zu schicken und dort zu lassen, [...]
Zitat von wroaskiDie Schiffe sinken, die Flugzeuge fallen runter. Wer auf Reisen geht muss auch solches Szenario in Kauf nehmen und nicht jammern, wenn etwas passiert. Und noch eine: es gibt keine Garantie, dass nach dem Unglück alle heil nach Hause kehren, und schon gar nicht, wenn am Bord 4000 und mehr Menschen hausen. Ich muss es wissen, bin selbst Seemann.
Dann muessen sie auch wissen, das ALLE Menschenleben haetten gerettet werden koennen, wenn die CREW und der VERANTWORTLICHE Kapitaen richtig reagiert haette. Aber die Leute auf ihre Kojen zu schicken und dort zu lassen, waehrend das Schiff sinkt ist ein Verbrechen, besonders wenn man dann als einer der ersten das Schiff verlaesst. Haette Schetino eine Evakuierung sofort angeordnet, waeren alle Lebend von Board gekommen, alleine weil das Ufer keine 100 Meter entfernt war.
janne2109 13.01.2013
Uiiiii, das ist hart und nicht gerecht. Dass dieser Kapitän frei herumläuft ist ein riesiger Skandal
Zitat von wroaskiDie Schiffe sinken, die Flugzeuge fallen runter. Wer auf Reisen geht muss auch solches Szenario in Kauf nehmen und nicht jammern, wenn etwas passiert. Und noch eine: es gibt keine Garantie, dass nach dem Unglück alle heil nach Hause kehren, und schon gar nicht, wenn am Bord 4000 und mehr Menschen hausen. Ich muss es wissen, bin selbst Seemann.
Uiiiii, das ist hart und nicht gerecht. Dass dieser Kapitän frei herumläuft ist ein riesiger Skandal
criticalsitizen 13.01.2013
Ein Schiff kann sinken, selbst die "Titanic" sank, aber kipte nicht sofort auf die Seite. Hier helfen keine Rettungsboote mehr. Ist der Schwerpunkt der Balkonkabinen-Riesen zu hoch?
Ein Schiff kann sinken, selbst die "Titanic" sank, aber kipte nicht sofort auf die Seite. Hier helfen keine Rettungsboote mehr. Ist der Schwerpunkt der Balkonkabinen-Riesen zu hoch?
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  • Sonntag, 13.01.2013 – 18:34 Uhr
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"Hören Sie, Schettino..."





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