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Dänische Grenzkontrollen: "Es geht nicht um Herrn Schmitt, sondern um Ganoven"

Von der dänischen Grenze berichtet

"So kindisch! So behämmert! So gaga!": Dänemark hat die Kontrollen an den Grenzen zu Deutschland und Schweden verschärft, Pendler sind genervt. Für die Zöllner aber ändert sich zunächst wenig. Ein Stimmungsbericht.

REUTERS

Ole Andersen schaut so aus, als würde er am liebsten ins Lenkrad beißen. Regelmäßig passiert der Däne bei Flensburg die Grenze, um seine Freundin samt Kind in Kaltenkirchen bei Hamburg zu besuchen. Und nun das: Die Regierung seines Heimatlandes hat seit Dienstag die Zollkontrollen verschärft. Illegale Einwanderung und organisierte Kriminalität sollen somit deutlich eingedämmt werden.

"Das ist so lächerlich! So kindisch! So behämmert! So gaga!" Ole Andersen, ein rundlicher Mann mit Brille, kann auf Deutsch mindestens genauso gut fluchen wie auf Dänisch oder Englisch. Der 46-Jährige ist auf der A7 Richtung Padborg auf den Rastplatz gefahren, an dem sich die Zöllner demonstrativ postiert haben. Er will das Spektakel aus der Nähe sehen.

Die rechtspopulistische Dansk Folkeparti (DF) hatte verschärfte Kontrollen gefordert, die Minderheitsregierung von Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen hat die Pläne abgesegnet - und die Zollkontrollen an den dänischen Landesgrenzen wurden innerhalb des Schengenraums wiedereingeführt.

Die Devise: Je mehr Fragen, desto besser

Für Orla Olesen ist es ein Tag wie jeder andere. Seit 29 Jahren arbeitet er als Zöllner. Über dem hellblauen Kurzarmhemd trägt er eine grellgelbe Warnweste, die Fliegen anzieht. Lachend scheucht er die Insekten aus seinem stoppeligen grauen Vollbart. Auf der linken Brust steht "Skat Told", quer über den Rücken leuchten die Buchstaben "Told Customs".

Der 54-Jährige ist einer von fünf Beamten, die regelmäßig an der A7 Zollkontrollen durchführen. "Wir kontrollieren ab hier für ganz Skandinavien", sagt Olesen. Der sogenannte Spotter winkt die Wagen raus, die anderen führen die Befragung durch. Wo kommen Sie her? Wo wollen Sie hin? Was machen Sie dort? Wie viele Tage bleiben Sie? Wem gehört der Wagen?

"Wir gehen nach einer bestimmten Kontrollpsychologie vor. Je mehr Fragen ich stelle, desto mehr Antworten bekomme ich und kann eine Person besser einschätzen", konstatiert Olesen. Gibt es einen Verdacht, schnuppert sich ein Drogen- und Waffenhund durch das Auto. In der Regel wird der Wagen danach in eine Untersuchungshalle in Padborg gebracht, in der Spezialscanner und besondere Durchsuchungstechnik bereitstehen.

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Zollkontrollen: Anhalten an der dänischen Grenze
Dänemark hat keine Kontrollen neu eingeführt, sie sind nur verschärft: Es gibt zwar keine Schlagbäume und angeblich auch nur mehr Stichproben als bislang. Aber es gibt mehr Personal, und bis 2014 sollen zusätzliche Kontrollgebäude an der deutschen und der schwedischen Grenze gebaut werden - inklusive elektronischer Überwachungsanlagen zum Einscannen von Autokennzeichen.

"Was für ein Irrsinn!", echauffiert sich Pendler Ole Andersen und ballt die Fäuste.

"Endlich kann ich dann im Trockenen stehen", scherzt hingegen Zöllner Olesen, schiebt dann aber mit ernster Miene nach: "Als Zöllner weiß ich, dass der illegale Drogenhandel stark zugenommen hat. Früher kostete das Gramm Kokain in Dänemark tausend, heute keine 150 Kronen mehr."

"Wir haben keine Bad Guys"

In erster Linie gehe es bei den Kontrollen um Schmuggel von Drogen, Waffen, Medikamenten und Dopingmitteln, sagt Olesen. Die rechtspopulistische DF hatte im Vorfeld betont, es gehe ebenso stark um illegale Einwanderer. Die Partei ist Mehrheitsbeschafferin im Parlament und bestimmt seit mehr als zehn Jahren den scharfen Kurs in der Ausländer- und Zuwandererpolitik.

"Illegale Einwanderer haben für uns keine oberste Priorität", stellt Olesen klar. "Der Schleuser am Steuer mit vier Einwanderern auf der Rückbank ist für uns so interessant wie ein Betrunkener, aber natürlich greifen wir dann ein."

Die Spotter vertrauen auf ihre besondere Ausbildung, ihre langjährige Erfahrung und auf Intuition. "Ich schaue aufs Kennzeichen und die Insassen, aber ich höre immer auf meinen Bauch", sagt Laila Jessen. Auch sie kontrolliert seit 26 Jahren die deutsch-dänische Grenze bei Padborg. "Und dann gibt's noch ein paar Tipps, aber die verraten wir nicht." Die Good-Guy-Bad-Guy-Nummer spielen sie nicht. "Das Problem ist: Wir haben keine Bad Guys", sagt die 49-Jährige mit den wasserstoffblonden Dauerwellen, lacht laut auf und winkt ein Auto aus Soest aus dem Verkehr.

Am Steuer sitzt ein Außendienstler, den Kofferraum voller Prospekte, er hat in Sonderborg einen Geschäftstermin. Im Autoradio hörte er, dass ab sofort die Grenzkontrollen verschärft wurden. "Ich finde das absolut okay", sagt er unbeeindruckt und fährt weiter.

In Europa wurde der Vorstoß indes so wahrgenommen, wie ihn die DF wohl beabsichtigt hat: als Angriff. Abgeordnete des Europarlaments bezeichneten die Kontrollen als "inakzeptabel" und "Einschränkung der Reisefreiheit", Hessens Europaminister Jörg-Uwe Hahn rief zum Urlaubsboykott auf.

Es geht um Kriminelle - doch die meisten Pendler haben nichts Böses im Sinn

"Das ist absoluter Quatsch. Wir wollen nicht Herrn oder Frau Schmitt, wir wollen den Ganoven", sagt Zöllner Jens-Erik Jensen. Er kontrolliert am Dienstag die Grenze bei Krusa, einem kleinen Übergang, den viele Pendler und Rentner passieren. "Die meisten arbeiten oder wollen Süßigkeiten und Getränke kaufen."

Man müsse einen klaren Unterschied machen zwischen Zoll- und Grenzkontrollen, sagt Henrik Jensen. Auch er steht in gelber Sicherheitsweste in Krusa und winkt die Wagen raus. "Sehen Sie hier irgendwo Polizei? Nein! Wir verstoßen nicht gegen das Schengener Abkommen. Wir kontrollieren keine Pässe, bei uns reicht es, wenn man sich mit einem Führerschein ausweisen kann oder einfach nur den Kofferraum aufmacht."

Am Dienstag hängen die Wolken tief, es nieselt leicht. "Heute haben wir schönes Wetter!", ruft Orla Olesen lachend und zieht sich die Mütze tiefer in die Stirn. Seine Augen leuchten so blau wie Gletscherbonbons. "Sagen Sie den Deutschen, sie brauchen sich nicht verrückt zu machen: Wenn die Autos in Karawanen über beide Spuren brausen, können wir sie gar nicht kontrollieren, weil es schlichtweg zu viel für uns ist."

Die Grenzkontrollen könnten eine Sommerlaune bleiben, im November stehen in Dänemark Parlamentswahlen an. Erik Boel, Präsident der Dänischen Europa-Bewegung, hofft, dass die Verschärfungen dann zurückgenommen werden. Seinen schwarzen BMW hat er am Grenzposten in eine Europaflagge gehüllt, auf dem Rücksitz liegen kleine quadratische Zitronenkuchen, ummantelt von quietschgelbem Zuckerguss. In Dänemark heißt es, Polizisten liebten dieses Gebäck.

"Ich habe es für die Kontrollen mitgebracht, um den Zöllnern ihre Arbeit zu versüßen, wenn sie schon so einen Schwachsinn machen", sagt Erik Boel.

Auf die Frage, ob sie schon ein Stückchen gekostet habe, antwortet Laila Jessen: "Die schmecken furchtbar! Wir wollen die nicht, wir sind ja auch keine Polizisten. Aber das versteht irgendwie keiner."

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1. Richtig so.
allereber 05.07.2011
Zitat von sysop"So kindisch! So behämmert! So gaga!": Dänemark hat die Kontrollen an den Grenzen zu Deutschland und Schweden verschärft, Pendler sind genervt. Für die Zöllner aber ändert sich zunächst wenig. Ein Stimmungsbericht. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,772487,00.html
Wenn ein Ganove aus den Ostblock Dir dein Auto und Dein Geld klaut,nervt Dir das nicht?
2. Die Dänen machen es richtig
renner, 05.07.2011
ich werde keinen Urlaub mehr in Hessen machen. Bitte liebe Dänen nehmt uns Schleswig Holsteiner in euer Land auf, gehörte euch doch sowieso. Wir versprechen wir nehmen unsere weltfremden Politiker auch nicht mit.
3. Völlig korrekt
Susiisttot 05.07.2011
und nachvollziehbar - natürlich in solchen Staaten wie Deutschland wieder nicht machbar - dafür haben wir dann auch die Kriminellen aus Ost-Europa (siehe z.B. des Gedönse der letzten Monate um den Dortmunder Strassenstrich) und die Flüchtlinge, die über Italien über die offenen Grenzen kommen hier im Land. Dank unseren weltfremden Politiker und Gutmenschen.
4. Skandal
BaywatchamStrandvonMalibu 05.07.2011
Zitat von sysop"So kindisch! So behämmert! So gaga!": Dänemark hat die Kontrollen an den Grenzen zu Deutschland und Schweden verschärft, Pendler sind genervt. Für die Zöllner aber ändert sich zunächst wenig. Ein Stimmungsbericht. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,772487,00.html
Diese Grenzkontrollen sind eine logische Reaktion darauf, dass die EU Einreisebestimmungen nicht von allen Ländern eingehalten werden. http://www.tagesschau.de/ausland/visatunesier100.html Sich nun aufzuregen, dass Länder ihre Einwohner vor illegaler EInwanderung schützen wollen, ist einfach nur ein Skandal. Es gibt zum Glück noch EU Mitgliedsstaaten, die fordern die Einhaltung der gemeinsam Vereinbarten Gesetze. Nicht jedes Land bricht so einfach Recht und ersetzt es durch Willkür (vgl. Griechenland Hilfen). Anstatt Verständnis zu zeigen, sollten solche Politiker mit strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Sollte strafrechtlich nichts zu machen sein, dann zumindest Schadensersatzklagen wegen Boykottaufrufen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,772370,00.html So etwas nennt sich Europaminister. Was soll die Lehre daraus sein? Seit für Europa, auch wenn die gemeinsamen Verträge gebrochen werden? Mit solchen Poltikern entwickelt sich Europa zur Planwirtschaft und Freiheit wird bald Vergangenheit sein!
5. ...
thrasybulos 05.07.2011
Zitat von sysop"So kindisch! So behämmert! So gaga!": Dänemark hat die Kontrollen an den Grenzen zu Deutschland und Schweden verschärft, Pendler sind genervt. Für die Zöllner aber ändert sich zunächst wenig. Ein Stimmungsbericht. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,772487,00.html
Wenn ein "Stimmungsbericht" mit einer solchen Wortwahl anfängt, dann ist schon klar, welche Stimmungen er selber erzeugen soll.
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Was Urlauber an der dänischen Grenze erwartet
Was wird kontrolliert?
Dänische Zöllner sollen mit stichprobenartigen Kontrollen an Straßen und in Zügen den Schmuggel von Drogen, Waffen und großen Geldmengen wirksamer als bisher unterbinden. Laut der Zollbehörde werde es aber keine systematische Kontrolle aller Autos und Züge geben.
Was müssen Reisende beachten?
Auf jeden Fall sollten Reisende nun unbedingt ihren Personalausweis oder Reisepass sowie die Fahrzeugpapiere einstecken - und zwar griffbereit, rät der Deutschen Reiseverband. Vor der Abreise sollte sie Gültigkeit der Dokumente überprüft werden.
Ohne gültige Papiere könnten die dänischen Grenzbeamten den Urlaubern im schlimmsten Fall die Einreise verweigern, warnt der ADAC. Das sei aber bisher auch schon bisher trotz des Schengener Abkommens der Fall gewesen. An den Ausweisbestimmungen ändert sich nichts - nur an der Wahrscheinlichkeit, ohne Pass erwischt zu werden.
Gibt es Behinderungen beim Straßenverkehr?
Der ADAC rechnet nicht damit, dass es zu längeren Wartezeiten an der Grenze kommen wird. Vermutlich würden nur einzelne Fahrer bei einem Verdacht herausgewunken - wie bereits jetzt in der Schweiz.
"Deutsche Familien auf dem Weg in den Dänemark-Urlaub müssen nicht befürchten, durch die Kontrollen aufgehalten zu werden", sagte auch der dänische Zolldirektor bei Padborg.
Gibt es Behinderungen beim Fährverkehr?
Bisher haben die neuen Kontrollen den Fährverkehr nicht beeinträchtigt. Der Urlaubsverkehr rolle wie gewohnt durch die Häfen von Rødby und Gedser, teilte die Fährreederei Scandlines am Dienstag in Rostock mit. Trotz zusätzlicher Stichproben des dänischen Zolls sei auch in den kommenden Monaten mit keinen Verzögerungen zu rechnen.


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