Dammbruch in Bitterfeld: Der verzweifelte Kampf gegen das Wasser

Von Rüdiger Strauch, Bitterfeld

Die Bitterfelder verteidigen fieberhaft ihre Stadt vor dem Hochwasser. Tausende Einwohner arbeiten an einem Wall aus Sandsäcken, der sie vor dem überlaufenden Goitzschesee schützen soll. Nach einem Dammbruch strömen die Fluten aus dem Fluss Mulde unaufhörlich weiter in den See.

Naturgewalt: Die Fluten haben den Damm samt Straße auf einer Länge von 500 Metern mit sich gerissen
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Naturgewalt: Die Fluten haben den Damm samt Straße auf einer Länge von 500 Metern mit sich gerissen

Bitterfeld - Egal ob alt oder jung, im Blaumann oder im Geschäftsanzug: Tausende Einwohner Bitterfelds ließen heute alles stehen und liegen und liefen zu der Stelle am Goitzschesee, wo die Katastrophe ihre Stadt bedroht. Sie schleppen und schichten Sandsäcke, um Bitterfeld vor der Überschwemmung zu bewahren. Dennoch: Der Wettlauf mit den Fluten scheint fast verloren. Die Chancen, Bitterfeld vor einer meterhohen Flutkatastrophe zu bewahren, sinken minütlich. Das Hochwasser des Goitzschesees, einem ehemaligen Tagebauloch, steigt dramatisch.

Am Abend war das Wasser an einer Stelle 200 Meter in die Stadt vorgedrungen und steht dort einen knappen Meter hoch. Betroffen ist vor allem der Stadtpark Grüne Lunge. Es sei jedoch gelungen, von der Mulde einen Durchbruch zu einem alten Tagebaustollen zu schaffen, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabes. Dadurch werde der Zufluss zum Goitzschesee vermindert. Noch sei die Lage unter Kontrolle. "Wir haben es niht mit einer Flutwelle zu tun", erklärte der Sprecher. Vorschichtshalber wurden die Evakuierungen jedoch fortgesetzt.

In der Nacht auf Freitag war die Leitung des Krisenstabes schon bereit gewesen, Bitterfeld völlig aufzugeben. Um 2 Uhr rang sie sich zu der niederschmetternden Entscheidung durch. "Abbrechen! Gebt den Damm auf!", schrillten die Befehle durch die Funkgeräte. Doch an der Uferpromenade des Goitzschesees ließen die freiwilligen Helfer nicht mit sich reden. "Wir machen weiter, egal was die da oben sagen", riefen sie empört und stapelten weiter Sandsack auf Sandsack. Eine halbe Stunde später packten auch die Einsatzkräfte von Feuerwehr und Bundeswehr wieder mit an. Alle schöpften sie wieder Hoffnung, das Überlaufen des Sees doch noch verhindern und Bitterfeld vor einer meterhohen Flutkatastrophe retten zu können.

Inzwischen haben viele der 16.000 Bewohner die Flucht angetreten. In den Ausfallstraßen stauen sich bereits die Autos. Polizei und Freiwillige riegeln die Zufahrt zur Uferpromenade hermetisch ab.

Am Mittag eines strahlend sonnigen Tages ist es mit dem Vertrauen auf die Abwehr der Gefahr nicht mehr weit her. Auf unter 20 Prozent schätzen die Experten die Chance, dass die aufgeschichteten Wälle den Wassermassen Stand halten. Sechs Zentimeter pro Stunde steigt der Pegel des Goitzschesees. Die bedrohliche Marke von 79 Metern über Normalnull ist bald erreicht. Um 12 Uhr wurde der Wasserstand mit 78,5 Metern angegeben.

Übverschwemmung: Nach dem Dammbruch bei Pouch strömt das Wasser der Mulde ungehindert aus seinem Flussbett
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Seit zwischen den Orten Pouch und Löbnitz auf 500 Meter Länge ein Damm weggebrochen ist, bahnen sich die Hochwasserfluten der Mulde mit unvorstellbarer Gewalt ihren Weg in das ehemalige Tagebauloch. "Die Mulde ist ein reißender Fluss. Die hat schon viele Menschenleben auf dem Gewissen", erhebt ein Bitterfelder mahnend das Wort, sieht mit ernster Miene auf und bückt sich erneut nach einem Sandsack.

Am östlichen Ufer des Goitzschesees laden derweil Dutzende Laster schweres Geröll ab, um die einzige Verbindungsstraße, die zum gebrochenen Damm an der Mulde führt, zu stabilisieren. Gestern Abend war hier noch kein Durchkommen. Die Gewalt des Wasser ließ den Asphalt wie Pappe brechen.

Aus der Luft sind Hubschrauber unterwegs zu dem Ort, von dem Bitterfelds Schicksal abhängt. Über einer leichten Biegung der Mulde, wo sich die Wassermassen ihr altes Flussbett zurückerobert haben, sollen Barrieren in den Fluten versenkt werden. Allerdings sieht die Bundeswehr keine Möglichkeit, Container über dem Gebiet abzuwerfen. Die Gefahr, dass die Helikopter in die Tiefe gerissen werden, ist zu groß.

Uta Borth sieht diesen Zeitpunkt längst gekommen. Seit Donnerstag hat sie ihr Hab und Gut sicher im ersten Stock ihres Hauses in der Lilienthalstraße verstaut. Dort wohnen die Menschen an einem der niedrigsten Punkte in Bitterfeld. "Wenn der Goitzschesee überläuft, steht das Wasser dort anderthalb Meter hoch", befürchtet die Berufschullehrerin. Seit abwechselnd von verordneter Evakuierung und freiwilliger Räumung der Stadt die Rede ist und die Situation chaotische Züge annimmt, vertraut sie fast allen Gerüchten, die in Bitterfeld die Runde machen. "Ist an den schlimmsten Meldungen etwas dran, bin ich immerhin in Sicherheit. Falls nicht, dann ist die Sache abgehakt", sagt die 41-Jährige, die sich in ein Hotel der Umgebung geflüchtet hat.

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Genauso wie sie dachten in der vergangenen Nacht noch viele andere Bürger. 700 machten sich auf den Weg in die Notquartiere der benachbarten Städte. Bis zu 10.000 können es werden, wenn sich die Lage an den Deichen nicht entspannt. Doch schon jetzt gleicht Bitterfeld im Zentrum einer Geisterstadt. Kellereingänge und Haustüren sind mit Sandsäcken verbarrikadiert, alle Geschäfte sind geschlossen. In den Randbezirken westlich der Bismarckstraße hasten Menschen wie in Trance zu ihren Autos, tragen Reisetaschen und Decken bei sich. Zur Gefahr des Hochwassers kommt bei ihnen auch die Sorge, die Fluten könnten eine Naturkatastrophe auslösen. Der Chemiepark Bitterfeld allerdings, unter dem die Menschen giftige Restbestände aus DDR-Zeiten vermuten, ist zurzeit noch nicht akut betroffen.

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