Blogger-Duo Dandy Diary: Der wahre Modezirkus

Von Wlada Kolosowa

Mode-Blogger Dandy Diary: Von Elefanten und Flitzern Fotos
Ole Westermann

Große Klappe, Schalk dahinter: Das Blogger-Duo Dandy Diary zieht mit lauten Partys und radikalen Aktionen das Interesse der Modeszene auf sich. Vor kurzem schockten sie Dolce & Gabbana mit nackten Tatsachen - nun ließen sie es in Berlin krachen.

"Kletter einfach durchs Fenster!", ruft David Roth aus seiner Erdgeschosswohnung. Gibt's keine Tür? "Doch! Geht aber schneller!" Warum sollten Journalisten auch traditionelle Wege gehen? Das Blogger-Duo hat es schließlich genauso in die Modebranche geschafft: Ohne Karrierestufen zu erklimmen, mit ein paar Kratzern und viel Gejohle von der Straße.

Roth begann Dandydiary.de 2009 als ein Uni-Projekt. Zwei Jahre später kam Jakob Haupt dazu. Heute verbuchen die beiden 380.000 Seitenaufrufe im Monat. Der kurze Weg zur Aufmerksamkeit heißt: bissige Modekritiken, alkohol- und mythengetränkte Partys zur Fashion Week und hier und da ein gut dokumentiertes Skandälchen.

In den vergangenen anderthalb Jahren waren das: Ein Mode-Porno, ein Elefant auf einer Party, ein Modedesigner-Quartettspiel (Kategorien: Penisgröße; unbezahlte Praktikanten). Zwischenzeitlich war Dandy Diary auf 500.000 Euro verklagt worden. Beim letzten Coup stürmte ein anonymer Mitarbeiter die Modenschau von Dolce & Gabbana in Mailand. Nackt.

Solche Aktionen sind eher vom Fußball bekannt: Beim Show-Finale trug ein Flitzer mit Siegesgeste seinen blanken Hintern an der Modefachpresse vorbei. Ein paar Stunden später stellten Haupt und Roth ein Video online, vertont von einem italienischen Fußballkommentator. Und wieder hatte "kurz und dreist" Erfolg: Ein paar nackte Sekunden auf dem Laufsteg haben Dolce & Gabbana so viele Schlagzeilen gebracht, wie sie eine gesamte Marketingabteilung in Monaten nicht ertüfteln könnte.

Den Champagner soll man sich lieber selbst kaufen

Der Flitzer war weder als Kritik noch als eine Werbeaktion gedacht, sagen Roth und Haupt. Sie wollten die Verbindung von Sport und Mode zeigen - und den Spieß umdrehen: Dolce & Gabbana sei eine der ersten Marken, die Mode-Blogger wie zur Zierde in die ersten Reihen setzten und sie für Werbezwecke instrumentalisierten. "Jetzt haben wir auf ihren Rücken Fußball gespielt", sagt Roth. Die internationale Presse rief noch nie so oft an wie nach der Flitzer-Aktion.

Wie ändert sich das Leben, wenn man seinen Namen in der "New York Times" liest? "Gar nicht", sagt Haupt. "Du siehst ja, wir müssen immer noch auf dem Fußboden sitzen." Das ist natürlich Koketterie, auch wenn es stimmt. Sitzgelegenheiten oder Schreibtisch besitzt Roth nicht. Seine Kreuzberger Wohnung ist eine Mischung aus Kleiderschrank und Wald. Zwischen Decke und Boden sind Birkenstämme gespannt, das Hochbett wurde mit Ästen in eine Art Baumhaus verwandelt. Sonst gibt es kaum Einrichtung, außer dem Kleiderschrank und Unmengen von Kleiderbügeln.

Wie viele tausend Euro hier wohl hängen? Gar nicht so viel, sagt Roth. Er kaufe viel Secondhand oder auf einheimischen Märkten (heute trägt er: ein afrikanisches Gewand, eine koreanische Kette, eine Russenmütze aus Tel Aviv). Von den Klamotten, die Designer zusenden, wird man nicht reich. Beide Blogger haben einen Tagesjob: Haupt lebt in Hamburg und berät Firmen in Markenangelegenheiten. Roth arbeitet bei einem Internet-Modesender in Berlin. Sein Wecker klingelt meistens um sechs oder sieben. "Es war nicht mein Lebensziel, Champagner trinkend in der Lounge zu sitzen", sagt er. "Wer deshalb in die Modebranche einsteigt, sollte einen gutbezahlten Job suchen und sich den Champagner kaufen. Ist sicher einfacher", fügt Haupt hinzu.

Inspiration beim BVB und in der Altkleidersammlung

Bei der Dandy-Diary-Poolparty am Abend geht die Schlange um den Block. Im dichtgepackten Sage-Club wird gelästert, dass die Musik wahlweise zu laut oder zu leise ist, dass es zu voll ist oder nicht voll genug, und über das "Ausgehen und Rumstehen" der Modepartys allgemein. Jeder meckert. Niemand geht. Roth empfängt die Gäste im Strohhut, besteckt mit Blumen und Früchten, am roten Teppich, Haupt wurde von der Menge verschluckt.

Die beiden kennen sich seit der zehnten Klasse. Bier sei damals eher der gemeinsame Nenner gewesen als Klamotten. Haupt hörte Punk und Hardcore und hatte Haare bis zum Hintern. Roth interessierte sich für Echsen und fand es gar nicht so abwegig, Sportjournalist zu werden. Die Kraft der Mode kannten sie aber schon damals. Haupts "erster Mode-Moment" war 1994: Ein neongelbes Trikot von Borussia Dortmund. Für Roth war es eine Weste für einen Euro. Er fand sie mit 16 in einer Altkleidersammlung, bei der er Sozialstunden ableisten musste.

Nach dem Abitur studierte Haupt Politik, Roth Modejournalismus an der Akademie Mode und Design in München. "Oma hatte Angst, dass aus mir ein schwuler Modezar wird", erzählt er. Aber die Modekarriere hat weder Männer noch Scharen von Frauen-Models in sein Baumbett gelockt: Roth ist seit Jahren mit seiner Freundin zusammen, Haupt verheiratet.

Vielmehr sind modebewusste Herren in den letzten Jahren die Norm geworden. Der Luxus- und Beauty-Sektor für Männer ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, Männermode bekommt eigene Fashion Weeks. Die Geschlechterrollen wurden aufgeweicht: "Früher haben Frauen in der Männermode geborgt, siehe Schulterpolster in den Achtzigern", sagt Roth. "Jetzt bedienen sich auch die Männer. Es ist legitim, sich Beauty-Produkte zu kaufen und sich herauszuputzen."

Herausputzen hat bei Dandy Diary aber wenig mit Glamour zu tun. Haupt und Roth würden die Modewelt gern vom Glitzer und Elitismus befreien. Demokratisierung der Mode soll aber nicht heißen, dass jeder überall mitreden kann. Auf ihrem Blog haben nur sie das Sagen - die Kommentarfunktion ist gesperrt. "Das ist unser Blog, das ist unsere Meinung. Wer eine Gegenmeinung hat, soll ein eigenes Blog gründen", sagt Haupt. Sollen die anderen doch auch durch Fenster klettern und sich blaue Flecken holen.

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