Erster Männerbeauftragter Deutschlands "Auch Männer werden in Deutschland diskriminiert"

Matthias Becker ist Deutschlands erster Männerbeauftragter. Der Sozialpädagoge erklärt, wo es Männer schwer haben in der Gesellschaft. Und warum sie als Opfer manchmal ignoriert werden.

Matthias Becker
Stadt Nürnberg

Matthias Becker

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Die Stadt Nürnberg hat seit Kurzem als wohl erste Kommune Deutschlands einen Männerbeauftragten. Matthias Becker nennt sich "Ansprechpartner für Männer" und arbeitet bisher sieben Stunden pro Woche. Von September an soll er befristet eine halbe Stelle bekommen.

Der 52-jährige Sozialpädagoge ist seit Jahren freiberuflich hauptsächlich in der Jungen- und Männerarbeit tätig und lehrt an Hochschulen über Männerfragen. In Nürnberg ist seine Stelle im Büro der Frauenbeauftragten angesiedelt. Im Interview erzählt er, warum Männer dort bisher nur selten anrufen.

SPIEGEL ONLINE: Warum braucht Nürnberg einen Männerbeauftragten?

Becker: Nicht nur Nürnberg braucht einen Männerbeauftragten, sondern jede größere Kommune in Deutschland. Frauen können sich an Frauen- oder Gleichstellungsbeauftragte wenden. Dieses Amt ist historisch gewachsen wegen der Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft. Natürlich können auch Männer sich jederzeit melden. Aber welcher Mann ruft bei der Frauenbeauftragten an?

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte er?

Becker: Auch Männer werden in Deutschland diskriminiert. Es existieren noch immer Rollenklischees, dazu zählt die Vorstellung von männlicher Stärke. Bei häuslicher Gewalt zum Beispiel denken wir in der Regel an Männer als Täter. Aber in immerhin 15 Prozent der Fälle sind Männer Opfer. Und nun stellen Sie sich einen Polizisten vor, der hört: "Meine Frau schlägt mich."

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun in diesem Fall?

Becker: Zunächst einmal geht es darum, den Mann ernst zu nehmen und zu unterstützen, zum Beispiel indem man eine Unterkunft besorgt und ihn zur Polizei begleitet. Zudem will ich ein öffentliches Bewusstsein für solche Fälle und Themen von Männern schaffen. Und dann wäre es zum Beispiel gut, auf dem Revier einen besonders geschulten Polizisten zu haben, der die Sache ernst nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird Ihre tägliche Arbeit aussehen?

Becker: Ich werde Sprechstunden abhalten, Gespräche führen mit Jugendämtern, mit Gesundheitsämtern, mit der Politik. Es gibt viele Themen, zum Beispiel Vatersein. Wie klappt das mit dem Geld? Wie lässt sich erreichen, dass Männer nicht kritisch beäugt werden, wenn sie sich um Kinder kümmern? Viele sehen Erziehung ja noch immer als Aufgabe der Mutter und werten Männer damit ab.

SPIEGEL ONLINE: Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?

Becker: Die Stelle ist zunächst bis Mai befristet, dann muss die Stadt entscheiden, ob es weitergeht. Es gibt nicht das eine große Ziel. Ich würde gern Kooperationen anregen, mehr Angebote schaffen, zum Beispiel mehr psychologische Betreuung für Männer. Zurzeit bin ich damit beschäftigt, einen "Ratgeber für Männer" zu konzipieren. Der Flyer soll unbürokratisch Hilfe anbieten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
istvanfred 05.08.2016
1.
Schon öfters gelesen, aber es lässt mich doch immer noch staunend zurück, dass in X Prozent der Fälle die Männer das Opfer sind...
G. Duldig 05.08.2016
2. Ich bin mir nicht sicher
Ich bin mir nicht sicher, ob die Abschaffung bzw. Überwindung tradierter Rollenbilder als Diskriminierung bezeichnet werden kann. Vermutlich werden sich dort mehr Männer melden, die "wegen einer Frau" bei einer Stellenbesetzung oder Beförderung nicht zum Zuge gekommen sind, als Opfer weiblicher Gewalt oder übler Nachrede. Es kommt natürlich sehr darauf an, wie Herr Becker das Amt ausführen wird, aber die Gefahr besteht schon, dass es am Ende um die Verteidigung von liebgewonnenen Privilegien geht ... Nichtsdestotrotz: Glückwunsch und ein glückliches Händchen!
Criticz 05.08.2016
3. Glückwunsch an Nürnberg !
denn das ist nun wirklich mal fortschrittlich. Überall sind Stellen für Gleichstellungsbeauftragte nur für Frauen vorgesehen - und die erklären uns dann, was Gleichberechtigung sein soll, schotten aber schon ihren eigenen Job vor Männern ab. Und es gibt viel zu tun: Quoten die Männer offensichtlich diskriminieren, niedrigere Lebenserwartung, höhere Betroffenheit bei Arbeitsunfällen, höhere Suzizidrate...usw usf. Es wird höchste Zeit - wenn schon Gleichstellung betrieben wird- das endlich mal für BEIDE Seiten zu tun.
jan07 05.08.2016
4.
Es wird höchste Zeit, das ganze Beauftragtenunwesen endlich komplett abzuschaffen.
cj89 05.08.2016
5. Weiter so
Ich finde es sehr gut, dass Nürnberg mutig voranschreitet und Männern, die sich an niemanden wenden können, eine Stimme gibt. Dies soll bestimmt nicht die Probleme, die viele Frauen in der Gesellschaft haben, kleinreden. Aber es gibt ganz offensichtlich auch Bedarf für einen Männerbeauftragten. Je mehr höhere Positionen Frauen einnehmen, je mehr sich Frauen emanzipieren, desto mehr wird diese Macht von einigen wenigen auch ausgenutzt. Und ja, es gibt auch Frauen, die Männer am Arbeitsplatz sexuell belästigen. Es gibt Frauen, die Männer schlagen. Und es gibt schwule Männer, die von ihrem Partnern geschlagen werden. Für all diese Männer, die Gewalt erleben, ist es eine zusätzliche Demütigung zu einer Frauenbeauftragten zu gehen. Deshalb: weiter so!
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