Das konspirative Frühlingsfest Wie vor 16 Jahren die erste Miss DDR gekürt wurde

Weibliche Schönheit als Ware? Nein, so etwas gab es in der Deutschen Demokratischen Republik nicht, zumindest bis 1986. Damals wurden in Marzahn die ersten ostdeutschen Misswahlen organisiert - unter fast konspirativen Umständen.

Von Henryk M. Broder


Katrin Gawenda: "Nicht die Schönste, nicht die beste Figur"
Henryk M. Broder

Katrin Gawenda: "Nicht die Schönste, nicht die beste Figur"

Wo die Ressourcen knapp sind, muss auch an der Schönheit gespart werden. Nicht einmal die hartnäckigsten Ostalgiker werden behaupten, in der DDR habe es viele Produkte gegeben, die praktisch und zugleich schön waren. Ein Trabant ähnelte nur von weitem einem Auto, Besteck und Geschirr in den HO-Gaststätten waren vor allem von der Idee beseelt, dass sie nicht geklaut werden sollten, die volkseigene Mode war eine permanente Parade der Kittelschürzen.

Und einiges gab es gar nicht. Zum Beispiel Misswahlen. In einem Land, das zur Weltspitze in allen Disziplinen strebte, sollte weibliche Schönheit nicht als Ware gehandelt werden. Die erste Miss Germany war 1927 in Berlin gekürt worden. Ein Jahr später wurde in der Hauptstadt der "Reichsverband für Schönheitswettbewerbe e.V." gegründet, 1933 wurden Misswahlen im Deutschen Reich abgeschafft und erst 1948 in den drei Westzonen wieder aufgenommen. Nur in der "Sowjetisch besetzten Zone" blieben sie weiter verboten, die sozialistische Frau gehörte ans Fließband, nicht auf den Laufsteg.

Erst 1986, als das Tauwetter schon eingesetzt hatte, wurde Schönheit wieder konkurrenzfähig. Im April fand die erste Misswahl in der DDR statt, in der Marzahner Disco "Feuerwache". Die Veranstaltung wurde bei den Behörden als ein "Frühlingsfest mit Wahl der Miss Frühling" angemeldet. "Es war beinah konspirativ", erinnert sich Katrin Gawenda, "bis zum letzten Moment war nicht sicher, ob die Sache genehmigt würde."

Dabei war alles garantiert unpolitisch. "Ein paar Einlasser von Berliner Discotheken wollten irgendwas Neues auf die Beine stellen, einer hatte die Idee von einem Urlaub in Bulgarien mitgebracht. Das war Wolf-Dieter Seider, Türsteher in der 'Feuerwache'", erzählt Gawenda. Seider trommelte eine Jury mit Promis zusammen, unter ihnen Helga Hahnemann, Wolfang Lippert und Frank Schöbel, seine Kollegen "haben die Mädchen akquiriert"; vor rund 300 zahlenden Gästen paradierten 25 junge Frauen. Am Ende bekam die mit 24 Jahren älteste Kandidatin die Krone aufgesetzt, Katrin Gawenda, Tochter des Schlagerkomponisten Arndt Bause ("Gold in deinen Augen"), in der DDR so bekannt und erfolgreich wie Ralph Siegel in der BRD. "Mein Vater hat fast alle guten Schlager in der DDR komponiert" - was unter anderem zur Folge hatte, dass seine Tochter kein Abitur machen durfte, "weil ich kein Arbeiterkind war".

"Keine Fleischbeschau"

Umso wichtiger war der Sieg bei der Wahl zur "Miss Frühling", bei der sie sogar eine Kranführerin hinter sich gelassen hatte. "Es war nicht so wie im Westen, die reine Fleischbeschau, man konnte ein Stück Persönlichkeit einbringen", erinnert sich die Siegerin, "ich war nicht die Schönste, ich hatte nicht die beste Figur, aber ich kam beim Interview gut weg".

Die gelernte Schriftsetzerin, die in einem Ostberliner Verlag als Typografin arbeitete, machte sich 1988 als "freie Moderatorin" für Galas, Modenschauen, Konzerte, Kinderfeste und Betriebsfeiern selbständig, 1989 durfte sie im DDR-Fernsehen dreimal die Kinder- und Jugendsendung "mobil" moderieren. "Ich träume noch immer davon, beim Fernsehen unterzukommen."

Inzwischen 40, zum zweiten Mal verheiratet und Mutter eines Sohnes, betreibt die erste inoffizielle Miss DDR eine kleine Event- und Künstleragentur am Rande von Berlin ("Sie können auch die No Angel bei mir buchen") und schaut ohne Wehmut auf ihre Biografie zurück. "Für mich war es ein Jux, eine Jugendsünde, über die ich nicht reden wollte. Heute ist es etwas jenseits von Gut und Böse." Wenn sie eine Tochter hätte, würde sie ihr abraten, "an so etwas teilzunehmen", denn abgesehen von Petra Schürmann und Verona Feldbusch "hat noch keine Miss einen Karrieresprung geschafft".

Gawenda: "Beinah konspirativ"
Henryk M. Broder

Gawenda: "Beinah konspirativ"

Aber ein wenig stolz ist sie schon, dass sie deutsche Geschichte mitgeschrieben hat und dass sie wiederentdeckt wurde, als der Historiker Veit Didczuneit Material für die Ausstellung "Miss Germany" suchte, die heute Abend im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig eröffnet wird. Die Dokumentation war schon im Bonner Haus der Geschichte zu sehen und wurde für Leipzig um das Kapitel "Misswahlen in der DDR" erweitert. Miss Frühling 1986, in Leipzig geboren, wird bei der Eröffnung nicht dabei sein, sie wird sich die Ausstellung später ansehen und vielleicht sogar an einer Podiumsdiskussion teilnehmen: "Ungleiche Schwestern - Frauen in Ost und West". Als Schwester Katrin aus dem Osten.



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