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19. Januar 2004, 16:29 Uhr

Dauerausstellung in Berlin

Senator Flierl erteilt Hagens Leichenshow eine Absage

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Berlin ist einer der Standorte, die der umstrittene Leichenpräparator Gunther von Hagens für seine Dauerausstellung ins Auge gefasst hat. Nach den Enthüllungen des SPIEGEL geht die Politik auf Distanz. Allen voran Kultursenator Flierl.

 Präparator von Hagens: Auf der Suche nach einem festen Standort
REUTERS

Präparator von Hagens: Auf der Suche nach einem festen Standort

Berlin - Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) hat sich nach den Enthüllungen über die Leichenbeschaffung des Künstlers Gunther von Hagens gegen eine Dauerausstellung der "Körperwelten" in Berlin ausgesprochen. Schon vor Wochen hatte Hagens Interesse an einem Dauerprojekt in Berlin bekundet und auch einen dementsprechenden Antrag an den Berliner Senat mit Bitte um Unterstützung angekündigt.

Nach den Enthüllungen durch den SPIEGEL erteilte Flierl dem Projekt nun eine eindeutige Absage. "Wir sind keine Kulturzensurbehörde", sagte der Senator zu SPIEGEL ONLINE, "doch für die Leichenschau wird es von Berlin keine Subventionen oder andere Unterstützung geben." Flierl betonte, dass er "persönlich schon lange sowohl ästhetische als auch moralische Bedenken bei der Leichen-Show" gehabt habe. "Nach den Enthüllungen vom Wochenende hat sich meine Haltung noch verstärkt", sagte der Senator heute.

Vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) war am Montag keine Stellungnahme zu erhalten. Sein Sprecher Michael Donnermeyer sagte lediglich, er wisse bisher von keinem Antrag Hagens an die Stadt. Andere Mitarbeiter Wowereits sagten, dass man die Berichte "intensiv lese und beobachte". Man wolle aber vor einer Entscheidung erst die Schritte der Strafverfolgungsbehörden abwarten und die Sachlage dann noch einmal prüfen.

Bei der zuständigen Senatsverwaltung für Wirtschaft ist bislang kein Antrag des Ausstellers eingegangen. "Uns liegt nichts vor", so der Sprecher Christoph Lang zu SPIEGEL ONLINE. Die aktuelle Berichterstattung wollte der Sprecher von Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) nicht kommentieren. "Sollte sich Herr von Hagens an uns wenden, werden wir die Anfrage prüfen - vorurteilsfrei", so der Sprecher. Wie immer müssten auch hier die rechtlichen Voraussetzungen stimmen. Wirtschaftssenator Wolf selbst hatte vor einiger Zeit mit vorsichtigen Worten erkennen lassen, was er persönlich über die Ausstellung denkt. Sie sei eine "Frage des Geschmacks" - eine Aussage, auf die sein Sprecher Lang am Montag gegenüber SPIEGEL ONLINE noch einmal hinwies.

Noch im Jahr 2000 hatte die Senatsverwaltung für Wirtschaft - damals war Wolf noch nicht im Amt - Hagens bei seiner Suche nach einem geeigneten Standort für seine Ausstellung im darauf folgenden Jahr unterstützt. Dies sei nichts Ungewöhnliches gewesen, so Lang. Auch anderen Unternehmungen - wie etwa Modemacher - würde bei der Suche nach Lokalitäten geholfen, sobald die rechtlichen Voraussetzungen geklärt seien. Zu einer möglichen Förderfähigkeit einer Dauerausstellung durch das Land wollte sich der Sprecher nicht äußern. Es liege kein Antrag vor, alles andere sei daher "reine Spekulation", so Lang.

 Berlins Kultursenator Flierl: Schon lange Bedenken geäußert
DDP

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Hagens hat seit längerer Zeit Berlin als Ort für eine Dauerausstellung ins Auge gefasst. Grund ist der außerordentliche Erfolg der Wanderausstellung in Berlin. Allein hier hatten im Sommer 2001 rund 1,4 Millionen Besucher die "Körperwelten" gesehen, die im Bezirk Friedrichshain, in ummittelbarer Nähe des Ostbahnhofs, gezeigt worden war. Neben Berlin bringt das Hagens-Institut auch noch die Standorte Mannheim und Hamburg als Sitz einer Dauerausstellung ins Gespräch. Als Bedingung hatte Hagens stets deutlich gemacht, dass die Behörden keinerlei Zensur über Teile der Ausstellung verhängen.

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