DDR-Erbe Schenkte Castro den Deutschen eine Karibikinsel?

Viel schöner hätte es nicht sein können: Deutschland soll eine Insel in der Karibik gehören. Das meldete am Montag das Internetmagazin "Thema1". Doch der Traum vom Strand unter deutscher Fahne endete schnell. Die Insel ist eher für DDR-Nostalgiker als für Badeurlauber interessant.

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Auf der Karte kaum zu finden: Cayo Ernest Thaelmann
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Auf der Karte kaum zu finden: Cayo Ernest Thaelmann

Berlin/Havanna - Was die Engländer, Franzosen und die Portugiesen mit ihren ehemaligen Kolonialinseln hatten, sollte auch für Deutschland möglich werden. Am Montagabend meldete das Berliner Internetmagazin "Thema1" exklusiv: "17. Bundesland vor Kuba - Fidel schenkte uns eine Sonneninsel!". In dem Beitrag schilderten die Redakteure des Magazins, die Insel sei 1972 an die DDR verschenkt worden und gehöre demnach dem Rechtsnachfolger der DDR - also der Bundesrepublik.

Doch der Traum des deutschen Karibik-Eilands endete jäh. Wahr ist, dass die Insel im Jahre 1972 zu Ehren von Ernst Thälmann, dem deutschen Kommunistenführer der Vorkriegszeit, umbenannt wurde. Doch von einer Schenkung an die DDR war nie die Rede. "Hier handelte es sich um einen symbolischen Akt, der nichts mit Besitzverhältnissen zu tun hat", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts am Dienstag. Auch die kubanische Botschaft teilte mit, von einer Schenkung sei nichts bekannt.

"Neues Deutschland" berichtete begeistert

Die einzigen verfügbaren Belege für den Vorgangs sind Artikel aus "Neues Deutschland". Das Zentralorgan berichtete groß und ausführlich über die Umbenennung. Unter dem Titel "Die Insel, die Ernst Thälmanns Namen trägt" druckte das Blatt am 20. Juni 1972 einen Beitrag über das Symbol der deutsch-kubanischen Freundschaft.

Demnach ordnete der kubanische KP-Führer Fidel Castro am 5. Juni 1972 an, die Insel solle ab nun Ernst Thälmann heißen, in der spanischen Version dann "Isla Ernesto Thälmann". Einen der Traumstrände am südlichen Ufer nannte der Kommunistenführer "Playa DDR". Hintergrund für die Ehrung dürfte der Besuch Castros in Ost-Berlin einige Wochen zuvor gewesen sein.

Einsam am Strand seiner eigenen Insel: Eine Büste des Kommunistenführers Ernst Thälmann

Einsam am Strand seiner eigenen Insel: Eine Büste des Kommunistenführers Ernst Thälmann

Im gleichen Sommer besuchten Vertreter der kubanischen kommunistischen Partei und der DDR-Botschaft das mit Mangroven bewachsene Eiland und zelebrierten am 18. August 1972 den Todestag von Ernst Thälmann. Rechtzeitig für die Feiern stellten die kubanischen Propagandaleiter auch noch eine etwa vier Meter hohe Büste des KPD-Führers am Strand auf.

In klassischer Pose trotzt der Klassenkämpfer mit Mütze seitdem der stürmischen See am Strand "seiner" Insel. Auch von dieser Veranstaltung berichtete das "Neue Deutschland" unter der Überschrift "Symbol brüderlicher Verbundenheit".

"Kampfmeeting" auf den Thälmann-Insel

"Mit einer ungewöhnlichen Kundgebung", schrieb das Regierungsorgan am 20. August, "wurde in Kuba das Andenken Ernst Thälmanns am 28. Jahrestag seiner Ermordung in Kuba geehrt". In sauberem Propaganda-Deutsch pries die Zeitung die Umbenennung als Zeichen für den Sieg des Kommunismus, da die Insel nur unweit der berühmten Schweinbucht liegt. Dort waren amerikanische Truppen 1962 bei einem Invasionsversuch gescheitert. Das Treffen der kommunistischen Brüder wurde von den Blattmachern zum "Kampfmeeting" hochstilisiert.

Strategisch hatte und hat die Insel jedoch keine Bedeutung. Auch für den Tourismus ist sie bisher überhaupt nicht erschlossen. "Es gibt dort kein Hotel und es lebt auch niemand dort", sagte ein Mitarbeiter des kubanischen Fremdenverkehrsamtes. Man könne lediglich Bootstouren dorthin unternehmen.

Musikvideos vor der Büste des Kommunistenführers

Die DDR-Staatsführung nutzte die Insel mit dem für die Karibik ungewöhnlichen Namen auch für ihre Propaganda. So schickte das DDR-Fernsehen im März 1975 den bekannten ostdeutschen Schlagersänger Frank Schöbel nach Kuba, um einige Aufnahmen für Musikvideos zu machen. "Wir haben uns damals über die Statue von Thälmann totgelacht", erinnert sich Schöbel heute.

Am Strand hatten die Musiker schnell Filmaufnahmen für das schwülstige Lied "Eine Insel im Golf von Cazone" abgedreht. "Die Bilder wurden später in einen Dokumentarfilm über Kuba eingebaut", sagt Schöbel, bei der Ausstrahlung wurde der Name der Insel hervorgehoben und auf die Freundschaft zu Kuba verwiesen.

Auch die Musiker erlagen damals dem Traum der deutschen Karibikkolonie. "In der DDR war das so eine Art Gerücht, deshalb nannte man die Insel auch die Honnie-Insel", erinnert sich Schöbel. Demnach sollte die Insel als privates Geschenk an den DDR-Obergenossen Erich Honecker gegangen sein. "Die Insel war zwar klein, aber traumhaft schön. Lange Sandstrände und Palmen, absolut menschenleer", sagt der Schlagerbarde.

Genutzt hätte es den DDR-Bürgern aber eh nichts, meint Schöbel. "Wir konnten ja kaum nach Ungarn fahren, wie wollten wir dann in die Karibik fliegen?"



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