DDR-Geschichte Das Geheimnis der Crottendorfer Straße 4

Es war wie eine Zeitreise in die DDR: Im November 2008 entdeckte ein Architekt in Leipzig eine seit fast 20 Jahren unberührte Wohnung: "Marella"-Margarine, "Karo"-Zigaretten, eine Haftbescheinigung - wer hatte das zurückgelassen? SPIEGEL TV hat das Rätsel gelöst.

Von Sonka Terfehr


Hamburg - Es ist der 19. September 1990. Ein Mittwoch. Vier junge Tischler, die von einer Baustelle in Hamburg kommen, haben den Heimweg ins niedersächsische Gnarrenburg schon fast geschafft. Doch auf der Kreisstraße 44 im Landkreis Stade verliert der Fahrer plötzlich die Kontrolle über den Kleinbus. Der Wagen schert erst nach links aus, schleudert dann nach rechts und prallt frontal gegen einen Baum. Wenige Tage später erscheint ein Nachruf in der Lokalzeitung. Darin gedenkt der Tischlermeister Kinkhorst aus Gnarrenburg zweien seiner Mitarbeiter. Einer der Verunglückten ist Heiko Braun. Er wurde 25 Jahre alt.

Fast 20 Jahre später spricht in Gnarrenburg niemand mehr über den Unfall und erst recht nicht über Heiko Braun. Er kam nicht von hier. Er war "von drüben", nur wenige wussten, dass er aus Leipzig stammte. Wie es ihn ins norddeutsche Flachland verschlagen hatte, darüber verlor er kaum ein Wort. Vielleicht hat auch niemand so genau nachgefragt.

Und wahrscheinlich wäre die kurze Lebensgeschichte des Heiko Braun nie an die Öffentlichkeit gelangt, wenn der Architekt Mark Aretz im November 2008 nicht seine ehemalige Leipziger Wohnung geöffnet und dort ein kleines Stück konservierte DDR ausgegraben hätte.

Seit der Wende hat Aretz etwa 1600 Wohnungen in Leipzig saniert. Einen ganzen Kellerraum voll skurriler Fundstücke hat er dabei im Laufe der Jahre zusammengetragen: eine alte NVA-Uniform, alle Ausgaben der "Leipziger Volkszeitung" von 1989, aus Baumwollstoff genähte DDR-Fahnen, Haustafeln - sowohl aus Honeckers als auch aus Hitlers Zeiten. Relikte, die Bewohner zurückgelassen hatten.

Aber das, was der Architekt der Crottendorfer Straße im Osten der Stadt vorgefunden hat, ist selbst für den erfahrenen Sanierer einzigartig: eine, wie es scheint, fluchtartig verlassene, komplett eingerichtete Wohnung, die offenbar seit 1989 niemand mehr betreten hat. "Dass eine Wohnung ohne ein einziges Westprodukt vorgefunden wird, das ist bei uns zuletzt 1997 vorgekommen, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass das noch mal vorkommen wird", so Aretz.

"Archäologische Artefakte"

Margarine der Marke "Marella", "Karo"-Zigaretten, Schuhputzmittel des VEB Kunstblume Sebnitz, Aretz kommen diese Produkte vor wie "archäologische Artefakte". Noch interessanter findet er allerdings die persönlichen Dokumente, die der Bewohner mit dem Namen Heiko Braun hinterlassen hat: Briefe, Sparbücher, eine von ihm verfasste, jedoch nicht abgeschickte Postkarte an einen Freund und eine Bescheinigung der Strafvollzugseinrichtung Leipzig, aus der ein einjähriger Haftaufenthalt hervorgeht. "Wenn man solche Dokumente findet, kann man über alles mögliche spekulieren", so Aretz. "Nur mit dem Gesetz in Konflikt geraten zu sein, hieß in der DDR ja noch nicht viel. Sicher war er aber kein angepasster Musterbürger."

Das war Heiko Braun tatsächlich nicht. Aber auch kein politischer Kämpfer gegen das Regime. "Er hatte etwas Probleme mit dem Lernen", sagt seine Mutter Renate im Interview mit SPIEGEL TV. Und Vater Günther ergänzt: "Morgens früh um sieben aufstehen war nicht so sein Ding." Wohl auch deswegen hat er nach seiner Ausbildung zum "Teilfacharbeiter für Holzverarbeitung" in der Leipziger Pianofabrik die Werkbank gegen den Wohnwagen getauscht und ist als Hilfsarbeiter bei einem Schausteller von Rummel zu Rummel gereist.

Ernst wird das Leben für Heiko erst, als er für seinen Übermut und seine Abenteuerlust plötzlich die ganze Härte der DDR-Justiz zu spüren bekommt.

An alle Einzelheiten können sich Renate und Günther Braun nicht erinnern. Es muss irgendwann im Sommer 1987 gewesen sein, als sich Heiko in den Zug setzt und Richtung Plauen fährt. Als irgendwann ein Kontrolleur seine Ausweispapiere sehen will, hat er diese nicht dabei. Auf die Frage, wo er denn hinwolle, habe er geantwortet: "Ich will abhauen, ich will in den Westen." Sein Vater beurteilt die Aussage heute als "Dumme-Jungen-Streich".

Verurteilt wegen Republikflucht

Anders sieht das offenbar der Kontrolleur: Heiko Braun wird festgenommen. Als Beweise für seine Fluchtabsichten dienen ein Schraubenzieher und ein Stück Draht, die man in seinen Taschen findet. Verurteilt wird er wegen Republikflucht und sitzt seine Haftstrafe von Februar 1988 bis März 1989 in Staßfurt ab.

Während Heiko in Haft sitzt, richten Renate und Günther Braun für ihren Sohn die Wohnung in der Crottendorfer Straße 4 ein, "der Junge brauchte ja ein Dach über dem Kopf". Ihre alte Waschmaschine mit integrierter Schleuder, eine Couch mit kariertem Bezug, gemusterte Vorhänge - alles Dinge, die sie heute auf den Fotos in der Zeitung erkennen und vom spektakulären Fund einer "DDR-Wohnung" zeugen.

Nur ein paar Monate lebt Heiko B. in dieser Wohnung. Dann kommt der 11. September 1989. Renate B. erinnert sich genau an den Anruf ihres Sohnes an diesem Vormittag. Er sagt: "Mutti, ich muss bis Mitternacht über die Grenze sein." Kurz zuvor hat er ein Papier ausgehändigt bekommen, das besagt, dass er "aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik entlassen" werde. Dazu verpasst man seinem Personalausweis einen Stempel: "Visum gültig zur ständigen Ausreise nach der BRD über die Grenzübergangsstelle Gerstungen". Noch in derselben Nacht bringt Günther Braun seinen Sohn zum Zug. Einen kleinen Koffer nimmt Heiko mit. Zeit, in seiner Wohnung aufzuräumen, bleibt ihm nicht.

"Er hat da gutes Geld verdient"

Der Schmerz über die plötzliche Trennung von ihrem Sohn dauert für die Eltern nur wenige Monate. Schließlich fällt im November die Mauer, und Heiko kann schon zu Weihnachten wieder nach Leipzig kommen. Er hat nach einem kurzen Aufenthalt im Grenzlager Gießen eine Anstellung bei einem Tischlermeister in Niedersachsen gefunden. "Er hat da gutes Geld verdient", sagt der Vater heute nicht ohne Stolz. Und die Mutter ist beruhigt, dass er zur Untermiete bei einer alleinstehenden Dame wohnt, die "ein bisschen auf ihn achtet und seine Wäsche wäscht".

Heiko scheint angekommen - im Westen, im geregelten Leben, in einem anständigen Beruf. Doch dann der Unfall. Heiko Braun stirbt am 21. September 1990 an seinen schweren Kopfverletzungen in einem Hamburger Krankenhaus. Seine Urne bestatten Renate und Günther Braun im Familiengrab in Leipzig. Knapp zwei Wochen später wird Deutschland wiedervereinigt.



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