Dealer-El-Dorado New Orleans Nach "Katrina" kamen die Drogen

Ein Jahr nach "Katrina" versinkt New Orleans in einer Verbrechenswelle. Während nicht mal die Hälfte der Bürger zurückgekehrt ist, haben die Kriminellen hier längst wieder Fuß gefasst - darunter brutale Drogengangs. Selbst die Einberufung der Nationalgarde hilft da wenig.

Aus New Orleans berichtet


New Orleans - Central City, ein Arbeiterviertel mitten in New Orleans. Krumme, morsche Häuschen flankieren die Kreuzung der Danneel Street und der Josephine Street. "Katrinas" schmutzige Wassermarken ziehen sich heute noch wie Jahresringe um die Holzfassaden. Viele Häuser sind verlassen und mit Brettern zugenagelt, am Straßenrand türmen sich Schutthaufen. Verwesungsgestank hängt in der heißen Luft. Es ist mittags, doch kein Mensch ist zu sehen.

Solche Bilder sind typisch zum ersten Jahrestag des Monster-Hurrikans, man findet sie überall in dieser Stadt, die weiter vergebens auf ihre Wiederauferstehung wartet. Und doch hat diese Ecke in Central City dabei eine ganz besonders ominöse Bedeutung.

Einer der Strommasten ist verkrümmt, das Holz blank geschabt. Auf dem Gehweg ist mit etwas Mühe ein dunkler Fleck auszumachen. "Ja, ja", murmelt eine Schwarze, die schwitzend vorbeischlurft. "Hier ist es passiert. Zufrieden?" Dann verschwindet sie in einer Tür, alle weiteren Fragen ignorierend.

Passiert ist "es" kürzlich, fast ein Jahr nach "Katrina", in einer schwülen Sommernacht zum Ende eines weiteren, qualvollen Tages wie diesem. Da kreuzten fünf schwarze Teenager in ihrem Ford Explorer durch das öde Viertel. Der jüngste war 16, der älteste 19 Jahre.

300 Nationalgardisten in den Straßen

Was dann geschah, hat die Polizei bislang nur bruchstückweise klären können. Demnach näherte sich ein Mann, erschoss durchs Fenster zunächst den Fahrer und nahm daraufhin die Beifahrer ins Visier. Zwei starben in ihren Sitzen, während zwei es noch schafften zu fliehen, wenn auch nicht weit. Einer erlag auf dem Gehweg einem einzigen Kopfschuss, der Letzte brach auf der Straße zusammen und starb im Krankenhaus. Insgesamt seien über 20 Schüsse gefallen - aus derselben Waffe.

Die Bluttat schockte selbst das hartgesottene New Orleans, das ja schon vor "Katrina" eine der gefährlichsten Städte der USA gewesen war. Doch ein solches Massaker hatten auch die Menschen hier seit über zehn Jahren nicht mehr erlebt. "Wir haben genug", rief Bürgermeister Ray Nagin und erflehte sofortige Hilfe vom Bundesstaat. Seither patrouilliert die US-Nationalgarde wieder die Straßen von New Orleans, mit über 300 Soldaten - wie unmittelbar nach "Katrina".

Denn die fünf niedergemetzelten Teenager von Central City waren kein Sonderfall. Mit ihnen stieg die Zahl der Morde, die nach "Katrina" zunächst stark gesunken war, dieses Jahr wieder auf 52. Inzwischen hat sie sich weiter erhöht, auf mindestens 78, trotz bewaffneter Nationalgardisten. 63 dieser Morde ereigneten sich seit April, allein 22 davon im Juli - und sechs an einem einzigen, heißen Wochenende.

"Wir befinden uns im Notstand"

Zeichen der Zeit in der Stadt, wo weiter ganze Stadtteile in Trümmern liegen. Wo die Deiche nur notdürftig geflickt sind und die meisten, so der Politologe Michael Huelshoff von der University of New Orleans zu SPIEGEL ONLINE, "die Talsohle immer noch nicht durchschritten" haben. Nicht mal die Hälfte der Bewohner hat sich bisher zurückgewagt. Dafür haben sich andere zurückgewagt - dreister und offensichtlicher als je zuvor: die Kriminellen.

"Wir befinden uns im Notstand", sagt Anthony Radosti, der sich nur Tony nennen lässt. "Das kriminelle Element ist wieder da - mit Gusto." Er muss es wissen. Seit 36 Jahren kämpft der knorrige Mann gegen das Verbrechen: erst 23 Jahre lang als Cop beim New Orleans Police Department (NOPD), dann im Büro des Bezirksstaatsanwalts und nun als Vizepräsident der Metropolitan Crime Commission (MCC). Dieser private Law-and-Order-Verein hat es sich Ziel gesetzt, nicht nur die Kriminalität zu senken, sondern auch das für Korruption und Brutalität berüchtigte NOPD zu säubern.

Kaum einer kennt das "kriminelle Element" hier besser als Radosti. Davon zeugt allein sein Büro. Die Wände sind tapeziert mit Urkunden für polizeiliche Verdienste, Zeitungsberichten über seine Arbeit ("Krieg gegen die Mafia") und dem Haftfoto seines prominentesten Opfers - ein Vizepolizeichef, der wegen Bestechung 1997 für zwei Jahre hinter Gittern landete.

Auf die Frage nach dem Hauptgrund für den rasanten Anstieg der Kriminalität seit "Katrina" schnaubt Radosti: "Drogen." Experten stimmen ihm zu: Revierkämpfe zwischen rivalisierenden Dealerbanden, sagen Cops und auch das FBI, eskalierten hier langsam zum Straßenkrieg. Denn die Stadt am Mississippi gilt als neues El Dorado für US-Drogengangs.

Drogentrucks mit Waffeneskorten

Für die Dealer war "Katrina" ein Glücksfall. Viele wurden ins texanische Houston evakuiert, wo sie neue Kontakte zu kolumbianischen und mexikanischen Kartelle knüpften. Frisch versorgt, kehrten sie in die Heimat zurück, wo die hohe Depressions- und Selbstmordrate seit "Katrina" den Bedarf nach einer Betäubung der Sinne nur noch gestärkt zu haben scheint.

Ein Indiz für die Texas-Connection war etwa jener Lkw aus Houston, der den Fahndern im Vorort Slidell auffiel. In seinem Bauch stießen sie auf 50 Kilogramm Kokain, Wert fünf Millionen Dollar. Vor "Katrina" belief sich eine durchschnittliche Lieferung auf fünf bis zehn Kilo. Der Truck führte sie zu einem Haus, in dem sich 3500 Ecstasy-Pillen, fünf Pfund Marihuana und 60.000 Dollar Cash fanden.

Das NOPD hat nach Angaben seines Ermittlungschefs James Scott derzeit über 100 Drogendealer im Visier. Sie shuttelten über den Highway I-10 frei zwischen Houston und New Orleans hin und her - "wie Pendler". Ihre Drogentrucks seien von den normalen Bauwagen, die hier durch die Straßen rumpeln, nicht zu unterscheiden. Außer dass sie oft von bewaffneten Auto-Eskorten begleitet würden.

"Polizisten sind auch nur Menschen"

Andere Verbrechen erwachsen aus Streits im Rotlichtbezirk des French Quarters, das als einziger Bezirk wieder fast völlig funktionsfähig ist. Vor allem entlang der Bourbon Street scheinen Prügeleien und Schießereien an der Tagesordnung. Revierkommandeur Kevin Anderson berichtet von Messerstechereien zwischen betrunkenen Bauarbeitern, von Jugendlichen, die Touristen ausrauben, von zwei Morden in diesem Jahr. Ein weiterer Unruheherd: die elenden Container-Siedlungen für obdachlose Heimkehrer, in denen inzwischen die Frustrationen hochkochen.

Das NOPD ist damit restlos überfordert. "Die Leute vergessen: Polizisten sind auch nur Menschen", sagt John Bryson, der die NOPD-Verwaltung leitet. "Wir haben Familien. Wir erholen uns auch gerade erst von 'Katrina'."

"Katrina" reduzierte das NOPD um 300 Beamte, von 1700 auf heute 1400. Sie verschwanden, desertierten, wurden wegen Fehlverhaltens gefeuert. Über 80 Prozent der Cops verloren ihre Häuser. Veteranen ließen sich frühpensionieren, junge Offiziere mit Familien zogen woanders hin. Und neue Rekruten können keine Wohnungen finden.

Cops in Containern

Nerven liegen blank. "Wir bekommen wieder mehr Klagen über Misshandlungen durch die Polizei", sagt Stadtratspräsident Oliver Thomas. Polizeichef Warren Riley, dessen flamboyanter Vorgänger Eddie Compass nach "Katrina" zurücktrat, verfolgt Korruption und Brutalität zwar aggressiv und hat auch eine Beschwerdekommission eingerichtet. Doch da die Stadt finanziell am Tropf hängt, wurde sein Haushalt von 124 auf 100 Millionen Dollar gekürzt. Auch ist das alte NOPD-Hauptquartier in der Downtown weiter unzugänglich. Die Cops arbeiten selbst aus Containern heraus.

"Katrina" überflutete die Beweiskammer. Viele Akten gingen verloren. Das Gerichtsgebäude wurde erst im Juni wieder eröffnet - mit dem Prozess gegen einen Kokaindealer. Doch die Zustände bleiben so unhaltbar, dass Richter Arthur Hunter dieser Tage angedroht hat, zum ersten "Katrina"-Jahrestag Hunderte Untersuchungshäftlinge freizulassen. "Wenn uns die Verfassung etwas bedeutet", schrieb Hunter in einem Noterlass, "warum ist das Justizsystem dann weiter so im Chaos?"

Immerhin, ab und zu gibt es ermutigende Nachrichten. So verhaftete die Polizei jetzt einen jungen Mann namens Michael Anderson, der als Hauptverdächtiger im Fall der fünf erschossenen Teenager von Central City gilt. Anderson, mehrfach wegen Drogenbesitzes verurteilt, ist 19 Jahre alt und lebte bei seiner Mutter in der Josephine Street - Schritte von der Kreuzung entfernt, die so aussieht wie so viele in New Orleans, ein Jahr nach "Katrina".



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