Hochwasseropfer in Deggendorf: Die Heimkehrer

Aus Deggendorf berichten (Text), Sara Manzo und Thies Schnack (Video)

SPIEGEL ONLINE

Kaum ein Ort ist so schwer vom Hochwasser betroffen wie das bayerische Deggendorf. Wenn die Bewohner zu ihren Häusern wollen, sind sie auf Helfer und deren Boote angewiesen. Was sie zu sehen bekommen, ist kaum fassbar.

"Wenn die Leute von ihren zerstörten Häusern zurückkommen, weiß ich nicht, ob ich nicht sofort einen Sanitäter mitschicken soll", sagt Roland Vogt. Seit 7 Uhr fahren er und sein Team die Deggendorfer zurück zu ihren überschwemmten Häusern im Stadtteil Fischerdorf. Die meisten wollen Wertgegenstände abholen, Computer, Ausweise. "Manche wollen auch nur mal nachsehen", sagt der Einsatzleiter. Um halb neun sind sie schon mindestens 25-mal ausgefahren. Bei der Rückkehr seien viele am Boden zerstört. "Totalschaden" nennt Vogt das.

Auch Robert Vogl und seine Frau Sonja sind da. Sie wollen zu ihrem Haus, Kleidung und Schulsachen für die Kinder holen. Nachschauen, wie groß der Schaden ist. Außerdem gehören ihre Eltern zu denen, die Fischerdorf nicht verlassen haben und in ihren überfluteten Häusern ausharren.

Es herrscht bayerisches Kaiserwetter in Deggendorf, als die Vogls mit zwei Bootsführern losmachen. Das Wasser ist ein wenig zurückgegangen, aber in den Straßen von Fischerdorf steht die Donau immer noch bis zu zwei Meter hoch.

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Hochwasser in Fischerdorf: Fahrt durch die verwüstete Heimat
Für die Vogls eigentlich immer noch unvorstellbar. Am Montag hat Robert Vogl die Kinder zu seinen Eltern gebracht. Auf ihr Drängen auch das Auto. "Ich fand das total übertrieben", sagt er. "Wir haben maximal damit gerechnet, dass vielleicht der Keller komplett vollläuft." Dann kam das Wasser. Unerwartet und unheimlich.

Boote der Retter weichen Müll und Treibholz aus

Sie haben gepackt. Kleidung, Spielzeug, Schulsachen - sie haben alles in Bettbezüge geschmissen und auf den Speicher gebracht. Danach war das Kinderzimmer ihres Sohnes dran. Trotzdem, die Möbel in der Küche und im Wohnzimmer hat es wohl erwischt. Vielleicht ist aber alles ganz überschaubar, hoffen die Vogls. Aber was heißt das schon, was ist angesichts der Flut schon überschaubar?

Am Dienstag wurden die Vogls mit Booten aus ihrem Haus geholt. "Ich habe nur das Wichtigste gerettet", sagt Sonja Vogl. Das Wichtigste war die Katze, Frisbee.

Sonja Vogls Eltern stehen schon auf der Terrasse, als das Boot in ihre Straße einbiegt. Der Vorgarten ist nach wie vor ein Teich. Sie haben noch genügend Essen, die Vogls lassen trotzdem ein Päckchen da, eine Bekannte hat gebacken. Dass es vor allem darum geht, sich zu sehen, um ein Lebenszeichen, muss keiner laut aussprechen. "Ich könnte das nicht", sagt Sonja Vogl, als das Boot weitertuckert. "Die haben jetzt 24 Stunden am Tag Zeit zum Nachdenken." Sie selbst war bei der Versicherung und bei der Bank. Eine Mischung aus Ablenkung und Notwendigkeit.

Hinter jeder neuen Kurve zeigt sich das Ausmaß der Katastrophe. Riesige Häuser, fest in der Hand der zähen Brühe. Auf einem Parkplatz steht ein Dutzend Autos, versunken bis zum Dach. Sie sehen aus wie Krokodile, die am seichten Ufer auf Beute lauern. Überall ziehen sich Ölschlieren durch das grünbraune Wasser. Es riecht noch stärker als in den vergangenen Tagen nach Diesel. Das ausgelaufene Heizöl hat sich seinen Weg ins Wasser gebahnt, dazu die qualmenden Motoren der Rettungsboote.

"Vorsicht, Treibholz" - "Das ist unser Gartenzaun"

Das Haus der Vogls liegt ein gutes Stück vom Einsatzufer entfernt. Die Helfer können das Boot nur langsam steuern. Je weiter es ins Innere des Stadtteils geht, desto mehr Müll und Treibholz liegen im Weg. In der Tiefe schimmern Gartenzäune, der Bootsführer muss immer schärfere Kurven machen, um ihnen auszuweichen.

Zwischen den Häusern treiben Fußbälle und Sandförmchen. Hier und da ragt eine Rutsche aus dem Wasser. "Hier wohnen Generationen von Familien", sagt Sonja Vogl. Ihre Stimme klingt belegt. Seit 1996 wohnen sie in ihrem Haus in Deggendorf. Sie ist hier aufgewachsen, ihre Eltern wohnen direkt um die Ecke.

Ein anderes Rettungsboot schippert vorsichtig vorbei. "Vorsicht, Treibholz", warnt der Bootsführer. "Das ist unser Gartenzaun", heißt es nur.

"Das Hochwasser hat uns von der A3 her erwischt", sagt Robert Vogl. Er zeigt auf einen riesigen See, lediglich ein paar Baumwipfel deuten an, wo die Autobahn sein könnte.

Hier wird noch länger kein Auto fahren können. Die Reparaturen werden wohl noch drei- bis vier Wochen dauern, schätzt Peter Erl, der stellvertretende Landrat. Dafür sieht es bei der A92 besser aus, sie konnte in den frühen Morgenstunden freigegeben werden. Eine wichtige Strecke, sie führt nach München.

Die Solidarität in der Bevölkerung ist groß

Nach wie vor gilt Katastrophenalarm. Aber am Montag kann vielleicht mit den Aufräumarbeiten begonnen werden. Bis dahin werden die Dämme weiter kontrolliert, die Leute weiter versorgt und zu ihren Häusern gebracht. Spezialisten müssen nun entscheiden, wie das Öl am besten, am umweltfreundlichsten, abgepumpt werden kann.

Eine Stadt ertrinkt in einer Chemiesuppe - dass keine Panik ausbricht, liegt auch an den Einsatzkräften, die ruhig und vorsichtig mit den Betroffenen umgehen. Und es gibt einen großen Rückhalt unter den Deggendorfern. "Jeder gibt, was er geben kann", sagt Sonja Vogl. Auch die Vogls. Obwohl ihr Zuhause überflutet ist, haben die beiden den Helfern Nussteilchen mitgebracht.

Auf ihrem Handy ruft ein Nachbar an, er hat sich selbst nicht getraut rauszufahren. Nun will er von Sonja Vogl wissen, wie die Lage ist. Sie erzählt vom vielen Wasser, dem Müll, den versunkenen Straßenschildern. Dann biegt das Boot um die letzte Ecke. "Ich muss jetzt auflegen", sagt sie. Die Vogls sind an ihrem Haus angekommen.

Es ist ein schönes weißes Eckhaus mit Garage und Gartenhäuschen. Alles steht unter Wasser. Auch bei den Vogls ist der Öltank geplatzt, leise schwappt das Wassergemisch gegen die Fenster. Beide klettern vom Boot aus auf die Garage, im ersten Stock haben sie ein Fenster offen gelassen. In ein paar Stunden sollen sie wieder abgeholt werden, Robert Vogl notiert noch schnell die Nummer der Helfer. Seine Frau ist schon im Haus, das Ausmaß des Unglücks anschauen. Die Vogls hatten kein Glück. Das Wasser ist nicht im Erdgeschoss geblieben.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. jetzt der Staat
souveränsatt 07.06.2013
jetzt kann der Staats einmal die selbe Großzügigkeit beweisen, wie gegenüber den Banken
2. Entsetzlich
haarer.15 07.06.2013
Man kann sich gut in so eine Situation hineinversetzen. Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. 100 Millionen Soforthilfe vom Bund ? Lächerlich. Die Schäden gehen in ein Vielfaches dieser Summe. Bund und Land könnten hier ein großes Konjunkturpaket schnüren, bevor sie mal wieder Almosen verteilen, von denen ohnehin nur ein kleiner Teil wenn überhaupt ankommt. Doch soweit geht die Solidarität im eigenen Land halt nicht.
3. Milliarden
Scriptmaster 07.06.2013
Wenn eine "systemrelevante" Bank pleite geht, dann werden plötzlich zig Milliarden bereit gestellt. Eigentlich sollten die paar Milliarden (5?, 6?, 10?) kein Problem sein. Wahrscheinlich werden die Leute aber das Pech haben, nicht systemrelevant zu sein. Scheiß-Staat!
4. Spende vom Staat als billiges Alibi!
goggoschelle 07.06.2013
100 Millionen für die Menschen, die alles verloren haben. Das ist ein billiges Taschengeld für die gebeutelten Menschen. Für Griechenland, Zypern und andere Länder, für die Banken hatte man Milliarden einfach übrig. Was soll das Ihr Politiker? Es ist eine traurige aber auch schäbige Entscheidung. Man müsste seine Steuerzahlungen einstellen. Hoffentlich kommen noch Zugaben für die Menschen, die Ihr Hab und Gut verloren haben.
5.
franko_potente 07.06.2013
Zitat von haarer.15Man kann sich gut in so eine Situation hineinversetzen. Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. 100 Millionen Soforthilfe vom Bund ? Lächerlich. Die Schäden gehen in ein Vielfaches dieser Summe. Bund und Land könnten hier ein großes Konjunkturpaket schnüren, bevor sie mal wieder Almosen verteilen, von denen ohnehin nur ein kleiner Teil wenn überhaupt ankommt. Doch soweit geht die Solidarität im eigenen Land halt nicht.
Es ist doch nur die Soforthilfe... Für Essen, Kleidung und das allernötigste... Mal den Ball flachhalten
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