Deichzerstörung Die Flut geht, der Staatsanwalt kommt

In der Not gab es unter den Opfern der Jahrhundertflut nicht nur Solidarität. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Dörfler, die einen Deich aufgerissen haben. Ihre eigenen Häuser schützten sie damit - und ließen dafür andere Dörfer untergehen.

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Tagelang kämpften Hilfskräfte um Rehsen, ehe der Deich zerstört wurde
DDP

Tagelang kämpften Hilfskräfte um Rehsen, ehe der Deich zerstört wurde

Rehsen - Ein fürchterliches Gerücht hatte sich noch schneller als die Flut nach Rehsen verbreitet: Bei Seegrehna sei der Deich gesprengt worden. Acht Tage lang schoss Wasser mit Geschwindigkeiten von bis zu 200 Kubikmetern pro Sekunde durch das 40 Meter große Loch, vorbei an Wittenberg und hinein in den Wörlitzer Winkel mit seinen vielen kleinen Gemeinden und dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

Das 300-Seelen-Dorf Rehsen wurde als eines der ersten von den Wassermassen umschlossen. Tagelang kämpften zahlreiche freiwillige Helfer, das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr gegen die Fluten an, ehe sie aufgaben und das Dorf evakuieren wollten. Doch die Menschen blieben in ihren Häusern, leerten ihre Kühltruhen und brachten die Lebensmittel in die Dorfkneipe, wo für alle gekocht wurde. Vier Tage lang blieben sie ohne Strom.

Loch in den Deich gebuddelt

Das Wasser aber drohte den Kampf zu gewinnen. Am späten Abend des 19. August stand es zwischen dem Deich und den Sandsackwällen rund um das Dorf, zwei Meter höher als der Ort selbst. Die Rehsener beschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Sie stiegen mit Spaten auf den Deich und buddelten ein Loch in den Schutzwall. Das Wasser rund um ihr Dorf sank, dafür aber fielen Teile des Nachbarortes Riesigk und sieben Höfe im benachbarten Schönitz den Fluten zum Opfer.

"Wenn wir das nicht getan hätten, wären Riesigk, Gohrau und das Wörlitzer Gartenreich komplett abgesoffen", sagt Klaus Scheffler, Chef der Freiwilligen Feuerwehr von Rehsen. Er leitete die Deichöffnung. Außerdem seien die Bewohner der anderen Dörfer vor der Aktion gewarnt worden. Das Technische Hilfswerk habe sogar vorher Pumpen in die Gemeinden bringen sollen, von denen klar war, dass sie durch die Deichöffnung Wasser abbekommen würden. "Aber das hat nicht geklappt, weil die Entscheidungen von oben zu spät kamen", sagt Scheffler.

Hilfe beim Wiederaufbau in Nachbardörfern

Jetzt wollen die Rehsener den Nachbardörfern beim Wiederaufbau helfen. Ob sich aber die Deichöffner in den Nachbarorten überhaupt noch blicken lassen können, scheint fraglich. Zwar beteuert Scheffler, dass die Menschen in den überfluteten Orten mittlerweile den Sinn der Deichzerstörung eingesehen hätten und "nicht mehr böse" auf die Rehsener seien.

Degenhard Bielke, Sprecher des Landrats von Anhalt-Zerbst, ist dagegen weniger zuversichtlich. "Eine seltsame Stimmung" herrsche in den Dörfern. "Einige sind stinksauer auf die Leute, die den Deich zerstört haben." Denn die Bewohner der überfluteten Orte hätten von den Rehsenern entgegen Schefflers Behauptung keine Vorwarnung erhalten, ebenso wenig wie der Landrat selbst. "Wir waren völlig überrascht", sagt Bielke. "Die erste Information bekamen wir, als die Leute schon auf dem Deich standen." Zu diesem Zeitpunkt sei es bereits zu spät gewesen: "Die Deichkrone war beschädigt, das Wasser lief über", so Bielke. "Wir mussten den Deich kontrolliert öffnen, um noch Schlimmeres zu verhindern."

Rehsener fühlen sich im Recht

Die Rehsener aber fühlen sich im Recht. Sie sind sicher, dass der Deich bei Seegrehna gesprengt wurde, um die Lutherstadt Wittenberg, die Bauhausstadt Dessau und die Landeshauptstadt Magdeburg zu retten. Bis in die Baumwipfel seien die Sandsäcke geflogen, sagen die Rehsener. Zwar dementiert Sachsen-Anhalts Innenminister Klaus Jeziorsky die Deichsprengung, aber auch örtliche Behörden haben ihre Zweifel an der Version des Ministers. Es sei nicht unverdächtig, dass es eine ganze Woche gedauert habe, ehe das Loch im Deich bei Seegrehna wieder geschlossen war.

Die Spatenstiche auf der Deichkrone könnten für die Dörfler ein Nachspiel haben: Die Staatsanwaltschaft Dessau bestätigte auf Anfrage, dass sie gegen sechs der Beteiligten wegen des Verdachts auf Beschädigung wichtiger Anlagen ermittelt. Im Fall einer Verurteilung drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Feuerwehrchef Scheffler hat es allerdings auch selbst getroffen: 300 der 800 Schweine seines kleinen Betriebes sind ertrunken, Wiesen und Äcker verseucht. Wenn in einer solchen Situation die Staatsanwaltschaft mit Ermittlungen droht, ist Trotz vielleicht das Einzige, was noch hilft. "Vor den Konsequenzen habe ich keine Angst", sagt Scheffler. "Sollen sie mich doch einsperren."



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