Der Amokläufer von Erfurt Das Rätsel um "Steini"

Noch immer können sich weder Polizei noch Mitschüler die Motive für den Amoklauf des 19-jährigen Robert Steinhäuser erklären. Für die meisten Mitschüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium war er nur ein zurückhaltender und unaufälliger junger Mann mit einem Hang zu düsterer Musik und blutrünstigen Killer-Spielen am Computer.

Von , Erfurt


Unauffälliger Schüler: Der Amokschütze Robert Steinhäuser
THÜRINGER ALLGEMEINE/AP

Unauffälliger Schüler: Der Amokschütze Robert Steinhäuser

Erfurt - Am Ende muss Robert Steinhäuser nur noch gehasst haben und dabei doch sehr konzentriert gewesen sein. Als der 19-jährige Erfurter am Freitag kurz vor 11.00 Uhr das Gutenberg-Gymnasium durch den mächtigen Vordereingang betrat, ahnte niemand etwas Böses. Nur die große Tasche, die er bei sich trug, fiel auf. Ein Schüler, der den späteren Massenmörder kurz vor der Tat beobachtete, sah, wie "er mit der Tasche dann direkt zur Toilette gegangen ist." Dort zog er sich schwarze Kleidung an und tarnte sein Gesicht mit einer schwarzen Skimaske.

Neben der Kleidung hatte Robert Steinhäuser für seine Tat noch einen selbstladenden Revolver, eine Pump-Gun und reichlich Munition für beide Waffen mitgebracht. Mit den Waffen sollte er wenige Minuten kurz darauf 16 Menschen und noch etwas später auch sich selbst töten. Doch er schoss nicht ungezielt in eine Menschenmenge. Er ging von Raum zu Raum und streckte gezielt seine ehemaligen Lehrer nieder. Dass er dabei auch zwei Schüler tödlich traf, war vermutlich ein Versehen. Der Hass des Amokläufers galt offenkundig vor allem den Lehrern der Schule.

"Steini" galt als unauffällig

Der Name des Erfurter Amokläufers war binnen weniger Stunden stadtweit bekannt. Doch bislang ist das Motiv des 19-jährigen Schülers den Eltern und Lehrern ein Rätsel. Der junge Mann, den seine Freunde nur "Steini" riefen, galt den meisten Mitschülern und Lehrern eher als "unauffällig" und "in sich gekehrt". Er fiel weder durch besonders gute Leistungen noch durch sehr auffällige Kleidung auf. Lediglich seine Liebe zu lauter, sakraler Metal-Musik, der entsprechenden schwarzen Kleidung und den Band-T-Shirts nennen seine Bekannten als besonderes Merkmal.

Jetzt sehen viele in seinen Musikvorlieben und seinem Hang zu brutalen Computerspielen, in denen er als virtueller Killer agierte, Zeichen für seine Bereitschaft zu einer Bluttat. Zuvor hatte niemand im Umfeld des Jugendlichen Anstoß an den Killer-Spielen auf seinem Rechner genommen. Eine Nachbarin, die direkt gegenüber wohnt, sagte, sie habe Robert "immer nur am Rechner gesehen." Dabei sei der 19-Jährige immer allein gewesen. Wenn sie ihn einmal auf der Straße gesehen habe, sei er ihr absolut verschlossen und still vorgekommen.

Das Elternhaus des Amokläufers entspricht keineswegs dem Klischee von einem Problemkind, das irgendwann ausrastet, weil es mit seiner Lage nicht mehr fertig wird. Jahrelang lebte "Steini" nur wenige hundert Meter von seiner Schule entfernt in einer eigenen Wohnung im ausgebauten Dachgeschoss. Ein Teil des Hauses mitten in Erfurts historischer Altstadt gehört dem Großvater Hermann, der ebenso wie die Eltern des Amokläufers dort auch selbst wohnt. Im Treppenhaus des vierstöckigen, erst kürzlich renovierten Altbaus stehen ordentlich aufgereiht Blumen auf den Fensterbrettern, vor den Türen liegen die Fußabtreter akkurat angeordnet, die Namenschilder glänzen. Im Erdgeschoss ist eine Zahnarztpraxis und der kleine Vorgarten ist liebevoll gepflegt.

Roberts Mutter arbeitet als Krankenschwester in einer Hautklinik, sein Vater ist bei Siemens angestellt. Die beiden sollen sich getrennt haben, wissen Nachbarn zu berichten, und trotzdem sagen sie auch, dass alles in Ordnung war. Wie sein älterer Bruder spielte auch Robert bis vor kurzem aktiv Handball im örtlichen Club, obwohl der Torwart in dem Verein nicht gerade als Leistungsträger bezeichnet wird. Trotzdem erkannte niemand irgendwelche Merkwürdigkeiten an dem Jugendlichen.

Die Suche nach den Antworten

Alles war in scheinbarer Ordnung - bis am Freitag gegen 18 Uhr die Polizei in der Ottostraße einrückte. Mit einem Sprengstoffkommando und reichlich Beamten stürmten die Beamten das Gebäude. Wenige Minuten vorher hatte Großvater Herrmann am Telefon einem Reporter noch gesagt, dass er sich für die Tat seines Enkels entschuldigen wolle, im Namen seiner ganzen Familie. Die Polizei durchsuchte alle Wohnungen der Familie, vernahm die Eltern und nahm sie und den Bruder des Täters gegen 23 Uhr auch mit zum Revier - nicht zuletzt, um sie vor den Reportern zu schützen, die sich vor dem Haus postiert hatten.

Die Festplatten von Roberts Computer nahmen die Beamten mit, ebenso die Bücher und CDs. Vielleicht finden sie darin eine Antwort auf die Frage nach dem "Warum".

Ein vordergründiges Motiv liegt freilich nahe: "Steini" war von der Schule verwiesen worden, nachdem er vergangenes Jahr bereits wegen schlechter Noten nicht zur Abiturprüfung zugelassen worden. Doch der Rausschmiss von der Schule hatte dieses Jahr nicht nur mit Roberts schwachen Leistungen zu tun. Nach Angaben der Polizei fälschte er mehrmals ärztliche Atteste und flog deshalb.

Für Robert Steinhäuser war damit vieles, was er sich erträumt hatte, vorbei. An ein Studium war nicht mehr zu denken, und wegen der jetzt für viele unverständlichen Bestimmungen in Thüringen hätte er nach dem abgebrochnen Abitur und dem Rauschmiss noch nicht einmal eine mittlere Reife gehabt. Einige Schüler erinnern sich auch an einen Satz, den ihr Mitschüler vor kurzer Zeit einmal gesagt haben soll: "Einmal möchte ich, dass mich alle kennen."

Damals hatte keiner der Schüler den Worten eine Bedeutung beigemessen, heute geistert er als Ankündigung der Tat durch die Boulevardpresse. Vielleicht auch, weil er einfach so gut passt und weil auch Amokläufer in den USA ihre Taten mehrfach in ähnlicher Form ankündigten. Der Ruhm ist Robert Steinhäuser nun sicher. Sein Amoklauf wird als einer der schrecklichsten Massenmorde in die Kriminalgeschichte eingehen.



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