Der Dalai Lama und die Frauen Bikinis und Bhikkhunis

Er wird in Hollywood wie jetzt in Hamburg von Schönheiten umschwärmt, er gibt zu, gelegentlich vom anderen Geschlecht zu träumen - und lebt als Mönch doch im Zölibat. Für Tibets Gottkönig sind Frauen die sanfteren Wesen: Er will sie im Buddhismus endlich mit Männern gleichgestellt sehen.

Von Erich Follath


Hamburg - Wiedergeboren zu werden als Frau? Natürlich könne er sich das vorstellen, sagt der Dalai Lama. Es gebe keinen zwingenden Grund, warum das nächste spirituelle und weltliche Oberhaupt der Tibeter nicht weiblichen Geschlechts sein könnte. Und im Zweifel würde es auch nicht schaden, wenn die Gottkönigin besonders hübsch wäre, fügt der Dalai Lama hinzu – nun doch augenzwinkernd. Sie könnte der tibetischen Sache noch mehr dringend benötigte Aufmerksamkeit verschaffen.

Der Dalai Lama mit buddhistischen Nonnen: In Sachen Gleichberechtigung hinkt der tibetische Buddhismus hinterher
DDP

Der Dalai Lama mit buddhistischen Nonnen: In Sachen Gleichberechtigung hinkt der tibetische Buddhismus hinterher

Mit schönen Frauen hat er so seine Erfahrungen, platonische Erfahrungen, versteht sich, denn der spirituelle Superstar ist als Mönch ja dem Zölibat verpflichtet: Sharon Stone und Uma Thurman himmeln ihn an, die No-Angels-Popsängerin Nadja Benaissa ebenso wie die Schauspielerin Anja Kruse gehören zu seinen deutschen Fans. Und auch beim jetzigen Hamburg-Besuch des Dalai Lama lässt sich beobachten, wie auffällig viele attraktive Damen ihn umschwirren. Frauen, sagt er, seien für ihn das sanftere Geschlecht, Weiblichkeit gilt ihm als Synonym für Güte und Mitgefühl.

Vielleicht spielt dabei die innige Beziehung zu seiner Mutter eine Rolle, der sich der Dalai Lama ein Leben lang näher fühlte als seinem jähzornigen Vater – wobei er lange darunter litt, dass seine Mama auf dem Sterbebett 1981 nicht ihn, den weltberühmten Erleuchteten, sondern ihren drittgeborenen Sohn Lobsang Samten zum "Lieblingskind" erkor. Vielleicht ist für sein Verhältnis zum anderen Geschlecht auch die herzliche Beziehung zu seinen leiblichen Schwestern wesentlich. Jedenfalls möchte der 14. Dalai Lama die Frauen innerhalb des Buddhismus aufgewertet sehen und ihnen ein größeres Gewicht verschaffen. Eine bedeutendere Rolle als vom Religionsstifter vorgesehen.

Skeptischer Buddha

Dieser Siddharta Gautama war ein ganz außergewöhnlicher Mensch, aber auch ein typisches Kind des sechsten Jahrhunderts vor Christi in Indien. Frauen galten damals längst nicht so viel wie Männer – und für seine "Sangha", die Gemeinschaft der Gläubigen, sah der historische Buddha sie eher als Bedrohung denn als Bereicherung.

Es klingt nicht gerade feministisch, was der 80-Jährige kurz vor seinem Ableben dem Lieblingsschüler Ananda als Verhaltensmaßregeln gegenüber Frauen einbläute: "Ihr sollt sie nicht ansehen, Ananda." – "Aber wenn wir ihnen begegnen, was sollen wir tun, Meister?" – "Nicht mit ihnen reden, Ananda." – "enn sie uns aber ansprechen, Herr, wie sollen wir uns dann verhalten? – Auf der Hut bleiben, Ananda."

Seine Pflegemutter drängte darauf, auch Klöster für Nonnen einzurichten. Erst nach langem Zögern stimmte der Buddha zu, seine Haltung blieb zwiespältig. Einerseits predigte er, dass Frauen die gleiche Erlösungsfähigkeit wie Männer besäßen, andererseits hielt er sie für moralisch anfälliger und damit nicht unbedingt ordenstauglich. Dementsprechend streng waren seine Aufnahmebedingungen fürs Kloster: Frauen mussten eine längere Vorbereitungsphase bis zur Ordination durchlaufen als Männer, selbst dem jüngsten Mönch gegenüber galten sie als nachrangig. Buddha sah trotz dieser Einschränkungen große Gefahren; nun, da sich das andere Geschlecht "wie Mehltau" auf das Klosterleben gelegt hätte, würde die Religionsgemeinschaft "keine 500 Jahre überleben".

Teilerfolg für die Nonnen

Da war er entschieden zu pessimistisch. In vielen buddhistisch geprägten Ländern gibt es heute Nonnen ("Bhikkhunis") und sie sind weitgehend mit denselben Rechten und Pflichten ausgestattet wie Mönche. Der besonders patriarchalisch geprägte tibetische Buddhismus hinkt in Sachen Gleichberechtigung hinterher. Deshalb wurde auch gestern Nachmittag die Ansprache des Dalai Lama auf dem Ersten Buddhistischen Frauenkongress in Hamburg mit besonderer Spannung erwartet.

Und der spirituelle Führer enttäuschte bei seiner Grundsatzrede nur diejenigen, die über Nacht eine revolutionäre Wende erhofft hatten. Im Kreis von mehreren hundert Nonnen aus aller Welt, die im Audimax der Universität ihre Tibetschwestern unterstützten, bekannte sich der Dalai Lama zur absoluten Gleichberechtigung der Frauen und forderte dringend dazu auf, den Bhikkhuni "die volle Ordination" zu ermöglichen.

Aber der Dalai Lama schränkte ein: Er könne nach dem traditionellen Ordensrecht nur seine Autorität in die Waagschale werfen, nicht eigenmächtig und alleine eine Entscheidung treffen. Er müsse von den Mönchsorden dazu autorisiert werden. So blieb es bei einem Teilerfolg für die Damen.

Nach den hitzigen Debatten spazierte Seine Heiligkeit über den Uni-Campus, vorbei an hochgeschürzten Nonnen, Studentinnen in Minis. Wie kommt der 14. Dalai Lama zurecht mit diesen Gegensätzen der Bikinis und Bhikkhunis, dieser Diskrepanz zwischen den Fast-Ordinären und der Fest-Ordinierten? "Manchmal tauchen in meinen Träumen Frauen auf, die sich mir nähern, hübsche Frauen, attraktiv wie Gemälde", gestand er einmal freimütig im Interview. Und fuhr dann lachend fort: "Aber Gefühle sind kein großes Problem, ich reagiere auf sie automatisch mit Weisheit und Erfahrung. Denn schon im Traum fällt mir dann ein, wer und was ich bin: ein Mönch, der widerstehen kann."

Tibetischer Gottkönig, Friedensnobelpreisträger, spiritueller Superstar - wer ist der Mensch hinter dem Klischee des Dalai Lama? Lesen Sie mehr zum Thema in dem eben erschienenen Buch "Das Vermächtnis des Dalai Lama" von SPIEGEL-Reporter Erich Follath.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.