Der Fall Kachelmann Abgeführt, vorgeführt?

Wurde Jörg Kachelmann nach seiner Vernehmung öffentlich zur Schau gestellt? Das Amtsgericht in Mannheim hat einen entsprechenden Vorwurf zurückgewiesen: Das Vorgehen sei mit dem Wetter-Moderator abgestimmt worden.

AP

Mannheim - Am Mittwoch äußerte sich Jörg Kachelmann vor dem Amtsgericht Mannheim zu dem Vorwurf der Vergewaltigung. Nach dem Termin beim Haftrichter musste der 51-Jährige zu einem Gefangenentransporter auf dem Hof vor dem Gerichtsgebäude gehen. Dort warteten Medienvertreter, sie filmten und fotografierten die Szene. Kachelmann rief den Journalisten zu: "Ich bin unschuldig. Das ist alles, was ich im Moment sagen kann."

Der Berliner Medienanwalt Christian Schertz nennt das Verfahren eine "Vorführung": "Mir ist kein Fall in der deutschen Pressegeschichte bekannt, wo es die Justiz ermöglicht hat, dass ein bloßer Beschuldigter vor laufenden Kameras in eine grüne Minna weggeschlossen wurde." Üblicherweise erfolgten Haftprüfungstermine auch bei prominenten Beschuldigten bewusst hinter verschlossenen Türen.

Das Amtsgericht wies den Vorwurf jedoch zurück: "Das Vorgehen wurde mit Herrn Kachelmann abgestimmt, dem auch Gelegenheit gegeben wurde, sich gegenüber der Presse zu äußern", sagte Gerichtssprecher Volker Schmelcher. Außerdem könne ein Informationsanspruch der Öffentlichkeit "nicht ohne weiteres beiseite geschoben werden". Dieser Anspruch müsse mit dem Persönlichkeitsrecht Kachelmanns abgewogen werden. "Eine solche Abwägung hat das Amtsgericht pflichtgemäß vorgenommen", so Schmelcher.

Die Anwälte des Moderators erklärten, Kachelmann habe sich vor dem Gericht auf eigenen Wunsch an die Öffentlichkeit gewandt. Allerdings sehen sie die Rechte ihres Mandanten nach seiner Verhaftung nicht ausreichend geschützt.

Noch kein Termin für Haftprüfung in Sicht

Die Berichterstattung sei "von Anfang an unzulässig" gewesen, erklärten Ralf Höcker und Reinhard Birkenstock. "Wir halten jede individualisierende, Herrn Kachelmann erkennbar machende Berichterstattung für eine Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte", heißt es in einer Mitteilung. "Zu gegebener Zeit wird man eine Diskussion darüber führen müssen, wie hier mit den Persönlichkeitsrechten eines Menschen umgegangen wurde."

Kachelmann sitzt seit vergangenen Samstag wegen des Verdachts der Vergewaltigung seiner früheren Lebensgefährtin in Untersuchungshaft. Der 51-Jährige bestreitet die Vorwürfe und will sich juristisch dagegen zur Wehr setzen.

Während die Staatsanwaltschaft auch nach der Anhörung weiterhin von einem dringenden Tatverdacht ausgeht, planen Kachelmanns Anwälte die nächsten Schritte. Sein Strafverteidiger Birkenstock hatte bei der Vernehmung auf eine Entscheidung des Haftrichters über eine Freilassung verzichtet. Bis der Anwalt einen neuen Haftprüfungstermin beantragt, bleibt der Moderator mindestens hinter Gittern. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ist ein weiterer Termin derzeit noch nicht in Sicht.

Bis Ende April soll Kachelmann bei seinen Auftritten vor der Wetterkarte nach den "Tagesthemen" von Claudia Kleinert und Sven Plöger vertreten werden. Die Präsentation der Wetterkarte vor der "Tagesschau" sei noch nicht geklärt, sagte ein ARD-Sprecher am Donnerstag. Sie werde ohnehin kurzfristiger festgelegt. Plöger und Kleinert ersetzen ihren Kollegen bereits seit Beginn der Woche.

siu/dpa



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