Der Vollzeitmann: Spieleabend in der Vorstadthölle

Das Grauen in der Vorstadt hat einen Namen: Spieleabend. Warum Maiks Frau die öden Seilers aus der Siedlung nebenan immer wieder dazu einlud, war ihm ein Rätsel. Ein furchtbarer Verdacht kam in ihm auf - war er am Ende genauso dröge wie diese Croc-beschuhten Cargopants-Träger?

Maik fand es beruhigend, dass Reihenhausen noch geschmacklosere Ecken hatte als ihre Zur Großansicht
Corbis

Maik fand es beruhigend, dass Reihenhausen noch geschmacklosere Ecken hatte als ihre

Die Seilers, die Maik nur "Pfosten" und "Pfostin" nannte, wohnten zwei Siedlungen weiter. Maik fand es beruhigend, dass Reihenhausen noch geschmacklosere Ecken hatte als ihre.

Sie waren mit den Seilers nicht befreundet, wie Ulrike immer sagte, sondern bestenfalls bekannt. Warum also waren sie dann überhaupt hier? Weil die Frauen sich einen Spieleabend ausgedacht hatten. Pfostens hatten tatsächlich ein Türschild aus Fimo und als Statussymbole vier Paare Crocs draußen stehen. Klar, bei dem Geruch.

Maik hasste Crocs. Denn sie waren praktisch, und in der Metro gab es die Plastikschlappen so gut wie geschenkt. Praktisch und billig - zwei Argumente, die fast immer für schlechten Geschmack sprachen. Crocs bei Kindern konnte man gerade noch gelten lassen. Crocs bei Ehefrauen waren ein sicheres Zeichen, dass Sex nicht mehr praktiziert wurde. Und Crocs bei Männern signalisierten, dass nicht mal mehr Interesse an Sex bestand.

Alles war vercroct und verwolft, die totale Unisex-Diktatur

Die Pfosten hießen eigentlich Jörg und Sabine und sahen aus wie aus dem Globetrotter-Katalog. Interessanterweise war Outdoor-Kleidung Pflicht in Reihenhausen. Die Männer pendelten zwischen Büro und Eigenheim, und ihr einziges Abenteuer bestand darin, Abenteuerklamotten zu abenteuerlichen Preisen in einem Abenteuer-Geschäft zu kaufen, in dem Baumscheiben und Steinhaufen herumlagen und die Mitarbeiter so aussahen, wie Rüdiger Nehberg roch.

Der Abdruck einer Wolfspfote besaß die gespenstische Kraft, hässliche Plastikjacken in gefühltes Abenteuer zu verwandeln - eine brillante Gehirnwäsche. Weil Gleichberechtigung herrschte, verlangten die Frauen natürlich auch Bergschuhe, vierlagige Goretex-Jacken und Cargo-Hosen zur praktischen Kurzhaarfrisur. Damit war die Geschlechterfrage nicht entschieden, sondern wurde endlich wieder gestellt: Denn plötzlich gab es Geschlechter nicht mehr. Alles war vercroct und verwolft, die totale Unisex-Diktatur.

Insgeheim hatte Maik Angst, genau so zu werden. Umso schärfer musste er sich abgrenzen, am besten durch Schweigen. Ihm fiel sowieso nichts ein. Denn die Pfosten hatten die Eigenart, sich nur in Sprüchen zu unterhalten.

"Na, wie geht's?" - "Muss ja. Und selbst?"

Die Begrüßung ging zum Beispiel so: Klingeln. Tür öffnet sich. Pfostin sagt mit ausgebreiteten Armen: "Je später der Abend ..." Von hinten tönt Pfosten: " ... desto durstiger die Gäste." Maik sagte: "Guten Abend." Der Pfosten sagte: "Immer hereinspaziert in die gute Stube." Maik fragte: "Na, wie geht's?" Der Pfosten antwortete: "Muss ja. Und selbst?"

Der Pfosten und die Pfostin kommunizierten offenbar nur mit dem Austausch von jahrzehntelang bewährten Textbausteinen. Diese Beziehung war extrem verlässlich. Sie taten, sagten, dachten jeden Tag das Gleiche, ohne dass es wehtat. Hirntod und Ehe haben viel gemeinsam, dachte Maik.

Er musste mit in den Keller kommen, wo der Pfosten ihm eine Art Mini-Kraftwerk zeigte, mit Super-Ökobilanz, monstereffektiv, total modern, optimal gefördert vom Staat. Wahrscheinlich war die Maschine von der Metro, so praktisch und preisgünstig, wie sie war. Und die Pfosten-Kinder gaben damit in der Schule an: "Wir tun ja was fürs Klima mit unserem eigenen Kraftwerk" - andächtiges Staunen bei Lehrer und Mitschülern.

Maik tat auch was fürs Klima, er pflanzte Grünzeug. Mit seinem dicken Geländewagen machte er allerdings die ganze Bilanz wieder kaputt. Aber es war ihm völlig egal.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Spieleabend in der Vorstadthölle
mercedes72, 22.10.2009
Zitat von sysopHausmann Martin steht vor einer echten Herausforderung. Auf Geheiß seiner Lebensgefährtin wurde deren Chef zum Essen eingeladen. Haben die beiden etwa was miteinander? Der Typ ist ein Unsymphat und Schwadroneur - schon der Auftakt des Abends verheißt nichts Gutes. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,656729,00.html
Grins grins, schon wieder so ein herrlicher Artikel. Werde langsam echt süchtig nach den Ergüssen der armen gebeutelten Männer, die sich am liebsten laut schreiend vom Acker machen würden, es sich aber nicht trauen und von daher zu Hause bei ihren praktisch veranlagten Kindsmüttern bleiben... welch ein Graus... warum erscheint eigentlich kein Artikel, der die Sicht einer in solch einer kalten Hölle lebenden Frau darstellt? Findet sich keine?
2. Hölle
Coz, 22.10.2009
Sehr fein. Pfosten und Pfostin. Unsymphat und Schwadroneur. Unterhaltung nur mit Sprüchen. Trekking-Klamotten. Damit hat er den überwiegenden Teil der Eheleute in diesem Land beschrieben. Im Rheinland sogar alle.
3. jaja
strangequark 22.10.2009
Zitat von mercedes72Grins grins, schon wieder so ein herrlicher Artikel. Werde langsam echt süchtig nach den Ergüssen der armen gebeutelten Männer, die sich am liebsten laut schreiend vom Acker machen würden, es sich aber nicht trauen und von daher zu Hause bei ihren praktisch veranlagten Kindsmüttern bleiben... welch ein Graus... warum erscheint eigentlich kein Artikel, der die Sicht einer in solch einer kalten Hölle lebenden Frau darstellt? Findet sich keine?
Warum müsst Ihr Frauen eigentlich immer gleich auf eingeschnappt machen, wenn Ihr mal nicht im Mittelpunkt steht? :)
4. Suchen Sie es sich aus
Michael Giertz, 22.10.2009
Zitat von mercedes72Grins grins, schon wieder so ein herrlicher Artikel. Werde langsam echt süchtig nach den Ergüssen der armen gebeutelten Männer, die sich am liebsten laut schreiend vom Acker machen würden, es sich aber nicht trauen und von daher zu Hause bei ihren praktisch veranlagten Kindsmüttern bleiben... welch ein Graus... warum erscheint eigentlich kein Artikel, der die Sicht einer in solch einer kalten Hölle lebenden Frau darstellt? Findet sich keine?
Hmmm, ganz fies gedacht: "Die können nicht schreiben." Weniger fies gedacht: "Vielleicht ist's als Hausfrau einfacher und frau beklagt sich nicht?" Neutral gedacht: "Weil's zum guten Ton gehört, Männer ihre Männlichkeit zu berauben und zu Jammerlappen zu degradieren. Positiv gedacht: "Vielleicht soll damit auf irgendwelche Probleme in der Gesellschaft hingewiesen werden, welche besonders Männer berühren?" Suchen Sie's sich's aus. ;)
5. Vollzeit - was ?
marypastor 22.10.2009
Zitat von sysopHausmann Martin steht vor einer echten Herausforderung. Auf Geheiß seiner Lebensgefährtin wurde deren Chef zum Essen eingeladen. Haben die beiden etwa was miteinander? Der Typ ist ein Unsymphat und Schwadroneur - schon der Auftakt des Abends verheißt nichts Gutes. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,656729,00.html
Was soll der Bloedsinn eigentlich ?
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