Designer Mohr auf der Fashion Week: Behindert, Transgender, Model

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Designer Patrick Mohr: Provokation, die keine sein soll Fotos
Tobias Kruse/ Ostkreuz

Der Designer Patrick Mohr ließ schon Obdachlose, Bodybuilder und Halbtote auf den Laufsteg. Diesmal steckte er Rollstuhlfahrer und Disco-Türsteher in seine neuen Entwürfe - und vermittelte in einem abgewrackten Haus eine klare Botschaft.

Bobby wird begafft, er will das so. Er steht auf einem Podest, anderthalb Stunden lang laufen Menschen um ihn herum, kommen ganz nah heran, halten ihm Kameras ins Gesicht. Bobby Brederlow, 52, hat das Down-Syndrom. Und spielt heute Abend Model für den Designer Patrick Mohr.

Auf dem Podest neben Brederlow steht Balian Buschbaum, der mal Yvonne hieß und als solche eine der besten Stabhochspringerinnen des Landes war. 2008 kam die Geschlechts-OP, inzwischen schreibt Buschbaum Bücher und gibt Seminare, in denen er erklärt, wie man beruflich und privat erfolgreich wird. Neulich war er bei "Let's Dance" zu sehen; bei Mohrs Schau am Mittwochabend in Berlin lässt auch er sich ausstellen.

Auf den weiteren Podesten: eine Bodybuilderin, der Berghain-Türsteher Rummelsnuff, Models, Schwarze, Weiße, Rollstuhlfahrerinnen.

Obdachlose, Muskelpakete, Untote

Patrick Mohr, 32, ist als schräger Vogel unter den Designern bekannt. Er hatte eine Schreinerlehre und drei Jahre als Model hinter sich, als er 2008 sein eigenes Label gründete. Seine Entwürfe sind mehr Kunst als Kleidung, er selbst ist sehr hager, sehr tätowiert, sehr eigen. In den vergangenen Jahren hat Mohr schon Obdachlose im Gammellook über den Laufsteg geschickt, sonnenverbrannte Muskelpakete und im Januar dieses Jahres glatzköpfige Untote.

Doch das Wort Provokation mag Mohr nicht. "Die Personen, die meine Kleider präsentieren, sind krass", sagt er. Aber dann müssten die Kleider eben noch krasser sein. Müssten noch lauter schreien.

Seine aktuelle Kollektion heißt "Human", sie besteht aus 26 Teilen, die Kleider kosten zwischen 600 und 1000 Euro, zum ersten Mal ist auch Unterwäsche dabei. "Human" soll eine Geschichte erzählen, sagt Mohr. Und die geht so: Alle Menschen sind gleich, egal ob makellos schön oder mit Handicap. Jeder soll gleich wahrgenommen, niemand ausgegrenzt werden. Mohr weiß, wovon er spricht.

In der Schule war er nicht Patrick, der Mensch. Sondern "die Schwuchtel". Der Außenseiter. Der Sonderling. Das beeinflusst ihn bis heute. Umso größer ist sein Wunsch nach einer Welt, in der tatsächlich alle gleich sind, in der niemand am Rand steht, weil es keine Mitte und kein Außen gibt.

Runtergekommen in Mitte

Zu seiner Präsentation hat Mohr dann auch nicht ins große Fashion-Zelt geladen, sondern sich für ein abgewracktes Haus in Mitte entschieden: 2200 Quadratmeter, nackter Betonfußboden, undichte Decken, abgeblätterter Putz. Es gibt keine Sitzplätze, also auch keine erste Reihe. Keine Klassenunterschiede.

Das Publikum trägt Chucks und Jutebeutel, wandert zwischen den Modellen umher, sitzt auf dem Boden oder auf leeren Bierkisten. Es wird geraucht, es wird getrunken. Wer reden will, muss schreien, so laut dröhnt die Musik.

Dass hier Behinderte neben Profimodels arbeiten, erinnert auf den ersten Blick an ein Skurrilitätenkabinett. An Zeiten, in denen Menschen Geld bezahlten, um einen Blick auf Kleinwüchsige oder Behaarte werfen zu dürfen.

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Man muss mit dem Designer und den Betroffenen reden, um die Idee dahinter zu begreifen. "Es geht nicht um das Zurschaustellen", sagt Buschbaum. Gerade in der oberflächlichen Modewelt sei es wichtig, dass auch mal eine Nachricht vermittelt werde. Außerdem sei niemand gezwungen worden, mit Mohr zusammenzuarbeiten.

"Bobby findet Halligalli toll"

Für Bobby Brederlow ist all die Aufmerksamkeit ohnehin nichts Neues. Er arbeitet als Schauspieler, war im "Tatort" und bei Rosamunde Pilcher zu sehen, kommende Woche fängt er mit den Dreharbeiten für "Die Rosenheim-Cops" an. Er lebt in München bei seinem Bruder und dessen Ehemann, die beiden sind mit Bobby nach Berlin gereist - und haben ihn den ganzen Abend im Blick.

"Bobby findet Halligalli toll", sagt Gerd Brederlow, 59. Immer wieder streicht er seinem Bruder an diesem Abend über die Wange, über die Schulter, fragt, ob alles in Ordnung sei. Er hätte Mohr nie zugesagt, wenn sein Bruder das nicht von sich aus hätte machen wollen. "Ich würde ihn nie bloßstellen", sagt er.

Währenddessen genießt Bobby die vielen Blicke, er grinst in die Kameras und gluckst vor Freude. Designer Mohr sagt, er könne Brederlow geben, was dieser brauche: das Bewusstsein, als normaler Mensch wahrgenommen zu werden. Und wie jeder normale Mensch brauche auch Brederlow Aufmerksamkeit. "Er wird heute Abend der glücklichste Mensch sein", sagt Mohr.

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1. optional
01099 04.07.2013
Der Modemensch hat nur eine Botschaft: "Ich will berühmt werden und viel Geld verdienen!". Wie schon Cocteau sagte: "Mode ist heiliggesprochene Dummheit". Wann steigen die Menschen endlich hinter die Wahrheit? Um "Menschlichkeit" geht es in der Mode eigentlich nie, nur um das Geschäft und die Aufmerksamkeit. Und dafür ist jedes Mittel recht. Selbst das gesellschaftliche Panoptikum wird dafür eingespannt. Wir haben uns in Jahrtausenden nicht weiterentwickelt. Immer noch ist alles Zirkus.
2. .
andersdenkende 04.07.2013
Mir fehlt da ein bißchen die Mode. Gut, es soll ja eh eher Kunst, als Mode sein, aber ist dann das, was ich da für 600 bis 1.000 Euro pro Teil kaufe, ein Kunstwerk oder was zum anziehen? Ich halte von diesem ganzen Mode-Zirkus überhaupt nichts. Die Vorgaben der Designer werden immer krasser, immer menschen- verachtender (beliebt sind momentan blutjunge Mädchen ohne Busen und Hüfte), die Kreationen sind häufig einfach nur noch lachhaft. Natürlich will ein Label provozieren, um aufzufallen. Aber geht das nur noch über durchsichtige Plastikanzüge auf nackter Haut oder weibliche Models mit Bart? Als ich gestern eine Photostrecke über die Fashion Week sah, war Lena Hoscheks Präsentation das einzige, dem ich überhaupt etwas abgewinnen konnte. Obwohl die Models auch da teilweise sehr ungesund aussahen. Insgesamt bin ich froh, dass ich mit Fashion, Trends und Mode nie etwas am Hut hatte, sondern immer meinem eigenen Stil- empfinden gefolgt bin.
3. na ja
lizard_of_oz 04.07.2013
Zitat von sysopTobias Kruse/ OstkreuzDer Designer Patrick Mohr ließ schon Obdachlose, Bodybuilder und Halbtote auf den Laufsteg. Diesmal steckte er Rollstuhlfahrer und Disco-Türsteher in seine neuen Entwürfe - und vermittelte in einem abgewrackten Haus eine klare Botschaft. http://www.spiegel.de/panorama/designer-patrick-mohr-auf-der-berliner-fashion-week-a-909335.html
War auf seiner Seite und gemessen an der extravaganten Form der Präsentation sehen seine Klamotten ziemlich konventionell aus. 50 Tacken für ein ganz normal geschnittenes T-Shirt sind zudem recht stattlich, vor allem da ich es auf höchstens 20 geschätzt hätte. Musste jedem erzählen, was das gekostet hat, sonst halten die anderen den Käufer noch für einen Geiz is Geil-Kunden. Mag sein, dass ich mich damit als Modebanause oute, aber ich kann bei den Shirts und Buchsen keinen großen Unterschied zur Kollektion von Kick oder Woolworth erkennen. Vielleicht bei den Unisex-Sachen, denen ist eh alles egal wie mir scheint.
4.
andersdenkende 04.07.2013
Zitat von lizard_of_ozWar auf seiner Seite und gemessen an der extravaganten Form der Präsentation sehen seine Klamotten ziemlich konventionell aus. 50 Tacken für ein ganz normal geschnittenes T-Shirt sind zudem recht stattlich, vor allem da ich es auf höchstens 20 geschätzt hätte. Musste jedem erzählen, was das gekostet hat, sonst halten die anderen den Käufer noch für einen Geiz is Geil-Kunden. Mag sein, dass ich mich damit als Modebanause oute, aber ich kann bei den Shirts und Buchsen keinen großen Unterschied zur Kollektion von Kick oder Woolworth erkennen. Vielleicht bei den Unisex-Sachen, denen ist eh alles egal wie mir scheint.
Ich dachte mir, ich schau mir die Seite auch mal an. Da sehe ich zum Beispiel ein weißes Damen-Shirt, oversize mit komischen Nähten für 70,- (!!!) Euro. Einfache schwarze T-Shirts für Herren mit irgendeinem Belanglos-Aufdruck für 49,- Euro. Nicht mal ein großes, auffälliges Label, mit dem man vor Freunden und Bekannten wenigstens noch rechtfertigen könnte, warum man für das Teil so viel hingeblättert hat. Soviel zum Thema "Meschlich- keit". Der Mann viel Kohle verdienen. Mehr nicht. So, ich geh dann mal zum örtlichen Printshop, T-Shirts bedrucken. Scheint ja eine Goldgrube zu sein.
5. Schräger Stuff, isn't it?
ColonelCurt 04.07.2013
Das letzte Mal habe ich mich bei einem Artikel samt Fotos so gegruselt bei dem Beitrag in der SPEX über Genesis P.Orridge-Breyer (ca. November-Ausgabe 2009)
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    Anna-Lena Roth ist für SPIEGEL ONLINE auf der Fashion Week in Berlin unterwegs. Abseits der Catwalks sucht sie modebegeisterte Menschen mit ausgefallenen Outfits. Hier erklären sie ihren Style: fünf Fragen, fünf Antworten.
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