Lawinenunglück in Pakistan: Deutsche Experten helfen beim Bergen der Leichen

Von ,  Islamabad

Seit Tagen sind 135 Menschen auf dem höchsten Schlachtfeld der Erde unter einer dicken Eisdecke begraben. Die pakistanische Armee hat die Hoffnung aufgegeben, noch Lebende zu finden. Jetzt sollen auch deutsche Experten helfen, die Leichen zu bergen. Es ist eine gefährliche Mission.

Pakistan: Leichensuche nach Lawinenunglück Fotos
ISPR/ Pakistan Army

Das Eis ist grau und hart, Hunderte Soldaten in weißen Schneeanzügen laufen herum und bearbeiten den Boden mit Schaufeln und Spitzhacken. An manchen Stellen stehen Bagger und schieben mannshohe Eisblöcke zur Seite. "Wir glauben nicht, dass wir hier noch jemanden lebend finden", sagt ein Soldat am Telefon, der vor Ort bei den Rettungsarbeiten dabei ist. "Jetzt geht es nur noch darum, den Toten die Ehre zu erweisen, sie zu bergen und ihren Familien zu übergeben."

Die pakistanische Armee bestätigte am Dienstag, dass auch sechs deutsche Experten in der Hauptstadt Islamabad eingetroffen seien, um bei den Arbeiten zu helfen. "Derzeit ist das Wetter am Gletscher schlecht, so dass wir sie nicht zum Ort der Katastrophe fliegen können", sagte ein Offizier im Armeehauptquartier in Rawalpindi. Schneestürme behinderten die Sicht. Die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) sollten nun auf dem Landweg noch am Dienstag zum Einsatzort aufbrechen, ebenso drei Lawinenexperten aus der Schweiz. Wegen der mindestens 20-stündigen Fahrt über holprige Bergstraßen dürften sie aber erst am Mittwoch am Ziel sein.

Am Samstagmorgen war am Gletscher Siachen im Nordosten Pakistans eine Lawine auf ein Soldatencamp niedergegangen und hatte 124 Soldaten und elf zivile Mitarbeiter der Armee unter sich begraben. Der Unglücksort liegt auf knapp 5000 Metern Höhe. Pakistanische Soldaten sprachen von "einer der größten Lawinen", die sie je erlebt hätten. Als erstes hatte am Wochenende das US-Militär ein achtköpfiges Spezialistenteam aus dem benachbarten Afghanistan geschickt.

Laut THW wurden die sechs deutschen Experten mit Ortungsgeräten auf Bitte der pakistanischen Behörden in das Katastrophengebiet geschickt. Demnach habe es eine entsprechende Anfrage aus Islamabad an die Bundesregierung gegeben. "Wir hoffen, dass es mit Hilfe der deutschen Rettungskräfte gelingen wird, Überlebende in der schwer zugänglichen Bergregion zu retten und die Toten zu bergen", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin.

"Erdrückt worden, erstickt oder erfroren"

Laut pakistanischer Armee sind inzwischen 452 Menschen an den Arbeiten in Gayari, an der nördlichen Spitze der von Indien und Pakistan beanspruchten Provinz Kaschmir, beteiligt. Neben den Baggern und Räumfahrzeugen seien mehrere Hubschrauber im Einsatz. Soldaten mit Spürhunden versuchten, die von Geröll, Gestein und Schnee- und Eismassen Begrabenen zu finden. Armeechef General Ashfaq Pervez Kayani beaufsichtige die Arbeiten persönlich, teilte das Militär mit.

Ein pakistanischer Offizier im Armeehauptquartier in Rawalpindi sagte, man werde weiter nach den Vermissten suchen. "Aber wir müssen uns wohl eingestehen, dass niemand diese Katastrophe überlebt hat." Laut Militärangaben sei die Eis-Geröll-Schicht, die die Lawine hinterlassen hat,"zwischen 20 und 30 Meter" dick. Die Menschen, die sie begraben habe, seien "mit aller Wahrscheinlichkeit erdrückt worden, erstickt oder erfroren". Einzig die minimale Chance, dass einige sich in Hohlräumen aufhielten und dadurch überlebt hätten, gebe es noch.

Ein anderer Offizier erklärte, Ziel sei es jetzt, die Toten so schnell wie möglich zu bergen und den Angehörigen zu übergeben. "Im ganzen Land warten Familien auf die traurige Gewissheit, und die müssen wir ihnen geben, damit sie ihre Trauer bewältigen können." Wichtig sei, "die physikalische Unversehrtheit der Leichen sicherzustellen", erklärte er. "Das könnte bei den Arbeiten mit Baggern und Bulldozern schwierig werden."

Katastrophe als Chance?

Um den Siachen-Gletscher führen Indien und Pakistan seit 1984 gewaltsame Auseinandersetzungen. Indische Soldaten besetzten damals den 78 Kilometer langen Gletscher und lösten damit in Pakistan die Sorge aus, dass Neu-Delhi die Region künftig dauerhaft besetzt halten werde. Daraufhin schickte Islamabad ebenfalls Truppen. Fortan kam es immer wieder zu Kämpfen, die Region gilt als das höchste Schlachtfeld der Welt. Seit 2003 herrscht Waffenstillstand, trotzdem sind Schätzungen zufolge etwa 3000 indische und 2000 pakistanische Soldaten am Gletscher stationiert.

Höhenkrankheit und Erfrierungen sind ein großes Problem für die Soldaten. Zwar geben beide Seiten keine Zahlen bekannt, es gilt aber als gesichert, dass weitaus mehr Soldaten in Folge der eisigen Bedingungen sterben als durch die Kämpfe. Vor fünf Jahren forderte der damalige Luftwaffenchef Indiens, beide Länder sollten den "absurden Konflikt" einstellen. Indien, sagte er damals in einer Aufsehen erregenden Erklärung, erleide "80 Prozent seiner Todesfälle durch die Wetterbedingungen".

Militärkritiker in Pakistan und Indien fordern seit langem, beide Länder sollten ihre Truppen aus der Region abziehen. Zudem beklagen Naturschützer einen immensen Schaden für die Region durch die Stationierung von Tausenden Soldaten. Vor allem die Wasserverschmutzung macht ihnen Sorgen.

Die Katastrophe könnte sich als Chance herausstellen: Indiens Premierminister Manmohan Singh bot Pakistans Präsident Asif Ali Zardari bei dessen Besuch in Neu-Delhi indische Hilfe bei den Bergungsarbeiten an.

Pakistan und das heutige Indien waren aus der Teilung des indischen Subkontinents nach der Unabhängigkeit von der britischen Besatzung im Jahr 1947 hervorgegangen. Seither haben beide Länder vier Kriege gegeneinander geführt. Die Provinz Kaschmir ist ebenfalls geteilt, beide Staaten beanspruchen jedoch die gesamte Provinz für sich. Der Streit um den Siachen-Gletscher ist Teil des Problems.

Das US-Außenministerium teilte mit, Washington sei "bereit, Pakistan und Indien bei der Lösung des Siachen-Konflikts" zu helfen. In erster Linie handele es sich aber um eine Angelegenheit, die beide Staaten im Dialog klären müssten. Auch die Bundesregierung hoffe auf eine politische Lösung, erklärte der Sprecher des Auswärtigen Amtes.

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1. Lawinenunglück
socialfuzzi 10.04.2012
Warum, muss das THW der Atommacht Pakistan dabei helfen, ihre verunglückten Soldaten aus dem Schnee zu buddeln? Womöglich mit Steuergeldern? Nuklearwaffen kann man bauen, aber die Leute selber retten, dass geht nicht?! Sehr schwache Leistung.
2. Hilfe in der Not
DianaSimon 10.04.2012
Zitat von socialfuzziWarum, muss das THW der Atommacht Pakistan dabei helfen, ihre verunglückten Soldaten aus dem Schnee zu buddeln? Womöglich mit Steuergeldern? Nuklearwaffen kann man bauen, aber die Leute selber retten, dass geht nicht?! Sehr schwache Leistung.
Mir ist es Millionen mal lieber, das THW hilft im Ausland Tote zu bergen, als daß die Bundeswehr in Afghanistan dazu mißbraucht wird, Menschen zu töten (und nebenbei werden noch Korruption und Drogenhandel gefördert). Wenn wir das Geld, das der Afghanistan-Einsatz gekostet hat, dem THW für Nothilfe in aller Welt gezahlt hätten, dann hätte Deutschland einen phänomenalen Ruf in der Welt. Und unsere jungen Leute würden nicht in sinnlosen Bush-Kriegen verbluten.
3. Also bitte
Kirk70 10.04.2012
Zitat von DianaSimonMir ist es Millionen mal lieber, das THW hilft im Ausland Tote zu bergen, als daß die Bundeswehr in Afghanistan dazu mißbraucht wird, Menschen zu töten (und nebenbei werden noch Korruption und Drogenhandel gefördert). Wenn wir das Geld, das der Afghanistan-Einsatz gekostet hat, dem THW für Nothilfe in aller Welt gezahlt hätten, dann hätte Deutschland einen phänomenalen Ruf in der Welt. Und unsere jungen Leute würden nicht in sinnlosen Bush-Kriegen verbluten.
Was hatten wir dann in New Orleans zu suchen, wo die Amis - was weiß ich wie viel - Phantastilliarden pro Jahr ins Militär steckt? Wir und andere Länder haben Spezialisten für solche Suchaktionen.
4. Mißverständnis?
DianaSimon 10.04.2012
Zitat von Kirk70Was hatten wir dann in New Orleans zu suchen, wo die Amis - was weiß ich wie viel - Phantastilliarden pro Jahr ins Militär steckt? Wir und andere Länder haben Spezialisten für solche Suchaktionen.
Meine Argumentation ist folgende: Wir geben Unsummen für den Krieg in Afghanistan aus, der uns nichts bringt. Wäre dieses Geld nicht für den Krieg ausgegeben worden, sondern für Nothilfe in aller Welt, so hätte das das Ansehen Deutschlands in der Welt sehr gefördert und uns viele Türen geöffnet. Falls Sie die Überschwemmungskatastrophe in New Orleans meinen, dann zeigt doch gerade dieses Beispiel, daß ein hochgerüsteter Staat durchaus bei ziviler Katastrophenhilfe teilweise versagen kann. Und zudem machen unsere Hilfskräfte bei jedem Einsatz im Ausland Erfahrungen, die auch uns zugute kommen können. Im übrigen waren wir bei der Hamburger Flutkatastrophe für die Hilfe unserer Nachbarn sehr dankbar. Meine persönliche Lebenserfahrung ist folgende: ich versuche immer zu helfen, wenn ich kann und gebraucht werde. Ich habe aber auch immer im Leben Hilfe von anderen Menschen erfahren, wenn ich sie brauchte. Ich hoffe, Ihre Erfahrung ist keine andere.
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Fläche: 796.000 km²

Bevölkerung: 184,753 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Islamabad

Staatsoberhaupt:
Mamnoon Hussain

Regierungschef: Nawaz Sharif

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