Von Hasnain Kazim, Islamabad
Das Eis ist grau und hart, Hunderte Soldaten in weißen Schneeanzügen laufen herum und bearbeiten den Boden mit Schaufeln und Spitzhacken. An manchen Stellen stehen Bagger und schieben mannshohe Eisblöcke zur Seite. "Wir glauben nicht, dass wir hier noch jemanden lebend finden", sagt ein Soldat am Telefon, der vor Ort bei den Rettungsarbeiten dabei ist. "Jetzt geht es nur noch darum, den Toten die Ehre zu erweisen, sie zu bergen und ihren Familien zu übergeben."
Die pakistanische Armee bestätigte am Dienstag, dass auch sechs deutsche Experten in der Hauptstadt Islamabad eingetroffen seien, um bei den Arbeiten zu helfen. "Derzeit ist das Wetter am Gletscher schlecht, so dass wir sie nicht zum Ort der Katastrophe fliegen können", sagte ein Offizier im Armeehauptquartier in Rawalpindi. Schneestürme behinderten die Sicht. Die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) sollten nun auf dem Landweg noch am Dienstag zum Einsatzort aufbrechen, ebenso drei Lawinenexperten aus der Schweiz. Wegen der mindestens 20-stündigen Fahrt über holprige Bergstraßen dürften sie aber erst am Mittwoch am Ziel sein.
Am Samstagmorgen war am Gletscher Siachen im Nordosten Pakistans eine Lawine auf ein Soldatencamp niedergegangen und hatte 124 Soldaten und elf zivile Mitarbeiter der Armee unter sich begraben. Der Unglücksort liegt auf knapp 5000 Metern Höhe. Pakistanische Soldaten sprachen von "einer der größten Lawinen", die sie je erlebt hätten. Als erstes hatte am Wochenende das US-Militär ein achtköpfiges Spezialistenteam aus dem benachbarten Afghanistan geschickt.
Laut THW wurden die sechs deutschen Experten mit Ortungsgeräten auf Bitte der pakistanischen Behörden in das Katastrophengebiet geschickt. Demnach habe es eine entsprechende Anfrage aus Islamabad an die Bundesregierung gegeben. "Wir hoffen, dass es mit Hilfe der deutschen Rettungskräfte gelingen wird, Überlebende in der schwer zugänglichen Bergregion zu retten und die Toten zu bergen", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin.
"Erdrückt worden, erstickt oder erfroren"
Laut pakistanischer Armee sind inzwischen 452 Menschen an den Arbeiten in Gayari, an der nördlichen Spitze der von Indien und Pakistan beanspruchten Provinz Kaschmir, beteiligt. Neben den Baggern und Räumfahrzeugen seien mehrere Hubschrauber im Einsatz. Soldaten mit Spürhunden versuchten, die von Geröll, Gestein und Schnee- und Eismassen Begrabenen zu finden. Armeechef General Ashfaq Pervez Kayani beaufsichtige die Arbeiten persönlich, teilte das Militär mit.
Ein pakistanischer Offizier im Armeehauptquartier in Rawalpindi sagte, man werde weiter nach den Vermissten suchen. "Aber wir müssen uns wohl eingestehen, dass niemand diese Katastrophe überlebt hat." Laut Militärangaben sei die Eis-Geröll-Schicht, die die Lawine hinterlassen hat,"zwischen 20 und 30 Meter" dick. Die Menschen, die sie begraben habe, seien "mit aller Wahrscheinlichkeit erdrückt worden, erstickt oder erfroren". Einzig die minimale Chance, dass einige sich in Hohlräumen aufhielten und dadurch überlebt hätten, gebe es noch.
Ein anderer Offizier erklärte, Ziel sei es jetzt, die Toten so schnell wie möglich zu bergen und den Angehörigen zu übergeben. "Im ganzen Land warten Familien auf die traurige Gewissheit, und die müssen wir ihnen geben, damit sie ihre Trauer bewältigen können." Wichtig sei, "die physikalische Unversehrtheit der Leichen sicherzustellen", erklärte er. "Das könnte bei den Arbeiten mit Baggern und Bulldozern schwierig werden."
Katastrophe als Chance?
Um den Siachen-Gletscher führen Indien und Pakistan seit 1984 gewaltsame Auseinandersetzungen. Indische Soldaten besetzten damals den 78 Kilometer langen Gletscher und lösten damit in Pakistan die Sorge aus, dass Neu-Delhi die Region künftig dauerhaft besetzt halten werde. Daraufhin schickte Islamabad ebenfalls Truppen. Fortan kam es immer wieder zu Kämpfen, die Region gilt als das höchste Schlachtfeld der Welt. Seit 2003 herrscht Waffenstillstand, trotzdem sind Schätzungen zufolge etwa 3000 indische und 2000 pakistanische Soldaten am Gletscher stationiert.
Höhenkrankheit und Erfrierungen sind ein großes Problem für die Soldaten. Zwar geben beide Seiten keine Zahlen bekannt, es gilt aber als gesichert, dass weitaus mehr Soldaten in Folge der eisigen Bedingungen sterben als durch die Kämpfe. Vor fünf Jahren forderte der damalige Luftwaffenchef Indiens, beide Länder sollten den "absurden Konflikt" einstellen. Indien, sagte er damals in einer Aufsehen erregenden Erklärung, erleide "80 Prozent seiner Todesfälle durch die Wetterbedingungen".
Militärkritiker in Pakistan und Indien fordern seit langem, beide Länder sollten ihre Truppen aus der Region abziehen. Zudem beklagen Naturschützer einen immensen Schaden für die Region durch die Stationierung von Tausenden Soldaten. Vor allem die Wasserverschmutzung macht ihnen Sorgen.
Die Katastrophe könnte sich als Chance herausstellen: Indiens Premierminister Manmohan Singh bot Pakistans Präsident Asif Ali Zardari bei dessen Besuch in Neu-Delhi indische Hilfe bei den Bergungsarbeiten an.
Pakistan und das heutige Indien waren aus der Teilung des indischen Subkontinents nach der Unabhängigkeit von der britischen Besatzung im Jahr 1947 hervorgegangen. Seither haben beide Länder vier Kriege gegeneinander geführt. Die Provinz Kaschmir ist ebenfalls geteilt, beide Staaten beanspruchen jedoch die gesamte Provinz für sich. Der Streit um den Siachen-Gletscher ist Teil des Problems.
Das US-Außenministerium teilte mit, Washington sei "bereit, Pakistan und Indien bei der Lösung des Siachen-Konflikts" zu helfen. In erster Linie handele es sich aber um eine Angelegenheit, die beide Staaten im Dialog klären müssten. Auch die Bundesregierung hoffe auf eine politische Lösung, erklärte der Sprecher des Auswärtigen Amtes.
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