Deutsche Schuld Papst-Rede sorgt für Irritation

Ein deutscher Papst in Auschwitz - eine heikle Mission. Die Worte, die Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Konzentrationslager wählte, finden nicht nur Beifall. Vor allem die Aussage eine "Schar von Verbrechern" habe das deutsche Volk "missbraucht", stößt mancherorts auf Unbehagen.


Paris/Madrid/Warschau - Zeitungen und Fernsehsender in Frankreich, Spanien und Polen sowie Vertreter der italienischen Juden monierten die Passage in der Rede des deutschen Papstes, sein eigenes Volk sei damals von einer "Schar von Verbrechern ... missbraucht" worden. "Benedikt XVI. befreit das deutsche Volk von seiner Verantwortung für die Nazi-Verbrechen", titelte die spanische Zeitung "El Mundo".

Benedikt an der Todesmauer in Auschwitz: "Instrument des Zerstörens"
REUTERS

Benedikt an der Todesmauer in Auschwitz: "Instrument des Zerstörens"

Der Papst hatte laut dem vom Vatikan veröffentlichten Wortlaut gestern unter anderem gesagt:

"Ich musste kommen. Es war und ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen - als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte." ( SPIEGEL ONLINE berichtete.)

Benedikt XVI. habe den Deutschen "eine Art Absolution von ihrer kollektiven Verantwortung für die Nazi-Verbrechen" erteilt, schrieb die liberale "El Mundo". Die Passage werde sicherlich vor allem in Deutschland für Streit sorgen. Auch das christdemokratische katalanische Blatt "La Vanguardia" sah die Papst-Worte als Auslöser eines Streits. In "El País" hieß es: "Ratzinger, der zum Ende des Krieges in der deutschen Armee gedient hat, hat Worte des Verständnisses für seine Landsleute gehabt." Deren einzige Schuld sei demnach gewesen, "die nationalsozialistische Partei an die Macht gelangen zu lassen".

Die Worte des Papstes lösten "ein gewisses Unwohlsein" aus, da sie Deutschland zu rehabilitieren schienen, kommentierte die linke Pariser "Libération". Das katholische Pariser Blatt "La Croix" schrieb, Benedikt XVI. habe die Deutschen nicht "kollektiv verurteilen" wollen und anders als sein Vorgänger auch "die Rolle nicht ansprechen wollen, die die anti-jüdische Stimmung in christlichen Kreisen beim Anstieg der Judenfeindlichkeit spielte". Die Zeitung fuhr fort: "Manche werden diese Zurückhaltung kritisieren, andere werden sie bedauern. Und dabei könnten sie sehr gut die tiefe Bedeutung dessen, was der Papst gesagt hat, übersehen."

Spitzenvertreter der italienischen Juden zeigten sich "perplex". Der Vorsitzende des Dachverbandes der jüdischen Gemeinschaft, Claudio Morpugo, sprach von "Ratlosigkeit" angesichts einer Rede, die in Bezug auf die NS-Zeit und den Holocaust "ein wenig vereinfachend" gewesen sei. Der Großrabbiner von Rom, Riccardo di Segni, nannte die Ansprache "problematisch". Er sei "kaum überzeugt" von der Interpretation, die der Papst vorschlage - als wäre das deutsche Volk "selbst Opfer gewesen und hätte nicht zu den Verfolgern gehört".

Lob aus Großbritannien

Italienische Zeitungskommentatoren kritisierten, in der Papstrede hätten die Worte "Schuld" und "Antisemitismus" gefehlt. Ratzinger habe die Deutschen praktisch als Verführte dargestellt. Die römische Zeitung "La Repubblica" sprach dabei vom "Schweigen Ratzingers".

Ähnliche Reaktionen gab es auch aus Polen. "Der Papst hat der Asche der Ermordeten auf schöne Weise Ehre erwiesen, aber er hat nicht darüber gesprochen, was heute auf der Welt geschieht und er hat nicht über die Zukunft gesprochen", meinte Marek Edelman, letzter überlebender Kommandant des Warschauer Ghetto-Aufstands, in der Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Der Papst habe vom "Schweigen Gottes" gesprochen, aber nicht die Frage gestellt: "Wo war damals der Mensch? Warum waren die Menschen so gleichgültig angesichts der Verbrechen, die vor ihren Augen geschahen?"

Der aus Polen stammende israelische Historiker Israel Gutman bemängelte, dass der Papst die Rolle der Kirche während der Judenvernichtung völlig ausgespart habe. "Nicht nur Gott hörte die Schreie der Ermordeten nicht - der Vatikan, Pius XII. hörte sie ebenfalls nicht. Ich bedauere, dass der Papst nichts über die zerstörende Kraft des Antisemitismus gesagt hat."

Positiv äußerte sich dagegen die britische Tageszeitung "Daily Telegraph": Der Besuch sei "die Krönung im langen Aussöhnungsprozess zwischen seinem Heimatland Deutschland und dessen östlichen Nachbarn. Es war ein Moment von tiefer historischer Bedeutung". Die Londoner "Times" schrieb: "Mit dem Gebet für Vergebung und Aussöhnung hat ein düster blickender Papst Benedikt XVI. ein Tabu zwischen Christen und Juden gebrochen."

dab/AFP/dpa



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