Deutscher Arzt in Phuket Die 96-Stunden-Schicht

Der deutsche Arzt Gerhard Melcher hat vier Tage und vier Nächte im Vachira Phuket Hospital durchgearbeitet. Rund 30 Operationen, unzählige Notaufnahmen und Wundversorgungen. Wie viele Menschen er behandelt hat, kann er nicht sagen. Wie er diese Zeit ohne Schlaf durcharbeiten konnte, allerdings schon: "Es ging nicht anders".

Aus Phuket berichtet Hardy Prothmann


Gerhard Melcher, Verletzte: Herzdruckmassagen, Sauerstoffversorgung, Adrenalininjektionen
Wolfgang Kneisel

Gerhard Melcher, Verletzte: Herzdruckmassagen, Sauerstoffversorgung, Adrenalininjektionen

Gerhard Melcher, 39, kann man im Vachira Phuket Hospital in Patong zwischen den eher klein gewachsenen Thais nicht übersehen: 1,83 Meter groß, 83 Kilogramm schwer, breite Brust, starke Nacken- und Armmuskulatur. Ein athletischer Typ mit markanten Gesichtszügen. Auf dem rasierten Schädel trägt der Mann, der hier seit einigen Monaten seine Facharztausbildung zum orthopädischen Unfallchirurgen absolviert, ein grünes Kopftuch.

Als die Welle kam, war Gerhard Melcher in Patong gerade auf dem Weg von seiner Wohnung ins Fitnessstudio: "Das Telefon klingelte, und ich sollte schnell ins Krankenhaus kommen. Ein Freund von mir war verletzt." Eine klaffende Kopfwunde. Auf dem Weg sah Melcher viele Menschen auf den Straßen und wunderte sich. Erst im Krankenhaus erfuhr er von dem Unglück. Sein Freund, querschnittsgelähmt, hatte im Rollstuhl am Strand gesessen. Die Flutwelle spülte ihn auf einen Baum, an dessen Ästen er sich festhalten konnte. Dann trafen immer mehr Opfer ein.

Mediziner Melcher: "He is a good guy"
Wolfgang Kneisel

Mediziner Melcher: "He is a good guy"

"Ich konnte überhaupt nicht nachdenken, sondern arbeitete sofort in der Notaufnahme mit." Herzdruckmassagen, Sauerstoffversorgung, Adrenalininjektionen. "Besonders schlimm war, dass so viele Kinder mit offenen Wunden versorgt werden mussten. Die kann man schlecht betäuben. Das Krankenhaus in Patong auf der Ferieninsel Phuket ist zwar gut ausgestattet, hat aber nur einen OP und einen Intensivraum. Also mussten wir die Patienten auch in den Gängen behandeln." Rund zwei Drittel Touristen, ein Drittel Einheimische.

16 Stunden nach dem Unglück waren die Zimmer im Vachira Phuket Hospital schon um mehr als das Doppelte belegt. Leichter Verletzte saßen in den Gängen. "Was mich sehr gewundert hat: Viele Thais wurden auf Matratzen auf den Boden gelegt. Ich habe das bei keinem Ausländer gesehen." Er habe einen deutschen Patienten gesehen, der sehr dick war und auf zwei Matratzen gebettet war. "Der Thai neben ihm lag auf dem Holzrost - ohne Matraze."

Gegen Montagmittag kam die Organisation der Hilfsstellen voran. Übersetzer boten sich an, erste Telefone waren installiert. Wasser und gespendete Kleidung wurden verteilt. Gerhard Melcher hatte seit Sonntagmorgen noch keine Minute geschlafen. Wenn er keine Wunden versorgte, stand er an der Aufnahme und übersetzte auf Englisch und Thai, das er sich in den vergangenen Monaten selbst beigebracht hat. Angehörigen von Opfern gab er sein Handy, damit sie die Familien in Deutschland informieren konnten.

Am Abend kam der erste Schub Schwerverletzter aus Khao Lak an. Als die Patienten versorgt waren, war die Nacht vorbei, und immer wieder kamen die Pick-ups mit den neuen Opfern. Das Krankenhaus hat nur acht Krankenwagen. "Hier war über Tage alles vollkommen ausgelastet. Was ich unbedingt betonen muss, ist die Leistung der Thais. Die haben getan, was sie konnten, und das mindestens auf dem Niveau von deutschen Kliniken."

Melcher, Flutopfer: Nach vier Tagen war die Energie aufgebraucht
Wolfgang Kneisel

Melcher, Flutopfer: Nach vier Tagen war die Energie aufgebraucht

Am Donnerstag schließlich holte den Mann die Anstrengung und das Erlebte ein. Für eine Viertelstunde wich die Energie aus dem trainierten Körper. Er weinte. Dann riss er sich zusammen und arbeitete weiter. Am Abend legte er sich irgendwo im Krankenhaus auf eine freie Bahre und schlief vier Stunden.

Warum Gerhard Melcher so lange konzentriert durchhalten konnte, kann er nicht erklären. Sicher ist, dass er als langjähriges Mitglied in der deutschen Nationalmannschaft der Ski-Kunstspringer eine überdurchschnittliche Konstitution hat. Als junger Mann hat er Triebwerksmechaniker gelernt, dann sein Abi nachgeholt und seinen Diplom-Ingenieur als Maschinenbauer gemacht. Das Medizinstudium absolvierte er in München, wo er aufgewachsen ist.

Jessada Chungpoibulpatana, Direktor des Vachira Phuket Hospital, hält große Stücke auf seinen Kollegen: "He is a good guy." Er sei beeindruckt von der Leistung des Deutschen. Am Freitag sagt Melcher: "Für jetzt ist es erstmal vorbei". Zum ersten Mal seit vier langen Tagen macht er sich auf den Weg nach Hause.

Mitarbeit: Wolfgang Kneisel



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