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Deutscher unter Verdacht: Die Bombe im Zug

Von , New York

Die Terror-Angst nimmt immer absurdere Formen an. Der deutsche Modefotograf Peter Lueders wurde in der Nähe von New York von US-Fahndern aus dem Zug gezerrt und stundenlang vernommen - nur weil eine Frau gehört haben wollte, wie er das Wort "Bombe" murmelte.

New York - Peter Lueders ist schon viel herumgekommen. Der in New York lebende Modefotograf hat mit Claudia Schiffer und Naomi Campbell gearbeitet, für Revlon und L'Oréal Bilder gemacht, für Birgit Schrowanges RTL-Magazin "Life!" die Welt bereist. Doch dass es ihn quasi vor der Haustür erwischen würde, hätte er kaum geahnt. "Du denkst dir nichts", sagt der Exil-Hamburger, "und dann das."

Fotograf Lueders: "Ziemlich ruppig"
Scot Vighi

Fotograf Lueders: "Ziemlich ruppig"

"Das" geschah am Dienstag voriger Woche - und ist ein Beispiel dafür, wie blank die Nerven in den USA liegen. Wie allgegenwärtig hier die unausgesprochene Angst vor Terroranschlägen ist, wie misstrauisch man sich hier beäugt, wie überreizt und überfordert die Behörden sind, wie schnell man im Netz des Verdachts zappelt. Was Lueders passierte, kann jedem passieren - und er hatte Glück, dass er heil davonkam.

Am frühen Vormittag stieg Peter Lueders, 39, an Manhattans Penn Station in einen Amtrak-Zug nach Saratoga Springs, eine idyllische Kleinstadt nördlich von New York. Dort gastierte das New York City Ballet, für das Lueders fotografiert. Lueders machte es sich mit Handy, Laptop und einer DVD bequem. Die Fahrt sollte dreieinhalb Stunden dauern.

Tödliches Missverständnis in Miami

Doch für Lueders war sie nach zwei Stunden beendet. Im Ort Hudson hielt der Zug außerplanmäßig an. Polizisten stiegen zu. Der Schaffner, erinnert sich der Fotograf, habe auf ihn gezeigt: "Das ist er!" Worauf die Cops ihm "nicht gerade zärtlich" Handschellen angelegt, Laptop und Handy konfisziert und ihn "ziemlich ruppig" aus dem Zug gezerrt hätten.

Lueders ist ein kräftiger, unrasierter Mann, doch von freundlicher Natur. Trotzdem dauerte es seine Zeit, bis er merkte, was hinter seiner "Verwahrung" steckte - und was Polizei und FBI inzwischen auch unabhängig bestätigen.

Eine Mitreisende hatte dem Schaffner gemeldet, sie habe gehört, wie Lueders während eines Telefonats mehrfach das Wort "Bombe" gesagt habe. Der Schaffner alarmierte wiederum die Polizei. "Die Frau war wirklich sehr bestürzt", sagte Detektiv Edward Rivenburg, der Lueders festnahm, zu SPIEGEL ONLINE. "Sie war sichtlich aufgerüttelt, sie weinte, sehr emotional. Sie wirkte sehr glaubwürdig." Und: Sie gab eine eidesstattliche Erklärung ab.

Lueders hatte im Zug in der Tat mit einem deutschen Kollegen telefoniert - auf Deutsch. "Von Bomben war nie die Rede", schwört er. Das Wort "Bombe" in Zügen oder Flugzeugen zu erwähnen, selbst im Scherz, kann in den USA seit dem 11. September 2001 fatale Folgen haben: Im vorigen Dezember erschossen staatliche Marshals einen arglosen Flugpassagier in Miami, weil er laut mit einer Bombe gedroht habe - was sich hinterher als tödliches Missverständnis entpuppte.

"Bist du sicher, du bist kein Jude?"

Ein Missverständnis, auch in Lueders Fall. Die Beamten des Hudson Police Departments hätten ihn zunächst eine Stunde lang in einen Streifenwagen gesperrt, "Fenster zu, keine Klimaanlage, 40 Grad Hitze", sagt er. Rivenburg bestätigt das im Prinzip: "Wir mussten ja erst die Passagiere befragen." Warum man Lueders nicht im Zug gelassen habe? "Terroristen steht das nicht auf der Stirn geschrieben. Was hätten Sie getan? Wir müssen die Vorschriften befolgen. Es ist schwierig. Lieber auf Nummer Sicher gehen."

Der Zug fuhr ohne Lueders weiter. Die Cops brachten ihn aufs Revier und sperrten ihn dort in eine Zelle. Sein Verhör, zu dem später auch zwei FBI-Beamte hinzustießen, habe "vier, fünf Stunden" gedauert. (Rivenburg spricht von "rund drei Stunden".) Er habe beteuert, er sei ein harmloser Fotograf. Dabei sei er auch gefragt worden, welcher Religion er angehöre. Auf seine Antwort, er sei Christ, habe ein Cop gesagt: "Bist du sicher, du bist kein Jude?"

Daran kann Rivenburg sich nicht erinnern. Lueders sei ihm als "ein sehr netter Gentleman" im Gedächtnis geblieben, "sehr verständnisvoll", und alles habe sich schließlich als ein Irrtum herausgestellt. Doch vor einer Freisetzung Lueders habe man - Vorschrift ist Vorschrift - trotzdem erst noch das Eintreffen der staatlichen Terrorfahnder abwarten müssen.

"Wir reagieren über"

FBI-Agent Lenny Daniels von der zuständigen Joint Terror Force in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York, bestätigt, er sei dazu persönlich mit einem Kollegen nach Hudson gefahren. "Wir bekamen einen Anruf von der Polizei in Hudson", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. "So was geht automatisch zu uns."

Albany liegt eine Stunde von Hudson entfernt. "Bis wir da waren", sagt Daniels, "war alles nur noch ein Missverständnis." Er habe Lueders, um sicherzugehen, noch "15, 20 Minuten" weiter vernommen, und habe nach einem Blick auf Lueders Fotografen-Website festgestellt, dass dessen Beteuerungen "Sinn ergaben".

"Solche Fälle passieren in letzter Zeit oft", räumt Daniels ein. "London, Bombay, die jüngsten Terror-Drohungen in New York - die Leute sind nervös." Sein FBI-Büro in Albany, das auch für Teile der US-kanadischen Grenze zuständig ist, bekomme "zu viele" derartige Anrufe. "Die meisten sind Fehlalarme." Es sei eine Konsequenz des 11. Septembers 2001: "Wir reagieren über, aber ich schätze, so ist es besser."

Rückfahrt mit Bienenstich

Lueders sieht das aber nicht ganz so gelassen. Er hat das deutsche Konsulat und die Bürgerrechtsgruppe ACLU eingeschaltet. Amtrak ist bei der ACLU für seine vorschnellen Reaktionen bekannt. Auch kursierten neulich Berichte, wonach Air Marshals unschuldige Menschen auf ihre "Watch List" gesetzt hätten, nur um ihre offiziellen "Quoten" zu erfüllen.

Die Episode von Hudson endete dennoch halbwegs friedlich. FBI-Mann Daniels erzählte Lueders vom frischen, deutschen Bienenstich seiner Nachbarn, und Detektiv Rivenburg chauffierte ihn höchstpersönlich nach Saratoga Springs, damit er am Ende sein Ballett nicht verpasste. Die Lokalzeitung "Register-Star" rückte die Prioritäten tags darauf prompt zurecht: "Mann verwahrt, Zug verspätet."

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