Deutsches Todesopfer in Mumbai "Wenn mir jetzt keiner hilft, schaff' ich's nimmer"

Als der Terror begann, kletterte er auf die Hotelfassade hinaus - und stürzte in die Tiefe: Bei den Angriffen von Mumbai starb auch der Münchner Medienunternehmer und Sportmäzen Ralph Burkei. In den letzten Minuten vor dem Tod telefonierte er mit seinem besten Freund.

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Hamburg - Ralph Burkei wusste, er würde sterben - wenn ihm keiner hilft. Der Münchner wollte mit seiner Lebensgefährtin aus dem von Terroristen besetzten und brennenden Hotel Taj Mahal in der Innenstadt Mumbais fliehen. Wie viele der Hotelgäste kletterten sie über eine der prunkvollen Fassaden. Ralph Burkei stürzte ab, schlug auf dem Vordach des 1903 erbauten Gebäudes auf und erlitt zahlreiche schwere Knochenbrüche.

Ralph Burkei: "Herber Schlag"
DPA

Ralph Burkei: "Herber Schlag"

"Ich hab' mir alle Knochen gebrochen. Wenn mir jetzt keiner hilft, schaff' ich's nimmer", sagte Ralph Burkei zu seinem Freund Aribert Wolf im weit entfernten München am Mobiltelefon.

"Die Rettungskräfte kamen wohl wegen der bewaffneten Terroristen nicht schnell genug zu ihm durch. Als sie da waren, war es zu spät", sagt sein Freund und Geschäftspartner Ralph Piller SPIEGEL ONLINE. Er bestätigte damit einen Bericht der "Abendzeitung".

Die Details kennt Piller von Wolf, mit dem Burkei in der Nacht mehrere Male telefonierte; und von Burkeis Lebensgefährtin, mit der Piller selbst am Donnerstag sprach. Sie ist nach seinen Angaben ebenfalls schwer verletzt und liegt in einem Krankenhaus vor Ort.

Die Nachricht von Burkeis Tod machte am Donnerstag in München schnell die Runde. Der 51-Jährige war anerkannt und umstritten, ein kräftiger, kämpferischer Typ. Ein waschechter Münchner, ein Grantler und doch lebensfroher Mensch. Einer, dessen Direktheit nicht jeder gut vertragen konnte.

In der Vergangenheit war Burkei Vizepräsident beim TSV 1860, Schatzmeister der Münchner CSU und bis zuletzt Mitgesellschafter der Medienfirma C.A.M.P. TV, die er mit Ralph Piller Anfang der achtziger Jahre aufbaute. Für das 40-köpfige Team sei Burkeis Tod "ein großer Verlust", für ihn selbst ein "herber Schlag", sagt Piller.

Die beiden Freunde kannten sich seit mehr als 40 Jahren. Gemeinsam besuchten sie das humanistische Wilhelmsgymnasium im Herzen Münchens und gründeten als Teenager ein überregionales Schülermagazin mit einer Auflage von 1300 Exemplaren. Ralph Burkei sei schon damals "ein streitbarer, innovativer und aktiver Typ gewesen", beschreibt ihn Piller. Nach der Schule absolvierte Burkei zuerst eine Ausbildung als Hotelkaufmann, setzte dann ein BWL-Studium drauf.

Als Piller C.A.M.P. TV gerade gegründet hatte, stieg Burkei mit ein und wurde Pillers Partner als Gesellschafter. Beide hielten 50 Prozent des Unternehmens und an anderen gemeinsamen Firmen. Zuletzt war Burkei Programmleiter in dem Unternehmen, das unter anderem das "Bayernjournal" als landesweites Wochenendfenster für Sat.1 und RTL produziert. Die Jugendfreunde ergänzten sich. "Es war perfekt", sagt Piller traurig.

Burkeis Fußballerherz schlug für den Zweitligisten TSV 1860 München. Seit mehr als 25 Jahren war er Mitglied bei den Löwen, saß im Aufsichtsrat, später war er Vizepräsident und Schatzmeister. Auch ohne offizielles Amt erschien er bis zuletzt begeistert zu fast jedem Heimspiel.

"Er war ein großzügiger Förderer des TSV 1860. Einer, der seine politischen und geschäftlichen Verbindungen für den Verein einsetzte", sagt Carsten Wettberg, ehemaliger Vereinsvize und Aufsichtsratsmitglied. Das letzte Mal sah er den wuchtigen Vereinskameraden auf der Tribüne im Stadion. "Für mich ist sein Tod zweifellos ein großer Verlust."

"Wir trauern um einen großen Löwen-Anhänger und verdienten Funktionär", sagte 1860-Präsident Rainer Beeck. Burkei habe sich "durch sein leidenschaftliches Engagement für den Verein ausgezeichnet und uns auch noch tatkräftig unterstützt, als er nicht mehr offiziell im Amt war". Betroffen äußerte sich auch Geschäftsführer Stefan Reuter: "Das ist ein trauriger Tag für die Löwen."

"Ecken und Kanten"

Als Schatzmeister des Münchner CSU-Bezirksverbands hatte Burkei zuletzt für Schlagzeilen gesorgt, weil er in einem Interview freimütig über Kredite Auskunft gab, die die von führenden CSU-Politikern beaufsichtigte Bayerische Landesbank an die Partei ausgegeben hatte.

Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum sich der Bezirksverband am Donnerstag zu Burkeis plötzlichem Tod eher zugeknöpft gab. "Die CSU München ist über den Tod ihres ehemaligen Schatzmeisters tief erschüttert", erklärte der Bezirksvorsitzende der Münchner CSU, Otmar Bernhard, auf schriftlichem Weg. "Der hinterhältige Terror, der sich am anderen Ende der Welt abspielt, wurde durch den Tod von Ralph Burkei in die Mitte Münchens getragen." Unvergessen blieben "sein Tatendrang und seine Großzügigkeit, aber auch seine Ecken und Kanten".

Die Politik habe ihn sein Leben lang fasziniert, erzählen Weggefährten. "Er hatte viele Bekannte und Freunde in allen Parteien", sagen Piller und Wettberg. Zudem war Burkei Mitbegründer und Vizepräsident der Fernseh Akademie Mitteldeutschland in Leipzig.

Burkei war ein Macher, ein Mitmischer, ein Workaholic - als seine Gesundheit in den vergangenen Monaten zu streiken begann, versuchte er sich zu bremsen. Die Indien-Reise sollte als Entschleunigung dienen. "Er hatte sich unglaublich auf diese zwei Wochen Urlaub gefreut", sagt sein Freund Piller.

"Er war nicht abenteuerlustig, sondern eher vorsichtig"

Für Indien hatte sich der Bayer entschieden, weil er dort noch nie zuvor war. Burkei war oft auf Reisen, meist beruflich, aber immer voller Tatendrang. "Trotzdem war er nicht abenteuerlustig, sondern eher vorsichtig", sagt Piller. Burkei wollte ursprünglich am Donnerstag zurück nach Deutschland fliegen. In der letzten Nacht vor dem Heimflug wurde das Hotel von Terroristen überfallen und angezündet.

Burkei hinterlässt seine Lebensgefährtin, seine Ehefrau, von der er seit langem getrennt war und mit der ihn eine enge Freundschaft verband, und seinen Vater, der in einem Seniorenheim in München lebt. "Er war ein feiner Kerl, zumindest zu denen, die er mochte", sagt ein Freund.

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