Matthias Sammer im Interview: "Die Verletzung hat mich demütiger gemacht"

Matthias Sammer war auf dem Platz ein Hitzkopf, der sich gerne mit Trainern anlegte. Heute trägt er Anzug, ist Funktionär und verantwortlich für die Jugendnationalteams. Im Interview erklärt er, weshalb er den Jungprofis Demut empfiehlt und wieso sie für den Erfolg von Bedeutung ist.

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DFB-Sportdirektor Sammer: "Achten auf Charakterstärke"

Das Beispiel Alexander Merkel zeigt, wie man Matthias Sammer gegen sich aufbringen kann: Der 20-Jährige spielt für den AC Mailand und gewann mit dem Traditionsclub im vergangenen Jahr die Meisterschaft. Danach gab er ein Interview, "als italienischer Meister ist die U19 nicht mehr mein Ziel", so beschrieb er seine Ambitionen - und beendete vorerst sein Dasein als Jugendnationalspieler.

Man habe registriert, "dass sich Merkel offenbar zu schade ist" für die Juniorenmannschaft, sagte Sammer, der Merkel fortan mit Nichtbeachtung strafte. Inzwischen ist man wieder freundlich zueinander, doch die scharfe Reaktion auf eine wohl unbedachte Aussage zeigt, was dem Sportdirektor des DFB wichtig ist: Jungprofis sollen gar nicht erst versuchen, dem Hochmut zu verfallen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sammer, was bedeutet Ihnen Demut?

Sammer: Respektvoll zu sein: Gegenüber allen Menschen, egal welchen Alters, welcher Herkunft, Bildung und sozialer Stellung. Vor allem aber auch vor der eigenen Bedeutung. Wir sind alle nur Bestandteil einer großen Geschichte, das sollte jedem bewusst sein, egal wer er ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie betonen die Notwendigkeit von Demut gerne, wenn es um die Persönlichkeitsentwicklung von Jungprofis geht. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Sammer: Gegenfrage: Wie viele Jugendliche werden später vom Fußball leben können? Auf jeden Fall die Wenigsten. Das heißt, wir verbringen eine Menge Zeit mit jungen Menschen, die später einmal in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft tätig sein werden. Dafür tragen unsere Trainer auch eine Verantwortung, der sie sich bewusst sein müssen.

SPIEGEL ONLINE: Der immer nach Leistung und Erfolg strebende DFB als Hort humanistischer Pädagogik?

Sammer: Natürlich ist das sportliche Leistungsprinzip stark ausgeprägt. In der Gesamtpersönlichkeitsentwicklung achten wir auf Charakterstärke. Schauen Sie sich zum Beispiel die Nationalmannschaft Spaniens an: Neben den sportlichen Erfolgen zeichnet sie aus, dass ihre Spieler bescheiden auftreten, dass jeder Einzelne seine eigenen Interessen unterordnet. In diesen Merkmalen sehe ich unsere Nationalmannschaft auf einem sehr guten Weg. Mit Demut meinen wir, dass man nur ein kleiner Teil einer großen traditionellen Geschichte unseres Verbandes ist.

SPIEGEL ONLINE: 2002 wurden Sie als Trainer mit Dortmund Meister. Direkt nach dem Schlusspfiff des letzten Spiels verschwanden Sie in der Kabine, während die Menschen im Stadion vor Freude platzten. War das Demut vor dem eigenen Erfolg?

Sammer: Es ist nun mal nicht meine Sache, mit dem Pokal in der Hand durch die Kurven zu stolzieren. Aber sicher, in solchen Momenten passiert etwas mit dir. Nachdem Jürgen Klopp vergangene Saison mit Dortmund Meister wurde, habe ich ihn gefragt, was er empfand. Er konnte es nicht beschreiben und genau das ist es. Du merkst, ohne es genau benennen zu können, dass du ein kleiner Teil der Geschichte des Vereins bist. Das fühlt sich wunderbar an. Man genießt es. Aber nicht der Einzelne sondern der Erfolg steht im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Sie verletzten sich 1997 im Spiel gegen Bielefeld am Knie, es sollte ihr letzter Auftritt als Bundesliga-Spieler werden. Es drohte sogar kurzzeitig eine Amputation. Hat sie der Unfall Demut gelehrt?

Sammer: Sicherlich bin ich durch diese Verletzung noch demütiger geworden, weil ich dieses Spiel geliebt und mich entsprechend meines Charakters eingebracht habe. Manchmal emotional, auch mal laut, auch mit Fehlern. Ich meinte alles für die Sache, im Dienst der Mannschaft, zu tun. Egoistische Motive waren für mich kein Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Geht das? Führungsspieler im Profifußball und zugleich ein bescheidener Mensch?

Sammer: Wenn ich heute Interviews mit unseren Nationalspielern lese, erkenne ich eine unglaubliche Zielstrebigkeit, zugleich aber eine große Bescheidenheit. Das erinnert mich manchmal an Fritz Walter: Als der nach dem Finale 1954 in Bern den Pokal in die Hand bekam, ging er sofort zu Sepp Herberger, um ihm die Trophäe zu überreichen, der sie nicht angenommen hat. Wahrscheinlich war beiden der mannschaftliche Erfolg wichtiger, als persönlich mit dem Pokal im Mittelpunkt zu stehen. Diese Gesten beschreiben, wie wir Demut verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Im Profifußball wird aber doch keiner nach ganz oben kommen, wenn er nur bescheiden durch die Katakomben schleicht.

Sammer: Nein, so ist es auch nicht gemeint. Vorbilder wie Uwe Seeler, Franz Beckenbauer oder Günter Netzer sind große, unterschiedliche Persönlichkeiten, aber sie eint die Bescheidenheit. Solange hinter allem der Gedanke steht, das Beste für die Sache und die Mannschaft zu tun, kann jemand auch mal laut werden und selbstbewusst auftreten. Natürlich wollen wir nicht, dass alle Spieler den gleichen Charakter haben, im Gegenteil: Erfolgreiche Mannschaften zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie aus unterschiedlichen Persönlichkeiten bestehen. Wir müssen die Spieler analysieren, so dass die Trainer ein Profil erhalten und entsprechend auf sie einwirken können.

SPIEGEL ONLINE: Sie erstellen Persönlichkeitsprofile Ihrer Jungnationalspieler?

Sammer: Ja, wir versuchen die Persönlichkeitsmerkmale zu erkennen und unterscheiden in Führungsspieler, Teamspieler und Individualisten. Schauen Sie sich zum Beispiel die Bender-Zwillinge Lars und Sven an, die für Leverkusen und Dortmund spielen. Die treten außerordentlich bescheiden auf und wirken heute als Teamspieler. Aus der Erfahrung bei der erfolgreichen U19-Europameisterschaft 2008 wissen wir aber, dass sie exzellent führen können. In ihrem Entwicklungsprozess werden sie sicher ihre Führungsqualitäten immer stärker einbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie für Bescheidenheit und Demut werben, müssen Sie die Korruptionsskandale der Fifa und Affären wie die Steuerhinterziehung durch Schiedsrichter doch wahnsinnig ärgern.

Sammer: Wo sich materielle Voraussetzungen verändern, ist die Möglichkeit gegeben, die Orientierung zu verlieren. Noch einmal: Für uns bedeutet Demut Respekt, Anstand, Ehrlichkeit und Bescheidenheit.

Das Interview führte Birger Menke

In dieser Gesprächsreihe bereits erschienen:
Wolfgang Thierse: "Wer demütig ist, spricht nicht darüber"
Konstantin Wecker: "Für einen Rebell ist Demut angebracht"
Wertewandel: Die Wiederkehr der Demut

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1. ...
jujo 08.05.2012
Zitat von sysopMatthias Sammer war auf dem Platz ein Hitzkopf, der sich gerne mit Trainern anlegte. Heute trägt er Anzug, ist Funktionär und verantwortlich für die Jugendnationalteams. Im Interview erklärt er, weshalb er den Jungprofis Demut empfiehlt und wieso sie für den Erfolg von Bedeutung ist. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zum Thema Demut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829465,00.html)
Jetzt bin ich überfordert! Soll ich Herrn Sammer Respekt zollen oder ihm ein grenzenlose, durchaus nicht unsympathische, Naivität unterstellen?
2. optional
kajoter 08.05.2012
Wenn Herr Sammer nun noch gelassener und in seiner Rhetorik weniger ausufernd wäre und wenn er nicht in jeder fußballerischen Detailfrage eine vermeintlich globale Dimension erkennen würde, dann müßte man den Fernseher bei seinem Erscheinen nicht ausschalten.
3. Demut
odlu01 08.05.2012
Der Begriff Demut wird von korrupten Politikern benutzt und bedeutet " scheiße ihr habt mich erwischt " jetzt bekunde nich in aller Öffentlichkeit dass ich das nicht wieder tun will.
4. Schlechte Laune
pepito_sbazzeguti 08.05.2012
Zitat von sysopMatthias Sammer war auf dem Platz ein Hitzkopf, der sich gerne mit Trainern anlegte. Heute trägt er Anzug, ist Funktionär und verantwortlich für die Jugendnationalteams. Im Interview erklärt er, weshalb er den Jungprofis Demut empfiehlt und wieso sie für den Erfolg von Bedeutung ist. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zum Thema Demut - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,829465,00.html)
Das ist bestimmt ein unvergessliches Erlebnis für Jungprofis, den Erfinder der schlechten Laune als Vorgesetzten zu haben. Und: Warum empfiehlt plötzlich andauernd jemand, Demut zu üben?
5. Demut
hansmaus 08.05.2012
ist Demut das neue Modewort 2012? Nachhaltigkeit wars letztes Jahr und Innovativ hört man jetzt sogar an ner Pommesbude. Leute lebt erstmal die Wörter und schlagt mal im Duden nach was sie bedeuten ehe ihr sie inflationär gebraucht. Man kommt sich ja vor wie in der Werbung wo Cerialien aus nachhaltigem Anbau innovativ zu einem Schokoriegel manufakturiert werden....achja natürlich in Demut.
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Zur Person
  • DPA
    Matthias Sammer, 44, ist seit 2006 Sportdirektor des Deutschen Fußball Bundes (DFB). Zuvor war er Trainer des VfB Stuttgart und von Borussia Dortmund. Seine Spielerkarriere begann bei Dynamo Dresden. Kurz nach der Wende wechselte er nach Stuttgart, war zwei Jahre später bei Inter Mailand unter Vertrag, nahm aber nach wenigen Monaten ein Angebot von Borussia Dortmund an. Er war Nationalspieler der DDR und der gesamtdeutschen Mannschaft. Sein letztes Spiel bestritt er im Oktober 1997, eine Knieverletzung zwang ihn zum Karriereende.

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