Die Akte Hitler "Der Führer ist damit steuerfrei!"

1933 strich ein Münchner Beamter in Hitlers Steuerakte die Berufsbezeichnung "Schriftsteller" durch und ersetzte sie durch "Reichskanzler". Wenig später war Hitler seine Steuersorgen los - dank einer geheimen Aktion des Münchner Finanzamtes: Im Dezember 1934 wurde ihm eine Steuerschuld von mehr als 400.000 Reichsmark erlassen.

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Klaus-Dieter Dubon mit Hitlers Steuerakten: "Gänsehaut bekommen"
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Klaus-Dieter Dubon mit Hitlers Steuerakten: "Gänsehaut bekommen"

Immenstadt - "Alle Steuerbescheide sind, soweit sie eine Pflicht des Führers begründen würden, von vornherein nichtig", schrieb Ludwig Mirre, Präsident des Landesfinanzamtes München, am 19. Dezember 1934 an den Leiter des zuständigen Finanzamtes München III. "Der Führer ist damit steuerfrei!" Damit setzten die Beamten einem grotesken Hin und Her zwischen Hitler und dem Fiskus ein Ende. Die Höhe der Steuerschuld war bis 1933 auf die stolze Summe von mehr als 400.000 Reichsmark angewachsen. Zum Vergleich: Als Reichskanzler bezog Hitler ein Einkommen von 45.000 Reichsmark pro Jahr.

Klaus-Dieter Dubon, ein ehemaliger Notar aus Immenstadt im Allgäu, hat sich intensiv mit der Akte befasst. "Als ich das Aktenbündel zum ersten Mal in der Hand hatte, bekam ich eine Gänsehaut", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Dann vertiefte sich der 71-Jährige in die bürokratischen Aufzeichnungen und kam der Trickserei auf die Spur. "Hitler predigte dem Volk, Gemeinwohl gehe vor Eigennutz, und handelte selbst gegenteilig", sagte Dubon.

Luxuswagen mit Sonderausstattung

Hitlers Auseinandersetzung mit dem Finanzamt München III begann 1921, als das Amt ihn zur Offenlegung seiner Einkünfte aufforderte. Der damalige "Propagandaleiter der NSDAP" wies nach, dass die Partei ihm den kostspieligen Dienstwagen finanziere und er neben der Arbeit für die NSDAP nur geringfügig mit dem Verfassen von Zeitungsartikeln verdiene. Ihm wurde die Steuernummer 13/2584 zugewiesen.

Seine Steuerakte wurde 1923 angelegt. Hitler saß zu dieser Zeit wegen seines Putschversuchs im Gefängnis. "Hitler, Adolf - Schriftsteller. Zur Zeit Gefangenenanstalt Landsberg", notierte der Referent im Finanzamt auf dem Aktendeckel. Hitler arbeitete im Gefängnis an seinem Manuskript zu "Mein Kampf", er soll aber auch öfter genüsslich Autokataloge angeschaut haben.

"Lieber Herr Hitler..."

Nur zwei Monate nach seiner Entlassung im November 1924 kaufte sich der Ex-Sträfling eine Luxuskarosse, einen Mercedes mit Sonderausstattung für 20.000 Reichsmark. Das Finanzamt schrieb dazu: "Sie werden ersucht, bald gefälligst mitzuteilen, woher die Mittel zum Ankauf des Personwagens stammen." Hitlers spärliche Antwort: Er habe ein Darlehen aufgenommen. Seinen Angaben zufolge hatte er zwischen 1925 und 1929 jährliche Einkünfte von 11.000 bis 19.000 Reichsmark. Die beträchtlichen Zuwendungen seiner Gönner und Anhänger gab er nicht an. Eine reiche Verlegergattin schrieb ihm etwa: "Lieber Herr Hitler, ich habe beiliegende Armbanduhr übrig. Wollen Sie sie nicht benutzen?" 1925 bekam er von einer anderen Getreuen - ebenfalls ohne Wissen der Finanzbehörde - ein Breughel-Gemälde im Wert von rund 50.000 Reichsmark geschenkt.

Mit dem Erscheinen seines Buches "Mein Kampf", das im Juli 1925 auf den Markt kam, wurde Hitler endgültig ein reicher Mann. Seine Einkünfte steigerten sich binnen weniger Jahre um mehr als das Doppelte: 1930 lagen sie bei 50.000 Reichsmark, 1932 waren sie auf 65.000 Reichsmark gewachsen. Er scheiterte mit dem Versuch, stark erhöhte Werbungskosten abzusetzen. Die Tantiemen aus "Mein Kampf" lagen 1933 bei 1,2 Millionen Reichsmark, 600.000 davon hätte er versteuern müssen - und tat es nicht. Pünktlich zahlte er nur die Kirchensteuer. Als er 1933 Reichskanzler wurde, hatte er eine Steuerschuld von mehr als 400.000 Reichsmark angehäuft.

Im Jahr darauf erging dann die Anweisung von Mirre, dass Hitler keine Steuern zu zahlen habe. Am 12. März 1935 wurde die Akte endgültig geschlossen. Dubon ist auch dem Schicksal Ludwig Mirres nachgegangen: Mirre bekam für die Niederschlagung der Steuerschuld Hitlers bis Kriegsende insgeheim monatlich steuerfrei 2000 Reichsmark, die zusätzlich zu seinem Beamtengehalt gezahlt wurden. Am 1. April 1935 bekam Mirre den Präsidentenposten am Reichsfinanzhof - und eine Gehaltserhöhung um 41 Prozent.



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