Die Aliens, die wir liebten

Die ersten Opfer nach dem Ende des Kalten Krieges: Loch Ness ist leer, der Yeti ist ein Bär, und die Ufos sind auch verschwunden.


Fackeln statt Ufos: Ölfeld im Golf von Mexiko
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Fackeln statt Ufos: Ölfeld im Golf von Mexiko

Und plötzlich waren sie weg. Seit Jahresbeginn gab es in ganz Europa nur eine Ufo-Erscheinung, und zwar Mitte März im norwegischen Örtchen Lardal. Dort erleuchtete eine ungewöhnliche Explosion den nächtlichen Himmel. Mehrere Augenzeugen berichteten von einem Feuerball, der anschließend zu Boden sank. Sie suchten nach Erklärungen, fanden aber keine und verfielen daher auf den Gedanken, es könne sich um ein Ufo gehandelt haben. Presse und Polizei nahmen sich der Sache an. Einen Tag später fand man am Fuß eines Starkstrommasts die verkohlten Überreste einer Katze.

Die ganze Ufo-Sache ist auf den Hund gekommen. Kaum einer schaut noch hin - und wenn doch, dann bleibt das Flugobjekt nicht lange unidentifiziert. Die sechs "flammenden Punkte" auf den Infrarotaufnahmen mexikanischer Luftwaffenpiloten etwa wurden innerhalb weniger Tage als Fackeln eines Offshore-Ölfeldes im Golf von Mexiko erkannt.

Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends ist die Zahl der Ufo-Beobachtungen weltweit dramatisch zurückgegangen. Im einst so außerirdischenfreundlichen Großbritannien klagt, so berichtet die britische Tageszeitung "The Guardian", das "British Flying Saucer Bureau" über einen kompletten Zusammenbruch der Frequenz der Anrufe von soliden dreißig pro Woche auf trostlose null. Das "Ufo Magazine", einst spezialisiert auf den Nachweis von unerklärlichen Saugemalen an Schafskadavern und zeitweise mit 35.000 Auflage eine der führenden Publikationen der britischen Szene, wurde im März eingestellt.

Wählt man die Nummer des "Mannheimer Ufo-Telefons", der ersten Adresse für unerklärliche Phänomene am deutschen Himmel, muß man es lange klingeln lassen, bis jemand abnimmt. Es gibt so wenige Anrufe wie noch nie. Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts meldeten sich noch rund hundert Anrufer im Jahr, 2003 waren es gerade mal zwanzig.

Nur jetzt, wenn am Abend die Sonne die Venus so direkt anstrahlt, erzählt Werner Walter, der skeptisch-pragmatische Amateur-Astronom der das "Ufo-Telefon" ehrenamtlich betreibt, gibt es einige wenige, die anrufen, während sie mit Höchstgeschwindigkeit den hell leuchtenden Abendstern auf der Autobahn verfolgen. "Warum auch nicht?" sagt Walter, "sind ja nur ein paar Millionen Kilometer bis zur Venus".

Die Luft ist raus

"Area 51" aus der Luft: Gründlich aufgeklärt
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"Area 51" aus der Luft: Gründlich aufgeklärt

Auch solche Fälle sind also schnell geklärt. "Die Luft ist raus aus dem Ufo-Thema", meint Werner Walter. In den neunziger Jahren seien halt gleich drei der mysteriösesten Mysterien der Szene - Roswell, die "Area 51" und die "Alien-Autopsie" - gründlich aufgeklärt worden, ganz ohne Rekurs auf extraterrestrische Interventionen.

Das Ende des Kalten Kriegs bedeutete eben auch das Ende einer ganzen Klasse, einer ganzen Kultur von globalen Geheimnissen. In einem der Nachrufe auf Ronald Reagan wurde daran erinnert, daß er bei seinem ersten Treffen mit Gorbatschow die Möglichkeit einer Zusammenarbeit der beiden Blöcke bei der Abwehr von Angriffen außerirdischer Wesen besprechen wollte. Verblüffend an dieser Anekdote ist eigentlich nur, daß sie so lang geheim blieb, so wie auch mal das Aussehen eines Markus Wolf geheim bleiben konnte, während man sich heute schon anstrengen muß, dem fröhlichen Vielschreiber und Politrentner aus dem Weg zu gehen.

Der Himmel ist leer

Forschungsballon der Nasa: "Ätsch"
NASA

Forschungsballon der Nasa: "Ätsch"

Jetzt veröffentlichen rüstige Veteranen des amerikanischen "Skyhook"-Stratosphärenballonprogramms ihre Memoiren und berichten fröhlich, ja nicht ohne einen gewissen "Ätsch"-Unterton, von ihren jahrzehntelangen nächtlichen Geheimexperimenten über Wüsten und Küstenregionen und vergleichen ihre Erinnerungen mit prominenten kollektiven Ufo-Sichtungen weltweit: Mutterraumschiff und Miniraumschiff in den sechziger Jahren über New Mexiko? Das war das Projekt "Grab Bag", wo ausprobiert wurde, ob die Ballons ihre Fracht mit Fallschirmen abwerfen können. Das Lichter- und Formationengewirr drumherum? Manchmal wurden die Skyhooks von Militärhubschraubern begleitet. Manchmal hatten sie schwach radioaktive Ladung an Bord, daher die leicht erhöhten Strahlenwerte an den Landeplätzen. Die berühmten Berichte über eine Gruppe von Ufos, die 1958 in sehr großer Höhe aus der Sowjetunion nach Westeuropa hereinschwebten? "Beschreibt recht genau unsere im Pazifik gestarteten WS461L-Flüge", schreibt B. Gildenberg, einigermaßen herzlos.

Geister-Erscheinung im "Ram Inn" von Wotton-under-Edge, Gloucestershire: "It's very strange"
DPA

Geister-Erscheinung im "Ram Inn" von Wotton-under-Edge, Gloucestershire: "It's very strange"

Wie ein vergessener Skyhook zieht Erich von Däniken noch seine letzten Runden am Ufo-Himmel, das macht aber nichts, er gilt längst als harmloser Kult. Seinem ulkigen Schweizer Erlebnispark sollen aber die Besucher ausgehen, zumindest die zahlenden irdischen.

Die Ufos sind die dramatischsten, aber keineswegs die einzigen Opfer der neuen Zeit. In England sieht man auch keine Geister mehr. Tony Cornell, der Veteran der britischen Geisterbeschreiber, klagt über den Einbruch von sechzig bis achtzig gemeldeten Spukfällen pro Jahr auf null. Cornell kommentiert: "It is very strange" - und der Mann kann das ja wirklich beurteilen!



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